Yes, we camp!

Der Podcast zum Text:

 

Urlaubstechnisch bin ich vergleichsweise flexibel. Ich habe schon in der Sahara unter freiem Himmel und im thailändischen Dschungel genächtigt, aber auch in einem Nobelhotel in Verona mit russischen Oligarchen den Speisesaal geteilt. Aus Gründen. Ich nehme da so ziemlich alles mit, was ich kriegen kann. Wenn ich wählen darf, ist mir ein Wohnwagenurlaub aber tendenziell lieber als ein Aufenthalt im Robinson Club. So haben wir auch dieses Jahr wieder mit dem Karavan mobil gemacht.

Professionelle Zuschauer.

Wir haben nur das Nötigste – also gut zwei Drittel unseres Hausstands –  eingepackt, den Wohnwagen angehängt und sind losgefahren. Im vergangenen Jahr haben wir eine Woche lang in Büsum an der Nordsee kampiert. Allerdings haben wir auf der Rückfahrt, die uns  gemeinsam mit tausenden Wacken-Festival-Abreisenden durch einen semidurchlässigen Elbtunnel führte, ein kleines Mittelstreckentrauma erlitten. Für 455 Kilometer haben wir mehr als 12 Stunden benötigt, wir hätten quasi ebensogut nach Australien fliegen oder mit dem Auto nach Lappland fahren können.

Einbußen bei Krabbenbrötchen

Deshalb haben wir diesen Sommer streckenmäßig etwas kleinere Brötchen gebacken und sind in den Teutoburger Wald gefahren. Schließlich ist es ja auch irgendwie egal, ob man sich an der Nordsee oder in Nordrhein-Westfalen nassregnen lässt, oder? Ein unschlagbarer Vorteil: Ostwestfalen-Lippe ist definitiv weniger touristisch überlaufen als die schleswig-holsteinische Nordseeküste. Vermutlich gibt es Einbußen beim Genuss von frischen Krabbeunbrötchen, das habe ich persönlich jedoch nicht als all zu großen Mangel empfunden. Auch der Sandstrand des Stemmer Sees hat mir besser gefallen als das Watt. Oder zumindest ebensogut. 140 Kilometer Strecke eignen sich zudem hervorragend für einen kleinkindlichen Mittagsschlaf, sodass An- und Abreise verhältnismäßig entspannt von Statten gehen können. Natürlich erinnere ich mich auch lieber an wochenlange Sommerurlaube in vor Hitze glühenden Pinienwäldern an der französischen Atlantikküste. Eine solche Reise gestaltete sich jedoch aufgrund lebensverändernder Maßnahmen wie der Eingewöhnung bei der Tagesmutter terminlich schwierig.

Professionelle Campingplatz-Fortbewegung.

Am Abend bevor wir uns nun also aufmachten in den Kurzurlaub, saßen wir bei meinem Papa am Esstisch – den haben wir nämlich ebenfalls zum Urlauben genötigt [den Papa, nicht den Esstisch] und waren mehr als unschlüssig. Draußen ging seit mehr als 24 Stunden ein Starkregen nieder, dessen Geräuschkulisse bereits an Foltermethoden denken ließ. Ich wägte innerlich ab, ob ich die Gummistiefel überhaupt mitnehmen soll, oder ob man die Kinder der Einfachheit halber nicht gleich barfuß durch den Schlamm waten lässt. Doch während wir uns vor der Nachtruhe noch fragten, ob Gott wohl irgendwo eine zweite Arche in Auftrag gegeben hatte, zog aus der Ferne bereits das nächste Hochdruckgebiet heran. Zumindest blieb der nächste Vormittag niederschlagsfrei, sodass wir es wagten, mit Wohnwagen, großväterlichem Wohnmobil und Familien-Beagle aufzubrechen.

Standesgemäßer Auftakt

Die Zwillbos besaßen auch tatsächlich den Anstand, nahezu die gesamte Anreise zu verschlafen. So waren sie ausgeruht für das Unterhaltungsprogramm auf dem Campingplatz. Während der Mann vor Ort nämlich die Formalitäten klärte und den Wohnwagen einparkte, testeten die Söhne zunächst die Duschtauglichkeit des Springbrunnens vor der Rezeption, um direkt im Anschluss mit ihren Köpfen und Bäuchen den Wasserpegel der umliegenden Pfützen abzumessen. Ja, sie haben darin gelegen. Unter anderem. Zumindest waren die übrigen Zeltplatzgäste so bereits in Kenntnis dessen gesetzt, was sie die kommenden vier Tage von uns zu erwarten hatten. Bevor wir uns also in irgendeiner Form häuslich einrichten konnten, hatten die Jungs ein Drittel ihrer Urlaubsgarderobe in den Modus „nass und dreckig“ versetzt.

Brunnendusche.

Zum nächsten Programmpunkt waren immerhin bereits ihre Campingstühle aufgebaut. Der Zwillbo-Opa mütterlicherseits traf nämlich etwa 30 Minuten später ein und fuhr sich zur allgemeinen Erbauung zunächst einmal mit seinem Wohnmobil in der Schlammpfütze vor dem Stellplatz fest. Nicht nur die Kinder waren hellauf begeistert von den Dreck aufwühlenden Rädern. Alsbald fanden sich die männlichen Mitglieder der umliegenden Campingfahrzeuge ein, um mit in die Hüften gestemmten Händen darüber zu philosophieren, was nun zu tun sei. Da fiel es mir wieder ein: Ach ja, richtig, so war das beim Wohnwagenurlaub – du bist nie allein und immer umgeben von aufdringlichen hilfsbereiten Profis. Ich hatte zwar direkt eingangs angemerkt, der Campingplatz verfüge über einen Traktor, der sicherlich das festgefahrene KFZ aus der Misere befreien könne. Doch sicherheitshalber hat der selbstgewählte Platzrat noch eine gute halbe Stunde damit zugebracht abzuwägen und versucht, das mehrere tausend Kilogramm schwere Gefährt mit eigener Kraft aus dem Matsch zu schieben. Willkommen im Patriarchat!

Logenplätze

Die Zwillbos hatten unterdessen bereits in ihren Stühlen platzgenommen und verfolgten das Geschehen aus der Loge. Mit Keksen und Trinkflaschen. Schließlich rückte – oh welch‘ Überraschung – der Trecker an. Ich nehme an, dass die Stadtkinder dieses Spektakel in ihrer Erinnerung als ihr schönstes Ferienerlebnis verbuchen und Jahre später noch davon in Schulaufsätzen berichten werden. Zudem bot die aufgewühlte Grasnarbe eine wunderbare Matschkuhle für die kommenden Urlaubstage, welche tatsächlich mehr oder weniger niederschlagsarm blieben.

Pfützenyoga: der herabschauende Pudel.

Wenn also das Wetter einigermaßen stimmt, braucht es verhältnismäßig wenig, um mit Kleinkindern Urlaub zu machen: wenig Platz zum Schlafen, wenig Körperpflege, wenig Ruhe [freundlicherweise haben die Zwillbos jeden Morgen pünktlich um 7.15 Uhr den Weckdienst für unseren Platzabschnitt übernommen] und wenig Privatsphäre. Aber irgendwie war es schön. Seit diesem Ausflug sprechen die Jungs täglich davon, „in Ulaub“  zu fahren. Für sie ist eh‘ jedes größere Gewässer das Meer. Ich träume trotzdem heimlich davon, nächstes Jahr mit dem Mann und den Jungs nach Indonesien zu fliegen. So ganz heimlich.

Zeitenwende: Kinderbetreuung

Wem es vor Veränderungen graut, für den sind Kinder nicht immer eine bequeme Angelegenheit. Davon einmal abgesehen, sind Kinder ja generell keine sonderlich bequeme Angelegenheit, aber das ist eine andere Geschichte. Veränderungen sind für mich beste Freindinnen. Sie verursachen mir im Vorfeld Rumoren im Bauch, unruhige Nächte, Anspannung, Ungemach und Kopfzerbrechen. Aber ich weiß mittlerweile, dass sie der Inbegriff des Lebens sind und dass man an ihnen wächst. Dieses Wissen lindert zwar nicht den Sturm, durch den man in Umbruchszeiten hindurch muss, aber es macht das Segel reißfest.

Intuitive Anpassung

Vor knapp einem Jahr haben wir der bis dahin größten Umwälzung im Zeitalter der Zwillbos entgegengeblickt: Der Mann schickte sich an, sein Elternjahr zu beenden und fortan täglich arbeiten zu gehen. Wir haben das gepackt. Es hat uns gutgetan. Wir haben binnen weniger Wochen ganz intuitiv unsere Abläufe und Strukturen an diesen neuen Lebensabschnitt angepasst. Aber aller Anfang war schwierig, genauso wie die Wochen und Tage, an denen wir darauf zu gekrochen sind.

Los geht’s!


Nun schaue ich seit einigen Monaten wieder einer riesigen Veränderung entgegen. Am Horizont, auf den ich blicke, prangen riesige Schriftzüge: Tagesmutter. Betreuung. Eingewöhnung. Loslassen. Abschied. Erneuerung. Freiraum. Schmerz. Freude. Je nach Tagesform ist mal der eine oder der andere größer.

Vor bald zwei Jahren hat sich unsere Familie verdoppelt. Die Tage und Nächte der Babyzeit durften der Mann und ich gemeinsam meistern. Im zweiten Jahr waren die Zwillbos und ich von montags bis freitags tagsüber ein eigenes kleines Planetensystem. An manchen Tagen haben wir uns nur so durchgewurstelt, haben uns irgendwie durch Fieber, Erkältungen, vollgekotzte Laken, Eis, Schnee und Regen gekämpft. An vielen, vielen anderen Tagen haben die Jungs mich jeden Tag aufs neue mit auf Expedition genommen. Wir haben unsere Welt erkundet, haben uns draußen herumgetrieben, haben Vögel, Eichhörnchen und Bauarbeiter belästigt. Wir haben Steine gesammelt, sind durchs Gebüsch gekrochen und in Pfützen gehüpft.

Geneinsam gewachsen

Wir sind gemeinsam gewachsen und haben gemeinsam gelernt. Laufen. Treppensteigen. Klettern. Alleine Schaukeln und Rutschen. Zusammen über die Straße gehen. Autofahrten zu dritt. Einkäufe zu dritt. Alltagskram, der irgendwie so selbstverständlich ist, der mir aber oft viel Planung und Kraft abverlangt. Weil ich eben immer gleich zwei Kleinkinder die Treppen runter und wieder rauf, ins Auto hinein und wieder hinaus oder durch die Supermärkte bugsieren muss. Am besten, ohne sich dabei all zu ernsthaft zu verletzen, ohne unbezahlbare Sach- und Personenschäden anzurichten oder Hausverbot zu bekommen. Allein Drehtüren und Rolltreppen in schwedischen Einrichtungshäusern flößen mir größten Respekt ein, weil ich immer fürchte, einen Zögling nicht richtig im Blick zu haben und damit schlimmste Unfälle zu riskieren. Doch ich finde irgendwie immer einen Weg, derartige Situationen trotzdem zu meistern. Es hilft ja nichts, irgendwer muss die ganzen Teelichter schließlich kaufen.

Weniger Platz für Einkäufe.


Binnen weniger Monate hat sich unser Leben so unglaublich verändert, weil sich die Fähigkeiten der Kinder so unglaublich verändert haben. In der Rückschau kann ich sagen, dass ich viele, viele Augenblicke sehr genossen und bewusst wahrgenommen habe – immer mit dem Gedanken an die Flüchtigkeit des Moments und der Kinderzeit im Hinterkopf. Und doch habe ich uns auch manches Mal in andere Zeiten gewünscht, so ist es eben.

Ich bin wahnsinnig froh, mich für diese zwei Jahre entschieden zu haben. Zwei Jahre, die wir in unserem familiären Mikrokosmos hatten. Zwei Jahre, in denen uns unsere Familie – so gut es über gewisse Distanzen eben geht – unterstützt hat. Zwei Jahre, in denen der Mann und ich aber auch verdammt viel alleine stemmen mussten. Zwei Jahre, in denen ich so gut wie nie die Sehnsucht nach meinem Beruf verspürt habe, wahrscheinlich auch, weil ich durch den Blog eben tagtäglich tue, wofür ich brenne. Zwei Jahre, voller neuer Freundschaften und voller alter, die weiter tragen. Zwei Jahre, voller Wahnsinn, Lautstärke, Lachen, Verzweiflung und Weitermachen.

Vielschichtige Gefühle 

Der Seelen, die zum jetzigen Zeitpunkt in meiner Brust wohnen, sind da viele: Ich fürchte mich. Vor dem jetzt noch Ungewissen. Ich trauere um den Abschied dieser intensiven Zeit – die mütterliche Exklusivität schrumpft mal wieder ein Stückchen mehr. Ein winziger Teil von mir mag nicht loslassen, mag jemand anderem nicht das Recht einräumen, meine Kinder mittags in den Schlaf zu begleiten, mit ihnen all diese neuen Erfahrungen zu teilen. Das ist okay. Dieser Teil darf da sein, denn er ist im Stande, dennoch loszulassen. Das weiß ich, dafür kenne ich mich gut genug.

Neue Abenteuer.


Doch es gibt auch freudige Erwartungen: Ich freue mich darauf, die Begeisterung der Jungs für ihre Betreuung zu erleben, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Abenteurern gut gefallen wird, mit sieben anderen Kindern und zwei Tagesmüttern die Umgebung aufzumischen. Ich freue mich darauf, dass unser aller Welt wieder ein Stück wachsen wird. Ich weiß, dass es Nährstoff für ihre Selbstsicherheit und Sozialkompetenz ist, den Kreis ihrer Bezugspersonen zu erweitern – und der Mann und ich sind uns bei unserer Wahl absolut sicher, unsere Tagesmutter ist ein Wunschlösung und kein Kompromiss.

Es gibt noch einen Aspekt, den ich hier nicht verschweigen möchte: Ich hatte immer den Wunsch, meine Kinder nach Möglichkeit der Jahre lang zuhause zu betreuen. Nach Möglichkeit. Der Wunsch ist älter als die Zwillbos und hatte bei seinen Imaginationen keine Zwillingsmutterschaft berücksichtigt. Und keine anderen Faktoren, die erst spürbar werde, wenn man tatsächlich Mutter geworden ist – eigene Bedürfnisse etwa, Schlafmangel, etc. Der Mann und ich haben immer gesagt, wir pressen uns nicht in irgendwelche Entscheidungen, sondern wir gucken, was für uns passt, was uns guttut, was wir brauchen.

Der Hut ist zu klein 

Im vergangenen Jahr war es für uns alle zu früh – im kommenden wäre es vielleicht zu spät. Denn ich bin oft ganz schön erschöpft. Ich möchte nicht mehr viel länger immer an allen Ecken und Enden diese Hutes zerren, unter den so Vieles passen soll, der dann aber doch kaum ausreicht, um alle Bedürfnisse und Pflichten notdürftig abzudecken. Ich weiß nicht, welchen persönlichen Preis ich für ein weiteres Jahr im Alleingang zahlen würde.

Und insbesondere in den letzten drei Monaten beobachte bei den Kindern einen wachsenden Hunger. Andere Kinder, andere Menschen ziehen sie in ihren Bann. Sie streben in die Welt, lassen mich am Gartenzaun zurück, um mit meiner besten Freundin oder meiner Schwester loszuziehen und der Tag mit ihrer „Nonna“ ist der Höhepunkt ihrer Woche. In diesen Momenten bin ich abgeschrieben. Und stolz. Auf unsere Bindung, die die Kinder trägt, die sie mutig und sicher macht und ihnen gleichsam die vielzitierten Flügel verleiht. Manchmal auch ein wenig unsicher und verblüfft darüber, wie wenig sie mich dann plötzlich brauchen.

Gleichwohl freue mich auf Freiräume, auf berufliche, auf persönliche – und auf akustische. Denn das Leben mit den Zwillbos ist oft vor allem ziemlich laut.

Es werden also neue Zeiten anbrechen. Schon ganz bald.

Überlebensmaßnahmen einer (Zwillings-)Mutter

Eigentlich wollte ich diesen Text schreiben, wenn es passt. Wenn ich mich so richtig motiviert fühle und ein paar frische Formulierungen in den Fingerspitzen habe. Aber es passt halt nicht immer und vielleicht ist es so noch viel echter. Denn in den letzten Tagen ist mir die Frische ein wenig abhanden gekommen. Erfahrungsgemäß gehört das dazu, wenn man mit Kindern zusammenlebt. Oder wenn man lebt im Allgemeinen. Wenn man aus unterschiedlichen Gründen zu wenig schläft – zuweilen, weil man unvernüftigerweise das Buch noch zu Ende lesen musste. In anderen Nächten, weil man gegen 2 Uhr früh um eine Portion Nudeln gebeten wird. Und zwar lautstark. Nicht, dass ich dann nächtliche Pasta-Gerichte servieren würde. Doch auch das Ausdiskutieren des Bedürfniskonflikts sowie die Beschaffung eines Stück Brots (schließlich muss bei uns auch nachts niemand hungern) kosten Zeit. Und Schlaf.

Zweitweise sind aber auch die Tage anstrengend. Ich habe gestern zum Mann gesagt, dass ich noch nie so viel angebrüllt worden bin wie in den vergangenen zwei Jahren. Man gewinnt ja bei sich entwickelnden Kleinkindern den Eindruck, als müsse eine Persönlichkeit, ein eigener Willen herausgeschrien werden. Laut und deutlich. Laut vor allem, deutlich oft weniger. Alles andere wäre zu einfach. Mich stresst das. Mal mehr, mal weniger. Selbstverständlich herrscht hier nicht dauerhaft unterirdische Stimmung, allerdings betreue ich die Zwillbos immer noch tagsüber weitgehend allein. Also bekomme ich auch immer die volle Packung Stimmung ab – natürlich auch die Gute. Ich versuche zu verstehen, zu trösten, auszuhalten, zu ermöglichen, zu begleiten und wenn erforderlich, auch Grenzen zu setzen. Das kostet mich oft wahnsinnig viel Energie, zumal hier zwei sehr unterschiedliche Kinder abgestiegen sind, die unterschiedliche Bedürfnisse haben, sich aber nicht scheuen, diese in der ihnen eigenen Vehemenz zu äußern. Bäääm.

Eine der größten Anstrengungen bedeutet es für mich persönlich, morgens zeitgleich mit der Brut wachzuwerden. Oder von einem Kleinkindfinger zwangsgeweckt zu werden, der sich in mein Auge oder meine Nase schiebt, vielleicht auch in mein Ohr. Ich kann gut früh aufstehen, aber ich kann dann nicht gut etwas mit Menschen zu tun haben. Das ist als Mutter eher ungünstig. Ich bin körperlich eine Lerche mit der Psyche einer Nachtigall. Oder so ähnlich. Metaphorisch gesprochen, versteht sich. Wenn ich von der ersten Sekunde des Tages an gleich als Auftragsempfänger und Bedürfnisbefriediger fungieren muss, könnte ich morgens schneller heulen als man das Wort „Kaffee“ ausgesprochen hat.

Zeit für mich allein

Also habe ich irgendwann damit begonnen, mich morgens um eine Zeit für mich ganz allein zu bemühen. Wenn man natürlich mit Kindern zusammenlebt, die bereits um 4.30 Uhr das Bett verlassen, wird das schwierig. Dann habe ich dafür leider auch keine Lösung und wünsche viel Glück! Die Zwillbos schlafen in der Regel etwa bis 7 Uhr – mal länger, mal kürzer. Also klingelt mein Wecker um 6 Uhr. 

Seit etwa zwei Monaten tue ich dann etwas, gegen das ich mich jahrelang immer gesträubt habe. Keine Zeit, keine Lust, keine Ruhe, kein Wasauchimmer. Ich meditiere. Weil ich das noch nicht all zu lange tue, höre ich dazu Podcasts mit geleiteten Meditationen, beispielsweise von Laura Seiler. Seit neuestem nutze ich auch die Freeversion der App 7Mind, die mir bislang auch sehr gut gefällt. So verbringe ich die ersten 10 bis 20 Minuten den Tages. Ich trinke Wasser, ich esse eine Banane, und ich versuche erstmal anzukommen und zu gucken, wie es mir so geht und was mich beschäftigt.

Es gibt Tage, an denen werde ich dabei unterbrochen, weil eben doch schon ein Zwillbo aufsteht. Dann ärgere ich mich sehr, muss aber doch irgendwie damit leben. Wenn man mich jedoch noch lässt, mache ich ein bisschen Yoga. Auch das beherrsche ich noch nicht wahnsinnig gut, aber es tut mir gut. Auch während der Schwangerschaft hat mir Yoga sehr geholfen, beweglich zu bleiben. 

Mittlerweile ist es so, dass es mich einerseits wachmacht und in den Tag holt, dass es mich ausgleicht, konzentriert und entspannt. Dass es mir aber auch körperlich ziemlich guttut. Schließlich muss ich immer noch ziemlich häufig mindestens ein, meist eher zwei Kinder die Treppen rauf und runter tragen. Meistens hole ich mir bei Youtube Inspiration und Anleitung, zum Beispiel bei Mady Morrison. Aber insbesondere für Anfänger finde ich es wichtig, auch mal Yogastunden zu nehmen, damit man gut angeleitet wird.

Werkzeuge für mehr Energie

Weil ich mir schon seit der Schwangerschaft meine Energie mit zwei weiteren Menschen teile, ist es überlebenswichtig, dass ich gut dafür sorge, dass davon irgendwie ausreichend zur Verfügung steht. Ich sage es gleich: Das gelingt mir nicht immer, weil ich leider auch noch oft über meine Grenzen gehe. Schließlich möchte ich in der wenigen freien Zeit immer so viel wie möglich erleben, entspannen und erledigen – eine Rechnung, die nie aufgeht. Yoga und Meditieren sind für mich mit die wichtigsten Werkzeuge, damit es mir gut geht und ich genug Kraft für unsere Tage (und Nächte) habe. Noch wichtiger ist es eigentlich, gut zu essen und ausreichend zu trinken. Es kostet natürlich auch wieder Energie, sich selbst mit etwas Frischem zu versorgen, anstatt mal eben auf die Schnelle zu Schokolade oder Snacks zu greifen. Aber mir geht so viel besser seitdem ich in dieser Hinsicht nicht immer den bequemsten Weg gehe. 

Vor der Schwangerschaft habe ich mich komplett vegan ernährt. Während des Ausbrütens der Zwillbos stand dann einmal komplett alles Kopf, und nun esse ich vegetarisch, allerdings versuche ich, weitgehend auf tierische Erzeugnisse zu verzichten. Das tue ich zum Einen aus ethischer Überzeugung, zum Anderen aber auch, weil es mir besser bekommt. Bevor jetzt Fragen auftauchen: Alle Männer in diesem Haushalt bekommen so viel Fleisch und Käse und Milch wie sie möchten.

Ich treffe die Entscheidungen über meine „Freizeit“

Um irgendwie energetisch auf meine Kosten zu kommen, um gut zu schlafen – sofern man mich lässt, mich wohl und zufrieden zu fühlen, muss ich mich selbst kümmern. Es bleibt wahnsinnig wenig Zeit für eigene Bedürfnisse, wenn Kinder klein sind und man wenig Unterstützung hat. Aber ein wenig Einfluss hat man schon. Ich versuche, das Bisschen Zeit, das bleibt, qualitätsvoller zu verbringen als früher. 

Das klappt mal besser und mal schlechter, aber es ist eine Angelegenheit, die man üben kann und darf. Schließlich kann sich jeder frei entscheiden, wie er die Stunde mittags oder am Abend nutzt, ob man die Bude wienert oder die Seele*. Also bemühe ich mich darum, mich nicht zu sehr in sozialen Netzwerken zu verlieren und zu viel Zeit darauf zu vergeuden, mir Bilder wildfremder Menschen anzuschauen – aber auch das passiert noch, und ich finde es okay. Wenn meine Kraft reicht, mache ich ein bisschen Sport, ich lese lieber anstatt Serien zu schauen, weil mich das abends besser enstpannt.

Eigentlich wollte ich gerade schon schreiben, dass es nicht „viel mehr“ ist. Doch das stimmt nicht ganz. Ich bemühe mich, mir abends drei bis fünf Minuten zu nehmen und mir zu notieren, was an dem Tag gut war. Die negativen Dinge sind uns sowieso immer zu sehr im Fokus, deshalb haben die dann mak Pause. Manchmal war es vielleicht nur der Kaffee oder dass ich duschen konnte. Aber eigentlich finde ich immer etwas – kleine Situationen mit den Kindern, plötzliche Wendungen der Stimmung, ein Mensch, der mich angelächelt hat. 

Manchmal kann ich kaum 3 Dinge finden, manchmal sind es 30. Während ich diese Punkte früher in mein Handy getippt habe, schreibe ich sie mittlerweile in ein eigens dafür angeschafftes Notizbuch. Irgendwie wirkt es so noch besser. Und nicht selten gehe ich dann doch mit einem ziemlich guten Gefühl schlafen, obwohl der Tag chaotisch war. Ich versuche, dankbar zu sein, für alles, was ich bin, was ich habe und für die Menschen, die ich um mich habe. Das verändert enorm. Ich glaube, mein Schwiegerpapa war es, der es mal so treffend formulierte: „Danken schützt vor Wanken.“
Also danke ich auch allen, die bis zu diesem Schlusssatz gekommen sind, auch wenn es heute mal weniger erheiternd, dafür aber vielleicht hilfreich gewesen ist. Ich freue mich sehr über alle, die von uns lesen mögen und mir schreiben, denn ein Blog ist keine Einbahnstraße. Danke!

Alles Liebe,

Juli

 

*Der Mann wird an dieser Stelle jetzt den Kopf schütteln, weil ich dem Aufräumen und Putzen immer noch oft zu viel Bedeutung schenke.

Da muss man doch mal durchgreifen. Oder?!

Ich saß ja früher unbewusst dem Irrtum auf, dass man Kinder halt einfach so bekommt, sie dann da sind und man sein Leben weiter lebt, nur eben dann mit ihnen. Ihr habt jetzt zehn Sekunden Zeit, um lauthals über meine Einfältigkeit zu lachen, danach bitte ich wieder um Anteilnahme. Es war auch ganz gut, dass ich so dachte, denn sonst wäre unser Spielzimmer* möglicherweise mein Arbeitszimmer geblieben, denn ich weiß nicht, ob ich mir das, was ich nun tagtäglich tue, tatsächlich zugetraut hätte. Ich bin Krisenmanagerin, Bombenentschärferin, emotionale Flugbegleiterin – die auch Säfte anbietet, Geduldsfadenneuknüpferin und Deeskalationsexpertin. Alles ungelernt, wohlgemerkt. So wie alle Eltern. 

Sicherlich, ich habe zuvor davon gehört, dass kleine Kinder nicht immer Asse im Schlafen sind, dafür aber gerne vor Supermarktkassen liegen und Passanten mit ihrem Gebrüll in Aufruhr versetzen. Aber ich habe mich nicht darum geschert. So schlimm kann das ja wohl nicht sein, habe ich mir gedacht. Da muss man dann halt mal durchgreifen. Konsequent bleiben. Sonst machen die ja, was sie wollen oder werden spätestens im Erwachsenenalter entweder zu scheußlichen Mitbürgern, zu feuerlegenden Wahnsinnigen oder zu Präsidenten der Vereinigten Staaten. Oder alles zusammen. Aber nicht mit mir, dachte ich. 


Dann wurde ich Mutter. Und ich begann zu begreifen, wie viel Nazi in mir steckt. Denn all diese Ängste und Gedanken, Babys zu verwöhnen, Kleinkinder zu verhätscheln, Tyrannen heranzuziehen, haben ihre Wurzeln in der Zeit, in der man gebrochene, gefügige Seelen brauchte, die sich munteren Herzens vor die Kanonen gegnerischer Soldaten warfen. Aber große Helden in Beziehungs- und Bindungsfähigkeit waren sie wohl nicht. Das war auch nicht gewünscht. Ebensowenig wie Selbstwertgefühl und der Mut, zu sich selbst zu stehen. 

Kämpfe rauben Energie

Ich kann dank Blogs wie diesem jetzt glücklicherweise verstehen, was in dem erst recht rudimentär herangereiften Gehirn der Zwillbos von Statten geht, wenn sich einer von ihnen mal wieder durch die komplette Palette an Gesichtsfärbungen brüllt. Macht es das einfacher? Oft schon. Denn ich kämpfe nicht mehr jeden Kampf. Das raubt mir viel zu viel Energie. Das gibt am Ende nur emotional Verletzte. Ich glaube standhaft daran, dass es den Jungs in dieser Phase ihres bislang knapp zweijährigen Lebens entgegen vieler Annahmen nicht darum geht, partout ihren Willen durchzusetzen. Und dass es im Umkehrschluss meine Aufgabe ist, ihnen durch diese Rechnung einen hübschen Strich zu machen. Puh. Glück gehabt. Das wäre ja noch anstrengender als es ohnehin schon ist. 


Natürlich möchten die Kinder ihren Willen durchsetzen. Aber nicht des Machtkampfes halber. Sondern weil sie diese Welt erkunden möchten. Weil sie ausprobieren und lernen möchten. Weil sie hungrig sind auf das Leben, und zwar so sehr, dass ihnen dessen Erprobung am allerwichtigsten ist. Dass sie noch nicht alles können und am Ende auch nicht alles dürfen – schließlich sind beispielsweise Autos stärker und gefährlicher als Zwillbos – ist da für sie höchst ärgerlich, manches ist frustrierend, anderes traurig und zum Heulen. Ein Keks, der einfach unwiederbringlich entzwei bricht etwa. Oder eine Banane, die an der Supermarktkasse erst abgewogen werden muss, bevor man sie essen kann. Das lassen sie raus. Denn viele Instrumente zur Affektregulierung haben sie noch nicht. 

Das ist nunmal mein Job

Und wie ich sie gefüttert habe, als sie es selbst noch nicht konnten, ist es nun selbstverständlich, dass ich ihnen dabei helfe, ihre Gefühle zu regulieren. Das ist mein Job. Aber niemand behauptet [jetzt mehr], dass das leicht ist. Oder dass es mir immer zu 100 Prozent gelingt und immer Spaß macht. Manchmal werde ich auch ungeduldig und genervt. Ich darf das. Schließlich bin ich ein Mensch. Aber ich bemühe mich, ihnen zu zeigen, dass ich ihr Bedürfnis verstehe. Und ihren Frust, wenn es nicht möglich ist, es zu befriedigen. Weil ich zum Beispiel nachts kein Apfelmus neben dem Bett stehen habe oder um 5.07 Uhr in der Frühe kein Eis serviere. Ich versuche, das auszuhalten. Woher soll man schließlich mit 22 Monaten wissen, dass es auf dieser Erde zwar Usus ist, derlei Dinge zu essen und sich daran zu erfreuen, dass es dafür aber bestimmte Zeiten gibt, die von Erwachsenen vorgegeben werden. 


An dieser Stelle wird es Zeit zu gestehen, dass dieser Text ursprünglich in eine ganz andere Richtung gehen sollte. Ich wollte mich eigentlich darüber auslassen, wie anstrengend und verunsichernd die so genannten Autonomiephase manchmal für mich ist. Ich wollte beschreiben, was hier zuweilen abgeht. Wie wir damit umgehen. Wie wir manchmal gefühlt scheitern, wie wir uns fragen, ob Unterdrückung nicht doch der bessere Weg wäre und wie wir uns ab und an fragen, ob derartige Ausraster nicht vielleicht doch schon verhaltensauffällig sind. Und dann habe ich begonnen zu schreiben, und was ist einfach so aus meinen Fingern herausgeflossen? Ein Plädoyer für unseren Wunsch nach gewaltfreier Kommunikation, nach einer Erziehung, die diesen Begriff eigentlich überflüssig macht. Weil ich jeden Tag sehe, dass es ausreicht, gute Beziehung, Freundlichkeit und Rücksichtnahme vorzuleben, um aufrechte Menschen heranwachsen zu lassen. Weil Liebe stärker ist als verstaubte Dogmen. Weil wir mit unseren Kindern leben und sie nicht für Gefühle bestrafen und in eine Ecke setzen möchten. Weil mein Wunsch, für sie da zu sein, stärker ist als mein Verlangen nach Gefügigkeit. 

Selbstverständlich habe ich manchmal Zweifel. Aber nie lange. Denn eins habe ich immer mehr: Liebe. Deshalb bemühe ich mich, mit meinen Kindern genauso umzugehen, wie ich es mir für mich wünsche: mit Respekt und Geduld und Wertschätzung. 

*Wir haben bislang kein richtiges Kinderzimmer, die Zwillbos schlafen noch bei uns.

Rezension/Verlosung: Bakabu und der goldene Notenschlüssel

Kooperation

Das Urteil der Sympathie fällt bekanntermaßen ziemlich schnell. Bakabu, der kleine Ohrwurm, der im neuesten Band von Ferdinand Auhsers  Kinderlieder-Buchreihe „Hör zu, Bakabu“, die Hauptrolle spielt, mochte ich gleich. Denn in „Bakabu und der goldene Notenschlüssel“ bekommt er einen wichtigen Auftrag  – und den setzt er in den Sand, zumindest zunächst.

Bakabu, dessen Wurzeln in sehr traditionellen, regelkonformen Boden ragen, hat die Wahl: Entweder lässt der Ohrwurm sein persönliches Lied, das er geschenkt bekommen soll, Lied und den Notenschlüssel Notenschlüssel sein. Oder der mutige, nicht ganz so angepasste blaue Kerl macht sich auf den Weg zur gefürchteten Donnerinsel.

Es ist eine Erzählung übers Scheitern und die Chancen, die daraus erwachsen. Eine Erzählung, die Kindern zeigt, dass es sich lohnt mutig zu sein, das Fremde anzunehmen und kennenzulernen, um am Ende festzustellen, dass man so dazugewinnt: an Freunden, an Erfahrung und an innerer Größe. Es ist ein Buch vom Über-sich-selbst-hinaus-Wachsen, das seine jungen Leser mit großflächigen Aquarell-Zeichnungen in Staunen versetzt.

Schauspieler Christian Tramitz („Der Schuh des Manitu“, „Lissi und der wilde Kaiser“, …) erweckt mit seiner Stimme im beiliegenden Hörbuch die Geschichte zum Leben. Insbesondere etwas ältere Kinder können dem Abenteuer so auch ohne Erwachsene lauschen. Die jeweiligen Kapitel werden symbolisch auf der entsprechenden Buchseite angezeigt, so dass die Kinder sich gut im Buch orientieren können. Obschon die Zwillbos mit ihren knapp zwei Jahren noch keinen längeren Erzählungen lauschen, mögen sie die Geschichte von Bakabu in ihren bunten Bildern. Spätestens im kommenden Jahr, werden wir aber sicher richtig daraus vorlesen können. (

Wenn ihr ein Exemplar des Buchs gewinnen möchtet, hinterlasst mir bis zum 30. Juni einen Kommentar auf dem Blog, auf meiner Facebook-Seite oder unter dem entsprechenden Post bei Instagram. Viel Glück!

 

Bakabu und der goldene Notenschlüssel
1. Auflage 2017
50 Seiten
Ferdinand Auhser Verlags GmbH
ISBN: 978-3-9504391-0-6
http://www.bakabu.at



Projekt-Info

Seit mehreren Jahren arbeitet ein Team aus Komposition, Sprachwissenschaft, Philosophie und Pädagogik an dem Projekt SprachSpielGesang.

„Hör zu, Bakabu“ ist eine daraus hervorgegangene Album-Reihe, bestehend aus 4 Büchern mit jeweils 2 CDs und 15 neuen Liedern zur sprachlichen Frühförderung aller Kinder im deutschen Sprachraum. Album 1 und Album 2 sind bereits 2016 erschienen.  (Quelle: http://www.bakabu.at, 25. Juni 2017)

Spielplatz für Fortgeschrittene – und Bewegungsfreudige

Bereits meine Grundschullehrerin attestierte mir seinerzeit gute Eignung, vor Publikum aufzutreten. Schriftlich. Auf dem Zeugnis. Sie konnte es zwar leider nicht sonderlich schmeichelhaft formulieren, doch die Botschaft war unverkennbar: Die kleine Juli hat das Zeug dazu, anderen die Langeweile zu vertreiben. Im Unterricht war ihr das allerdings nicht so recht. Mit Ende der Schulzeit ist mir dieses Talent irgendwie etwas aus dem Bewusstsein geraten. Kürzlich konnte ich es wiederentdecken – auf einem öffentlichen Spielplatz. 

Gestaltung des Freigangs

Der Freigang der Zwillbos gestaltet sich wie folgt: Da wochentags für gewöhnlich nur ein Erziehungsberechtigter mit den Nachkommen unterwegs ist – in der Regel ich – suchen wir uns zwillingstaugliche Lokalitäten: wenig Ein- und Ausgänge, wenig Verkehr, wenig andere Eltern [ok, das hat weniger mit der Zwillings- als mit der Juli-Tauglichkeit zu tun]. Ich benötige Orte, die gut zu überschauen sind, an denen kein Kind ohne weiteres verloren gehen oder überfahren werden kann. Es gibt ein paar Parks und Spielplätze in der Nähe unserer Wohnung, die diesbezüglich Eignung aufweisen. Dort treiben wir uns vormittags rum. 

Schön, wenn sie…

Neulich war ich auf einem Spielplatz verabredet, auf dem wir das letzte Mal waren, als die Zwillbos noch die Geschwindigkeit zweier Schildkröten aufwiesen und sich auch recht reptilienartig fortbewegten. Nun haben sie unterdessen ordentlich Evolution in eigener Sache betrieben und sind sind auf zwei Beinen ziemlich schnell unterwegs. Besagte Freizeitstätte liegt am Rande eines Parks. Es gibt drei Spielbereiche, die durch Hügel von einander abgegrenzt sind. Es gibt Treppen, die zu einer Straße führen, und es gibt Hasen. Viele Hasen. Menschen mit Zwillingserfahrung haben möglicherweise bereits eine Ahnung, wie sich der Nachmittag gestaltete. 

Während alle anderen Anwesenden maximal ein Kind überwachen müssen – manche auch nur ein halbes, denn sie sind gleich zu zweit mit dem Zögling angetreten – bin ich alleine mit den überaus bewegungsaffinen Söhnen zugegen. Die Eltern und Elternteile stehen oder sitzen am Sandkastenrand, plaudern entspannt oder unterhalten sich angeregt. Ich setze die Brut ab und das Spektakel beginnt. 

Expressfunk der Synapsen

Während Pepe versucht, die zwei Meter hohe Rutsche zu erklimmen, macht sich Mads direkten Weges auf in Richtung Treppen und Straße. Meine Synapsen funken in Expressgeschwindigkeit und kommen zu dem Schluss, dass der Sturz von einer Leiter zwar gefährlich, jedoch nicht so lebensbedrohlich wie der Zusammenstoß mit einem Auto ist. Ich sprinte los, schnappe mir Mads und düse mit ihm zur Rutsche, wo ich gerade noch Pepes Bein zu fassen bekomme, bevor er ins Leere tritt. 

Ich atme kurz durch, versuche meine Bekannten über den aktuellen Stand unseres Lebens in Kenntnis zu setzen, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich der Zweitgeborene wieder davonmacht. Ein Hase. Mads betrachtet es als seine Aufgabe, den Puls des Tieres in die Höhe zu treiben und nimmt Verfolgung in die Weiten des Parks auf. Pepe hat unterdessen die Besteigung einer Holzhütte für sich entdeckt, die mir aber weitgehend sicher erscheint. Ich suche mir einen Ort, an dem ich beide ungefähr gleich gut im Blick habe, was in Anbetracht der ganzen Hügel und des sich fortbewegenden Mads‘ gar nicht so einfach ist. Ich winke meinen Krabbelgruppenfreundinnen, die sich fröhlich unterhalten, von Weitem zu.

…an der gleichen Stelle spielen…

 Pepe findet jetzt auch Tiere interessant, allerdings andere als Mads, so dass sich die zu beschützenden Subjekte nun in unterschiedliche Richtungen in Bewegung setzen. Als ich sie aus den Augen zu verlieren drohe, renne ich los, fange Pepe ein und setze ihn in der Nähe seines Bruder ab. Vielleicht einigen sie sich ja auf die gemeinsame Verfolgung eines Eichhörnchens. Ich habe mich leider geirrt, Pepe ist verärgert und düst wieder davon, während Mads erneut die Treppen anpeilt. Ich lasse ihn kurz gewähren, in der Hoffnung, er dreht vielleicht am oberen Absatz um und kommt zurück. Doch straft die Realität meine mütterliche Naivität Lügen, und er marschiert weiter Richtung Straße. 

Dysfunktionaler Klebeeffekt

Nun werde ich sehr schnell und pfeife den Sohn zurück. Das findet dessen Bruder so interessant, dass er die soeben in die Hand genommene Schaufel fallen lässt und zu uns stößt. Er muss direkt mal überprüfen, ob das Verkehrsunfallverbot auch für ihn gilt. Tut es, und ich schleppe zwei sich windende, wütende Zwölf-Kilo-Pakete zurück Richtung Sandkasten. Dort versuche ich mit Apfelschnitzen und Keksen einen Klebeeffekt auszulösen. Dieser funktioniert – allerdings leider nur bei fremden Kindern. 

Als sich die Zwillbos wieder rennend aus meinem Sichtfeld entfernen, drücke ich einer Mutter neben mir die Verpflegung in die Hand und verlasse die Bank. Ich spüre die Blicke der anderen Eltern genau. Sie sind eine Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Erleichterung. Erleichtert darüber, nicht in meiner Haut zu stecken. Ich kann sie verstehen. In manchen Situationen stecke ich selbst nicht fürchterlich gerne in meiner Haut. Diese ist eine davon. 

…aber nicht immer die Regel.


Pepe möchte jetzt schaukeln. Ich entspreche seinem Wunsch. Selbstverständlich möchte der Junge dies naleine tun. Ich platziere ihn auf der Schaukel, schärfe ihm ein sich GUT festzuhalten und gebe im leichten Anschwung. Unterdessen macht Mads es sich zur Aufgabe, einer Taube das Leben schwer zu machen und stürmt hinter dem Tier her, das sich ein paar Kekskrümel unter der Spielplatzbank zu Gemüte führen wollte. Ich behalte den Aggressor von der Schaukel aus im Auge und beobachte, wie irgendwas am Boden seine Aufmerksamkeit erregt. Bitte keine Kippe, flehe ich in Gedanken, und werde erhört – es ist ein abgesplitterter Flaschenboden. 

Wackelkandidat und Windeldesaster

Pepe lässt die Schaukel nicht los und kreischt als ich ihn ruckartig zu entferne versuche, also muss ich den Wackelkandidaten dort sitzen lassen, während ich losrenne, um den Zwillingsbruder vor entstellenden Schnittverletzungen zu bewahren. Ich komme rechtzeitig bei Mads an, der die Beute, die seine Mutter so aufregt, sind kampflos aus der Hand geben will. Ich entwinde sie ihm, ohne einen von uns zu verletzen, was mit wütendem Gebrüll quittiert wird. Als ich mich umdrehe, sehe ich gerade noch, wie Pepe von der Schaukel rutscht und auf dem Rindenmulch landet. Immerhin brüllen nun beide Kinder. Mir ist ziemlich warm, trotz einsetzenden Nieselregens.

Das Desaster nimmt seinen Höhepunkt in Pepes voller Windel und seiner Unentschlossenheit, ob er jetzt gewickelt werden möchte oder nicht. Es gibt noch mehr Tränen und eine anstrengende Open-Air-Wickelaktion. Ich bin froh, als beide Kinder irgendwann im Wagen sitzen und ich nach Hause schieben darf. Ich werde den Verdacht nicht los, dass bei einer Wiederholung die anderen Spielplatzbesucher Popcorn und Eiskonfekt mitbringen. 

Dem Bette so nah, dem Schlafe so fern

Lange Zeit haben wir uns damit gebrüstet, dass die Zwillbos abends schneller einschlafen als man „Gute Nacht“ sagen kann. Ich weiß, das soll man nicht. Man soll bezüglich der Kinder nichts über den grünen Klee loben, da es eine Art Eltern-Karma gibt, welches diese Vermessenheiten auffängt und einem postwendend die größten Krisen schickt, damit man wohl bloß nicht zu abgehoben wird in diesem Elternding. Möglicherweise dient das auch der natürlichen Geburtenkontrolle. Wir haben es trotzdem getan. Teils aus einer gewissen Naivität heraus, teils, weil wir bezüglich des Schlafens sonst nichts in der Hand hatten. 

Eltern lügen

Weder schliefen die Zwillbos auch nur annähernd durch oder sonderlich lange aus. Noch bescherten sie uns Mittagsruhen, die sich über rekordverdächtige, nicht enden wollende Stunden zogen, so wie wir es von anderen Eltern zuweilen hörten. [Wenn ich nicht daneben lag, schliefen sie nie länger als 30 bis 40 Minuten – was sich allerdings mittlerweile geändert hat.] Obschon ja in kaum einem Lebensbereich so viel erstunken und erlogen wird, wie in der Elternschaft – mal abgesehen von uns! Wir sind immer total authentisch und ehrlich.

Wer schläft, hat recht.


Jedenfalls verfolgten wir für längere Zeit am Abend eine Ein-Kind-Politik – jedes Elternteil brachte ein Kind ins Bett. Das heißt, nach der gemeinsamen Ansicht eines Bilderbuchs schnappte sich jeder einen Zwillbo, legt ihn ins Bett oder auf die große Matratze, auf der die Jungs mittags immer gemeinsam schlafen, legt sich daneben oder behält, wie ein meinem Fall, das Kind noch ein wenig im Arm, bequatscht die Ereignisse des Tages, summt ein Liedchen und Adieu. Das funktionierte sowohl im gemeinsamen als auch in getrennten Zimmern. 

Schlaftraining

Ja, auch ich habe davon gehört, dass es Kinder gibt, die man schon im Babyalter in irgendein entlegenes Stübchen legt, wohl zu ruhen wünscht und dann den Raum verlässt, ohne dass es Proteste gibt. Manche Eltern „trainieren“ so etwas ja auch mit ihren Kindern, was soll aus diesen schließlich mal werden, wenn sie nicht alleine einschlafen können?! Einigen mächtigen Politikern in dieser Welt hätte es meines Erachtens allerdings nicht geschadet, wenn man sie etwas liebevoller ins Bett gebracht hätte. Und vermutlich tendiert die Zahl der Erwachsenen, die nach nächtlichem Aufwachen auf die Umarmung und den Gesang ihrer Mutter angewiesen sind, obwohl sie kein Schlaftraining hatten, gegen null. Mir ist zumindest niemand bekannt, der dann nachts seine Eltern anruft. Außerdem mögen wir diesen gemeinsamen Tagesabschluss sehr. 

Irgendwann kam bei uns allerdings das Bedürfnis auf, einen Elternteil von der abendlichen Routine abzuziehen. Der könnte dann je nach Bedarf schon mal aufräumen, Essen vorbereiten, die Füße hochlegen oder die Flucht ergreifen. Die Zwillbos finden diese neue Praxis höchst spannend. Die ersten beiden Wochen waren wild. Da muss man doch alle 30 Sekunden noch mal über die Mutter/den Vater klettern, die/der zwischen den Kindern liegt, um zu gucken, ob der Bruder noch da ist. Sicher ist sicher. Dann hat man noch mal Durst. Wenn man selbst keinen hat, hat aber garantiert der Zwilling welchen und dann möchte man doch auch selbst gerne noch was trinken. Dann muss man noch mal kurz ein bisschen erzählen – am besten in einer Lautstärke, die den Bruder, der eben bereits wegdämmerte, zurück ins Hier und Jetzt holt. Dann kann der nämlich auch nochmal was erzählen. Und etwas trinken. Und sich noch 15 Mal rumdrehen.

Mehr Routine

Vom Hinlegen bis zum Einschlafen waren 45 Minuten anfangs oft keine Seltenheit. Und das obwohl wir die Kinder mittags immer genauso hinlegen: eins links, eins rechts, man selbst liegt in der Mitte und singt ein Schlafliedchen – wenige Minuten später schlafen sie so tief, dass es keine Schwierigkeit ist, ihnen Schlafsäcke anzuziehen, die zuvor verweigert wurden, ihnen die Nägel zu schneiden oder sie in ein anderes Bett umzulegen. Nicht so abends. Allerdings muss ich da ein wenig differenzieren. Es ist definitiv schon routinierter geworden. Der Mann ist grundsätzlich schneller aus dem Zimmer raus als ich. Seltenst überkommt die Zwillbos an einem Papa-Abend ein urplötzlicher unstillbarer Durst wie bei mir. Und an Papa muss man sich auch körperlich nicht so klammern wie an mich. Während der warmen Abende kann das schon mal ein wenig unangenehmer sein. Generell mag ich es aber schon, dass die Jungs dann noch mal ein wenig Nähe suchen – tagsüber haben sie schließlich meistens besseres zu tun. 

Ohne Körperkontakt? Ohne Mads.


Und so liege ich da jeden zweiten Abend zwischen zwei Wühlmäusen. Alle fünf Sekunden müssen sie ihre Liegepositionen wechseln – Kopf auf Mamas Bauch legen, auf den Rücken drehen, wieder runter krabbeln – bis sie denn irgendwann ihre endgültige Parkposition erreicht haben. Dann müssen sie noch ein bisschen singen und erzählen, und dann muss ich singen. Weil sie Motorräder zu einem der wichtigsten Fahrzeuge unter dieser Sonne erklärt haben, muss ich „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ singen, aber bitte nur diese eine Zeile in Endlosschleife, sonst gibt es sofort zweistimmigen Ärger. An manchen Abenden gewährt man mir gewissen Varianzen. Dann darf auch schon mal der Opa im Hühnerstall Motorrad fahren. Oder eines der Großelternteile muss in der Viehunterkunft Bagger fahren. Am Ende bin ich jetzt ganz froh, dass ich mir bislang nicht die Mühe gemacht habe, klassische Schlaflieder auswendig zu lernen. Meistens dauert es jetzt auch weniger als 30 Minuten bis sie eingeschlafen sind. Meistens.

Um eventuellen Fragen vorab zu begegnen: Nein, die Zwillbos schlafen nicht beide in ihren Betten oder in einem eigenen Zimmer. Pepe schläft meist in seinem Beistellbett, in das wir in später legen, kann aber jederzeit zu uns rüberkraxeln, Mads schläft am liebsten und besten mit Körperkontakt im großen Bett. Wenn es zu unruhig ist, trennen wir uns nachts und jeder schläft mit einem Kind in einem Zimmer, so bekommen alle am meisten Schlaf. Ich persönlich bin zum einen zu bequem, für jeden Mux nachts aufzustehen und mein Bett zu verlassen. Außerdem schlafe ich wesentlich schneller wieder ein, wenn ich einfach liegen bleiben und nur eine Wasserflasche oder einen Schnuller anreichen muss. 

 Was an Muttertag wirklich geschah 

Der Muttertag ist den Zwillbos in diesem Jahr so wichtig, dass sie extra dafür eine Stunde früher aufstehen. Zudem sind sie am Vorabend erst gegen 21 Uhr eingeschlafen – ganz offensichtlich verbringen sie gerne ihre Zeit mit mir und machen daraus rund um den Ehrentag aller Lebensspenderinnen der Nation keinen Hehl. 

Noch bevor ich mir den ersten Kaffee machen darf, zerlegen die Jungs auf dem Küchenfußboden Teebeutel. Sie zerlegen sie nicht etwa nur in ihre Bauteile. Nein, binnen weniger Minuten befindet sich ein erheblicher Teil der belebenden Mischung „Bergkräuter“ außerhalb der Beutel. Man darf das ruhig positiv bewerten, schließlich kommt durch die zusätzliche Bewegung beim Staubsaugen mein müder Kreislauf in Schwung. 

Das Drama mit den Eiern

Wir frühstücken. Unter anderem gekochte Eier. Das hat zwei Seiten. Ginge es nach Mads und Pepe, würden sie Eier zum Grundnahrungsmittel erklären, sie sind quasi besessen davon. Dass man allerdings warten muss, bis sie auf Verzehrtemperatur abgekühlt sind, davon halten sie gar nichts. Vielleicht wäre es mal eine Überlegung wert, die Eier auf einem Campingkocher im Badezimmer zuzubereiten und als große Überraschung zu servieren. Das würde vermutlich weniger Unmut bringen als das Live Cooking. 

Bis die Eier dann so temperiert sind, dass Kleinkinder an ihnen keine Verbrennungen erleiden, ist zumindest Mads‘ Stimmung von Vorfreude in – nennen wir es mal akute Dissonanz – umgeschlagen. Auf gar keinen Fall sieht er sich im Stande, das zerlegt Ei zu essen. Lautstark besteht er auf ein Neues, womit ich allerdings nicht diene. Ich artikuliere mein Verständnis für seine Situation, erkläre dem Zweitgeborenen allerdings, dass das Eier-Kontingent begrenzt ist, und er mit diesem Exemplar Vorlieb nehmen müsste. Er sieht das ein. Nach fünfminütigem Gebrüll. 

Das Frühstück nimmt seinen Lauf und endet wie sooft am Wochenende damit, dass ich auf der Küchenbank und zwei Kinder auf mir sitzen. Zwei Kinder, die munter Avocado-Hälften auslöffeln, den Ertrag auf der Tischplatte verstreichen und mit den Fingern Mandalas in die Butter pulen. Man kann sich vielleicht vorstellen, welchen Grad meine persönliche Entspannung während unserer Familienfrühstücke regulär erreicht. Schließlich haben die Zwillbos auch stets Kapazitäten für ausgewachsene Geschwisterfeden darum, wer mehr Raum auf Mamas Schoß einnehmen darf.

Immerhin überstehen wir die gemeinsame Mahlzeit, ohne das ein Kind von Bank stürzt oder mir ein Besteckteil ins Auge rammt. Der Mann räumt im Anschluss die Küche auf. Das ist bei uns nicht mutter- sondern alltäglich. Zumindest am Wochenende. Ich versuche indes, mich ins Badezimmer abzusetzen. Ich bin zum Geburtstagsbrunch einer Freundin eingeladen, bei dem ich ohne Mann und Kinder zu erscheinen gedenke. Eben genannte werde ich zuvor bei meinen Schwiegereltern abladen. 

Home-Gardening

Während ich nun bestrebt bin, meinem Äußeren ein kinderloses Erscheinungsbild zu verpassen, beginnt Mads, mit meinem Puderpinsel Erde aus dem Blumentopf in der Badezimmerecke zu schaufeln. Derartige Aktivitäten hat er in den vergangenen Monaten ruhen lassen. Ich nehme an, er greift sie wieder auf, um mir vor Augen zu führen, wie schön es im Grunde doch ist, bereits zwei so große Jungs zu haben, die sich in der Regel schon anders zu beschäftigen wissen. Vielleicht möchte er aber auch nur anlässlich des Muttertags das Avocado-Butter-Ornament vom Frühstückstisch fortsetzen. 

Ich löse die Veranstaltung auf und stelle den Blumenkübel in die Badewanne, was beim Kind laute Protestäußerungen hervorruft. Das macht mir nichts aus, unsere  Kinder dürfen hier jederzeit ganz frei ihre Meinung äußern. Von meiner Muttertagsentspannung verabschiede ich mich allerdings endgültig. Ich sehe gerade noch aus dem Augenwinkel, wie sie sich weinend aus dem Fenster stürzt. 

Irgendwie gelingt es dem Mann und mir, uns vier in einen einigermaßen gesellschaftsfähigen Zustand zu versetzen und die 700 Dinge zusammenzuraffen, derer es für einen solchen Tagesausflug bedarf. Den Kindern ist unterdessen die Geduld so ziemlich abhanden gekommen. Das kann ich wirklich gut nachvollziehen, schließlich hat an solchen Vormittagen niemand Zeit, anständig mit ihnen zu spielen. Der Lautstärkepegel, in dem sie uns das mitteilen, nervt mich trotzdem.

Als ich auf den Beifahrersitz unseres Autos sinke, fühle ich mich erschöpft und eher wie eine Kandidatin für den Großmuttertag. Oder für einen siebenwöchigen Aufenthalt auf einer Schönheitsfarm. Etwa zehn Minuten lang unterhalte ich mich noch mit Pepe über Motorräder, Bagger und Brücken – Mads dämmert bereits seit Fahrtantritt vor sich hin, das Gärtnern hat ihn offenbar ermüdet. Schließlich schlafen beide Zwillbos ein. Ich fühle mich gerade sehr schlecht gelaunt. Aber auch irgendwie traurig, weil ich weiß, wie blöd es für die Jungs ist, wenn sie eine Stunde lang nur hören müssen, dass sie bitte warten mögen, weil man die Fahrt vorbereiten müsse. 

Einseitiger Trennungsschmerz

Als wir die Gemeinde meines Schwiegervaters erreichen, bin ich voller Trennungsschmerz und kann meine Familie nicht so richtig gut loslassen. Das beruht allerdings nicht auf Gegenseitigkeit und deswegen mache ich mich schließlich doch davon. Per WhatsApp-Sprachnachricht jammere ich noch die Speicherkarten diverser Freundinnen damit voll, dass ich mich jetzt eigentlich lieber verkriechen als zum Brunchen gehen würde. Sie lassen mich damit nicht durchkommen und appellieren an meinen Erfahrungsschatz, der verfügt, dass es ja doch meistens ganz schön wird, wenn man sich dann einmal aufgerafft hat. Und das wird es auch. 

Vier Stunden später treffe ich ziemlich entspannt und ziemlich satt auf den Mann und die Kinder. Dann wird es aus Versehen doch noch ein ziemlich schöner Nachmittag.

Rezension & Verlosung: „Small World“ von Anne Geddes

Als der Taschen-Verlag mich um die Rezension des Jubiläums-Bildbands „Small World“ von Anne Geddes bat, war ich zunächst skeptisch. Ich war mir nicht sicher, ob die Fotografien der Neuseeländerin zu meinem Blog passen würden. Die Babies in Blumentöpfen sind niedlich – keine Frage – aber hat sie nicht jeder von uns schon unzählige Male gesehen? Als ich jedoch die ersten Motive des Buchs sah, die beispielsweise Schwangere in sehr ästhetischer, natürlicher Weise darstellen, bin ich neugierig geworden. Und nach tieferen Blicken in das 238 Seiten starke Werk muss ich gestehen: Ich kannte die Arbeit der Fotografin bislang bestenfalls oberflächlich.

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Julia, 39. Schwangerschaftswoche, Alisha, 38. Schwangerschaftswoche. Foto: Anne Geddes

Wusstet ihr, wie sie die Kinder- und Familienfotografie revolutioniert hat? Kennt ihr die Bilder von Geschwistern, von alten Menschen gemeinsam mit Neugeborenen, die auf jegliche Requisite verzichten, außer das Leben selbst, umhüllt mit wenigen Tüchern? War euch bekannt, das Anne Geddes 1992 den Geddes Philanthropic Trust gegründet hat, der weltweit mit beträchtlichen Summen den Kampf gegen Kindesmisshandlung und Verwahrlosung unterstützt? Ich wusste das alles nicht. Während ihrer 30-jährigen Arbeit auf dem Gebiet der Fotografie von Schwangerschaft und Kindheit ist ein umfangreiches Archiv herangewachsen, das die Fotografin für „Small World“ geöffnet hat.

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Holly, elf Tage alt. Foto: Anne Geddes

Zwar erzählt das dreisprachige Buch auch mit Worten vom Werk der 60-Jährigen. Doch sprechen die Fotografien ihre eigene Sprache. Und die ist stark und ausgewogen zugleich. Es gibt Niedliches ebenso wie Natürliches. Denn wir alle kennen sie, insbesondere aus den sozialen Netzwerken: geglättete, vielfach bearbeitete Bilder von Babybauch-Shootings. Aber Geddes inszeniert beispielsweise auch die Körper von Frauen, die von der Schwangerschaft mehr zeigen als nur gerundete Bäuche. Dehnungsstreifen, aus der Form geratene Bauchnabel – eben durch das neue Leben veränderte Körper. Doch sie sind alle ästhetisch und können so die Erwartungshaltung an Schwangere, einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen, korrigieren.

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Sarah, im achten Monat der Schwangerschaft. Foto: Anne Geddes

Geddes inszeniert Neugeborene, umfangen von Gelb- und Orangetönen, so natürlich, dass man auf das Alter der Kinder schauen muss, um sich zu vergewissern, dass es sich dabei tatsächlich um bereits geborene Babys handelt. Bilder ihrer Geschwisterfotografien zeigen keineswegs nur geduldige, stillsitzende Mädchen und Jungen. Sie zeigen auch Tränen und Unmut, sind dabei jedoch nie respektlos. Der Bildband schließt mit einem Bild, das mir persönlich mit am besten gefällt: eine betagte Frau mit wachem Blick hält ein schlafendes Baby in ihren Armen – der Kreis schließt sich.

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Bella, fünf Wochen alt. Foto: Anne Geddes

Zum Muttertag darf  ich nun ein Exemplar des eindrucksvollen Bildbands verlosen. Schreibt mir einfach bis zum 14. Mai, 20 Uhr, in die Kommentare, was ihr früher euren Müttern zum Muttertag geschenkt habt – bei mir waren es meist Gutscheine über zehn Mal die Küche fegen!

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Buchcover: Anne Geddes/Taschen-Verlag

Anne Geddes. Small World

Anne Geddes, Holly Stuart Hughes
Hardcover mit Aufkleber, 29 x 37,4 cm, 238 Seiten

ISBN 978-3-8365-1947-2
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch

ISBN 978-3-8365-6556-1
Mehrsprachige Ausgabe: Italienisch, Portugiesisch, Spanisch

„Naleine“ – von Autonomie und flüssiger Rauhfaser

Bislang bin ich davon ausgegangen, dass die kindliche Hilflosigkeit des mütterlichen Friedens größter Feind ist. Nix können die frisch geschlüpften Nachkommen anfangs alleine – von sehr lauten, dauerhaften Stimmerprobungen und Ausscheidungen unterschiedlichster Art einmal abgesehen. Doch seit einigen Tagen arbeitet ein neues Wort hart daran, „Mamaaaa“ den ersten Rang unter den meistfrequentierten zwillboschen Ausdrücken abzulaufen: „naleine“. Die Bedeutung ist klar, oder?

Treppauf, treppab

Dass die Kinder Treppen meist naleine laufen, finde ich begrüßenswert. Und auch meine Kniescheiben und mein Rücken sind entzückt darüber, dass die Nachkommenschaft den Höhenunterschied zwischen zweiter Etage und Erdgeschoss in der Regel mittlerweile selbst bewältigt. Das kann natürlich dauern, schließlich gleichen die Möglichkeiten zur Zerstreuung, die unser Treppenhaus bietet, denen eines Freizeitparks im mittleren Größensegment. Auch ins Auto steigt man nun naleine ein. Mich juckt es zwar immer in den Fingerspitzen doch mal ein bisschen nachzuschieben, wenn die Klimmzüge an den Kindersitzen nicht recht gelingen wollen, doch das wird nicht gerne gesehen.

Einsteigen – falscher Sitz, aber naleine.

Die Söhne erklimmen nun übrigens auch gerne naleine den Kinderwagen. Dies geht allerdings nicht, ohne dass sich beide auf die Fußablagen stellen und ordentlich wippen. Ich muss währendessen sowohl das Gefährt ausbalancieren als auch eventuelle Abstürze verhindern, um größeren Verletzungen vorzubeugen. Nach 20-monatiger Zwillingsmutterpraxis empfinde ich das allerdings nicht als große Anstrengung.

Aushäusige Spielgeräte müssen die Jungs eh‘ von jeh her mehr oder weniger naleine erklimmen, weil ich weder Lust noch Rücken habe, zwei Kinder im 30-Sekunden-Takt irgendwelche hohen Rutschen hinauf zu hieven. Das klingt jetzt rabenmütterlicher als es in Wahrheit ist: Ich suche mir lediglich altersgemäße Spielplätze aus, auf denen die Beiden nicht all‘ zu viel Hilfe brauchen. Das ist für alle Beteiligten wesentlich einfacher und ungefährlicher. Sie durften schon immer überall rumklettern und -krabbeln und sind dementsprechend auch motorisch relativ kompetent. Zumindest denke ich, dass das nicht nur Veranlagung ist. Im Großen und Ganzen ist mir also jedwede naleinige Unternehmung der Zwillbos auf dem Feld der körperlichen Bewegung durchaus willkommen. Schließlich habe ich sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren – ich finde, die Schwangerschaft kann man da getrost mitrechnen – hinreichend durch die Gegend getragen.

Prost.

Naleine aus Gläsern trinken Mads und Pepe schon seit geraumer Zeit. Sie fanden das natürlich extrem spannend, so wie alle kleinen Kinder. Ich fand das eher nervig und unbequem. Doch ich habe ein paar Tage lang in den sauren Apfel gebissen und in Kauf genommen, dass ich öfter mal die Jungs sowie die Küche trockenlegen muss. Es klappte allerdings erstaunlich schnell erstaunlich gut, so dass die Zwillbos mittlerweile völlig sicher aus allen handelsüblichen Gläsern, Bechern und Kunststoffflaschen trinken können, naleine. Zu Bruch gegangen ist dabei übrigens bislang nichts. Umwege über Trinklern-Becher und Schnabeltassen haben wir uns so gespart [ich fand mit Fleece unterfütterte Halstücher währenddessen hilfreich. Die haben die ersten Plemperfluten abgemildert].

In der Regel essen die Zwillbos auch ohne fremde Hilfe. Das funktioniert prinzipiell gut, wenn man Sauberkeitsansprüche erwachsener Angehöriger von Zivilgesellschaften außer Acht lässt. Zur Lieblingsspeise der Söhne gehört Joghurt. Ginge es nach ihnen, könnten sie sich gut und gerne hauptsächlich von industriell aufbereiteten Milchsäurebakterien, Nudeln und Möhrensaft ernähren. Weil Joghurt aber keine besonders hohe Kleinkindlöffeltauglichkeit aufweist – zumindest nicht in Sphären, die sich der Schwerkraft unterordnen müssen, reichen wir die Milchspeise immer mit pulverisiertem Müsli vermengt: Goguhr und Muja. Falls davon doch mal was durch die Küche fliegt, was vorkommen soll, wenn man die Löffel propellerartig kreisen lässt, hat es in etwa den Effekt von flüssiger Rauhfasertapete: ist mittelmäßig schön anzusehen und überdauert Generationen an der Wand. Wenn die Kinder naleine Suppe essen, könnten sie theoretisch direkt in der Badewanne speisen. Natürlich könnte man deshalb auf den Verzehr von Suppe verzichten. Allerdings bin ich froh um jedes Myon, dass sie an Gemüse freiwillig zu sich nehmen, und Suppe läuft hier gerade gut. Nicht nur das Kinn runter.

Schmeckt. Und klebt.

Die wahren Strapazen für meine Geduld und meine Nerven dräuen derweil erst am Horizont: Fällt in Gegenwart von Socken, Schuhen oder Bauklötzen die Anordnung naleine, ziehe ich bereits instinktiv den Kopf ein und räume leicht zerbrechliche Gegenstände an die Seite. Je nach Kind und Gemütsverfassung fliegt nämlich nach kurzer Zeit definitiv etwas. Manchmal ein verzweifeltes Kind mit viel Pathos auf den Boden, meistens das Objekt, das sich gegenüber der streckenweise noch nicht ganz ausgereiften Feinmotorik unkooperativ verhält. Und ich weiß sehr wohl, dass das erst die Spitze eines Eisbergs ist, der mir noch eine ganze Menge bewusster Atmung abverlangen wird.

Schweiß und Tränen

Wenn sie sich erstmal komplett naleine anziehen möchten, müssen wir vermutlich weit vor Tagesanbruch mit dem Procedere beginnen, um auch nur annäherend zeitig das Haus verlassen zu können. Natürlich möchte ich ihnen in 18 Jahren nicht mehr die Strumpfhosen anziehen müssen – ob derartiges Beinkleid dann noch zu ihrer bevorzugten Garderobe gehört, bleibt abzuwarten. Doch müssen die Wege in die Eigenständigkeit immer von so viel Schweiß und Tränen gesäumt sein? Offenbar schon…

Momentan kann ich die Zwillbos manchmal noch ein bisschen austricksen. Dann frage ich sie, ob sie nicht vielleicht „ganz alleine an meiner Hand“ laufen möchten. Oder ob wir die Gummistiefel nicht „zammen“ anziehen können. Zuweilen habe ich Glück und darf dann helfen. Ich blicke zitternd dem Tag entgegen, an dem sie meine gewiefte Kommunikationspraxis durchschauen.