Vorstellung zur Geburt – oder: das Hobbitkrankenhaus 2.0

In der 35. SSW machen der Zwillbo-Papa und ich uns noch einmal auf den Weg in das Hobbit-Krankenhaus. Geburtsanmeldung steht auf dem Plan. Das ist nichts, was in allen Schwangerschaften und Krankenhäusern hier zwingend erforderlich ist. Doch Zwillingsmutterschiffen und anderen Frauen mit besonderen Schwangerschaften ist ein solches Vorgespräch empfohlen, einfach damit man sich zum großen Showdown besser auf alle Beteiligten einstellen kann. Außerdem kann es vermutlich etwas lästig sein, wenn man mit geplatzter Fruchtblase oder Wehen noch Angaben zu Vorerkrankungen der Urgroßmutter väterlichseits oder zur Krankenversicherung machen muss. 

Mal wieder spät dran

Wir waren mal wieder spät dran – sogar für die Anthros. „Normalerweise macht man das bei Zwillingen acht Wochen vor Termin“, rüffelte man mich bei der Terminvergabe am Telefon. Die drei Wochen… 

Während der Fahrt bin ich irgendwie noch ziemlich entspannt – oder müde. Der Teint des Bald-Papas allerdings probt schonmal den Ernstfall und hält sich in weiß-gräulichen Farbspektren auf. Auch sein Fahrstil lässt zuweilen an Wehentätigkeit denken. Also fiktive, bei mir, nicht bei ihm. Als er allerdings an einer gelben Ampel bremst, kommentiere ich: „Die hättest du aber jetzt eigentlich überfahren müssen.“ Kommt gut an, glaube ich. 

Keine Räucherstäbchen

In der Ambulanz der Klinik ist es erstmal irgendwie unspektakulärer als ich es mir ausgemalt habe. Niemand begrüßt uns mit Blumen, Räucherstäbchen oder Duftkerzen. Immerhin wird an allen Wänden die gelbe Wischtechnik fortgesetzt, die uns schon von der Besichtigung der Wochenstation vertraut ist. Im Wartebereich ist es weitgehend langweilig, es gibt keine Möglichkeit, eine Erstlingsausstattung zu filzen, einzig das Buch von der Vogelhochzeit weicht ein wenig vom Krankenhausstandard ab. Mir ist ein bisschen übel, was ich auf den koffeinfreien Kaffee vom Frühstück schiebe, mein Körper lässt sich eben nicht gerne für dumm verkaufen. 

Nach zehn Minuten werden wir von einer jungen blonden Frau in blauer Krankenhausmontur abgeholt und in einen Untersuchungsraum verfrachtet. Sie spricht nicht, sie säuselt. Alles in recht hoher Tonlage und so, als hätte sie keine Erwachsenen vor sich, sondern unsere bereits entbundenen Kinder. Ich frage mich, ob das von zu viel Eurythmie kommt. Vielleicht liegt das aber auch einfach nur an meiner Anspannung, dass sie mir zu zuckersüß ist. Ein Blick nach rechts zum Mann verrät mir zwei Dinge: Er hält die Blonde mit dem Glitzersteinchen am Zahn für ebenso bekloppt wie ich, und ich darf ihn nicht anschauen während sie mit uns spricht, weil ich sonst in hysterisches Gelächter ausbreche. 

  

Ich weiß noch nicht genau, welche Position Glitzi hier ausübt, Arzt scheint sie nicht zu sein. Aha, sie nimmt unsere Daten auf und filzt dafür meinen Mutterpass. Als sie bei den Notizen meines Arztes angelangt ist, bricht sie in helle Begeisterung aus. Der Doc zeichnet immer winzige Skizzen von der Lage der Zwillbos. Das kommt hier offenbar gut an, auch die Ärztin wird sich später davon begeistert zeigen. 

„Gab es irgendwelche Probleme oder Auffälligkeiten während der Schwangerschaft?“ piepst die Glitzerzahnfee. Ich überlege und schaue den Mann an. Mir fällt nichts ein. Ich schaue zurück zu Glitzi. „Nöööö, nicht dass ich wüsste… “ „Das nimmt sonst immer die meiste Zeit in Anspruch“, piepst diese erstaunt und reißt ihre blauen Augen weit auf. Mir fällt trotzdem nichts Erwähnenswertes ein. Hoffentlich hab ich nichts Schlimmes vergessen oder verdrängt. 

Dopingverdacht?

Als sie meine Blutwerte entdeckt, weiten sich ihre Augen erneut. „Die sind aber gut! Nehmen Sie irgendwas ein?“ „Nööö, nur dieses Folsäure-Zeugs“, nuschele ich und frage mich, ob ich gleich zur Dopingkontrolle gebeten werde. Ich bin selbst verwundert, dass die Zwillbos nicht sämtliche Eisenvorkommen aus mir herausgesaugt haben. Allerdings ist mein Fleischkonsum in der Schwangerschaft ja auch von null auf relativ häufig angestiegen. 

Das weitere Gespräch zieht ob des Gepiepses, das mich irgendwie anstrengt, an mir vorbei. Wir bekommen noch ein paar Zettel zum Ausfüllen und Infos zur spontanen Geburt, die der Vater in spe ungesichtet an mich weiterreicht, in die Hand gedrückt und müssen nochmal warten. Außer mir sitzen jetzt noch drei andere Dickbäuche im Wartebereich. Zwei gehören zu – vermutlich – Einlingsschwangeren, die sich pünktlicher als wir vorstellen, einer zu einem älteren Herrn, der sich offenbar in den Finger geschnitten hat. 

Wir warten und ich fühl mich komisch. Krankenhaus. Hier endet also meine Schwangerschaft irgendwann? Fühlt sich komisch an, irgendwie ernüchternd. Schließlich winkt Glitzi uns wieder ins Sprechzimmer. Eine Ärztin mit einer sehr ruhigen Stimme kommt dazu. Auch nicht ganz mein bevorzugtes Temperament, doch immerhin piepst und säuselt sie nicht als wären wir debile Kleinkinder. 

Gynäkologische Expertenskizze.

In erster Linie sitzen wir hier, weil Zwillbo eins sich vor vier Wochen entschlossen hat, mit seinem Hinterteil auf dem Eingang ins Becken Platz zu nehmen. Er ist der führende Zwilling, doch komme eine Steißgeburt bei einer Erstgebärenden nicht in Frage. Das haben Frau Heb und der Doc unisono und unmissverständlich klar gemacht. Und auch ich hätte mich nicht von dieser Klippe gestürzt. Ansonsten hätte ich es im Krankenhaus ohne angeschlossene Kinderklinik mit meiner Hebamme versucht.

Die Anthro-Ärztin sieht das mit der Beckenendlage erstmal entspannter. Prinzipiell spreche dann auch bei Zwillingen und Erstgebärenden nichts gegen eine natürliche Geburt. Die machen hier wohl alles! Entbindung am Trapez, Niederkunft aus Handstand-Überschlag und Ungarische Post. Das ist natürlich frei erfunden. Da könne man mir vorher das Becken vermessen… Ähm, nein. Ich find spontane Geburten gut, keine Frage. Aber alle anderen auch. Her mit den Kindern, das ist die Priorität. Welchen Weg sie dabei nehmen – in meinen Augen sekundär und von der Entscheidung der Frau und der Situation abhängig. Niemand sonst geht das etwas an. Die Verpöntheit von Wunschkaiserschnitten möchte ich nicht unterstützen. 

Gut finde ich aber, dass die Ärztin zunächst nicht versucht, uns in eine Richtung zu drängen. Auch gut: Wir dürfen uns überlegen, ob wir einen Termin für die Sectio vereinbaren oder auf Geburtsanzeichen warten möchten – immer vorausgesetzt, den Jungs und mir geht es gut. Meinem inneren Planungs- und Kontrollausschuss wäre es lieb, einen Termin zu haben, eine Dead- oder besser gesagt Birthline. Doch bei guter Vollverpflegung ist es für die Zwillbos besser, ihnen so viel Zeit im Bauch zum Wachsen zu geben, wie sie brauchen, und sie selbst entscheiden zu lassen, wann es Zeit für die Ausreise ist. Also schicke ich den Ausschuss in die Sommerpause und übergebe meinen Kindern das Zepter. 

Große Kinder

Jetzt möchte die Ärztin unsere Kiddos noch besser kennenlernen und schmeißt ihr Ultraschallgerät an. Zwillbo eins ist kooperativ, wie so oft, und lässt sich brav an Kopf, Bauch und Oberschenkel vermessen – etwa 2300 Gramm hat er laut Formel. Dann folgt sein Bruder. Ich muss lachen als die Ärztin erklärt, wie sich der Große mittlerweile in den Bauch drapiert hat. Er liegt ziemlich diagonal und streckt ein Bein über den Kopf seines Zwillings – mal vor dessen Gesicht, mal dahinter. Ich werde also gar nicht in die Rippen geboxt, ich werde getreten. Ein Kind igelt sich ein, das andere macht sich lang. 

Beim Kopfumfang ist die Anthro-Ärztin beeindruckt: 33 cm in Woche 34+1, das sei ordentlich. Den Bauch unseres zweiten Sohnes erwischt sie noch ganz gut, seinen Oberschenkel mag er nicht zeigen. Den schiebt er lieber dezent hinter den Kopf seines Bruders – warum auch alles preisgeben?! Vielleicht liegt es an seiner Zappelei, aber Zwillbo zwo wird auf 2700 Gramm geschätzt. Mir verschlägt es kurz den Atem, angepeiltes Geburtsgewicht sei bei beiden etwa 2500 Gramm, hatte mein Arzt erklärt. Nun denn, einmal hätten wir das schon erreicht, und wenns gut läuft, liegen ja noch ein paar Tage vor uns. 

Ich bin stolz auf meine großen Kinder und finde es lustig, dass sie so unterschiedlich sind. Wir dürfen da nämlich ganz entspannt sein, weil beide gut versorgt sind und jeder für sich gleichmäßig wächst und zunimmt. Niemand gräbt dem anderen die Nährstoffe ab, sie sind halt nur jetzt einfach schon sehr individuell. 

Wir werden erneut vorgeladen 

Weil mein Doc gerade Sommerurlaub macht, dürfen wir in 14 Tagen nochmal wiederkommen. Zwar gibt mir niemand einen Entbindungstermin, aber man vermittelt mir auch nicht das Gefühl, als könne es jeden Moment losgehen. Das finden die zukünftigen Eltern gut – trotz Schwangerschaftsermüdungserscheinungen. 

Am Ende der Untersuchung rät allerdings auch die Alles-ist-möglich-Ärztin zur Geburt per Kaiserschnitt. Selbst wenn Sohn eins nicht auf dem Becken sitzen würde, könnte er unter Wehen und dem doch wesentlich größeren Gewicht seines Brüderleins ziemlich unter Stress geraten, das möchte niemand riskieren. Na gut. Dass sich die Bagage noch dreht, habe ich nicht erwartet. Trotzdem fahre ich mit gemischten Gefühlen nach Hause. Ich bin nicht wild auf einen Kaiserschnitt, aber froh, dass die Kinder so gut drauf sind. 

Durchhalten mit Beppo

Ich bin gespannt auf die Tage, die da noch kommen mögen. Aber ich hab auch Angst, weil ich nicht weiß, wie anstrengend es körperlich noch wird. Ich denke an Frau Heb. Irgendwann erinnerte sie mich als ich ungeduldig war mal an Beppo den Straßenkehrer, Michael Endes Romanfigur aus „Momo“. 

Beppo erklärt dem Mädchen das Geheimnis seiner Kraft: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. estrael sagt:

    Also das klingt exakt nach dem anthroposophischen Krankenhaus, in dem ich bald/gleich/demnächst entbinden werde 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      „Bald/gleich/demnächst“ 😀
      Also hier im Raum Dortmund gibt es ja nur ein Krankenhaus, auf das das zutrifft. Kommst du aus NRW?

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      1. estrael sagt:

        Nein, aus Brandenburg – aber dann scheinen sich die Weleda-Krankenhäuser wohl zu sehr zu ähneln 😉 bin gespannt, ob wir bei der Geburt auch ähnliche Erfahrungen sammeln.

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      2. doppelkinder sagt:

        Oh, ich auch!

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  2. zwillingerig sagt:

    Sehr schön! Ich hätt auch gern ne Birthline gehabt. Aber die geben die Kinder einfach nicht an. Frechheit!

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