Dinner for Four – Silvester mit den Zwillbos

„Ach, was soll denn passieren?“, frage ich den Zwillbo-Papa am Silvesterabend. „Genieß lieber noch die Ruhe, nächstes Jahr sieht das alles schon wieder ganz anders aus.“ So weise. Und so ein Irrtum. 

Die Zwillbos liegen seit 20 Uhr in den Betten. Die Heizspiralen des Raclette-Grills schmeicheln unserer Küche mit warmem Licht. Ich trage eine saubere Bluse, der Mann ein sauberes Hemd. Der Sekt perlt in den Gläsern, wir stoßen schon mal an, um uns selbst für ein erfolgreiches Eltern-Dasein zu beglückwünschen. Unser zweiter Jahreswechsel zu viert. Im vergangenen Jahr haben wir um 17 Uhr Speed-Raclette gemacht, als die Zwillbos gnädigerweise mal woanders als auf unseren Armen geschlafen haben. Um 21.30 Uhr lag ich im Bett, kurz nach Mitternacht wurde gestillt. Prost. 

Traum von der ZDF-Silvestergala

In diesem Jahr sollte es ganz anders werden. Ich träumte davon, mit überdehntem Magen und Sektglas auf dem Sofa zu sitzen, Loriot, Dinner for one und die große ZDF-Silvestergala zu gucken und dann sanft dem Jahreswechsel entgegen zu schlummern. 

Es ist also 20.30 Uhr, die erste Ladung Käse wird über Tomaten- und Zucchini-Scheiben zu kalorienreichem Gold gebrutzelt, der Mann filetiert gerade das Steinofen-Baguette, als ich Mads höre. „Da! Da! Da!!!!! Lalalala!!!!!“ Mir schwant Übles. In der vorherigen Nacht fieberte das Kind. Es weinte dabei nicht etwa, nein. Es erzählte und lachte und war richtig schön gaga. 

Nun schlägt der zweitgeborene Zwillbo den selben Tonfall an und ich weiß, unter 40 Minuten komme ich nicht wieder von der Matratze hoch. Ich will aber. Ich will Käse. Und ich will Sekt. In welcher Reihenfolge ist mir gleich, Hauptsache, es passiert JETZT. Also breche ich die Regeln. Also tue ich etwas, was wir Abends nie tun. Ich nehme Mads wieder mit in die Küche. Er weiß gar nicht, wie ihm geschieht, wird er doch sonst stets zurück ins Bett gelegt, wenn er abends wach wird. 

Abendstund‘ hat Speckwürfel im Mund.

In der Diele treffe ich meinen Mann. Mit Pepe auf dem Arm, der im Schlafzimmer geschlafen hat. Aha. Immerhin sind wir von gleichem Geiste in dieser Angelegenheit. Die Kinder wirken irgendwie verdutzt, wie sie da zu später Stund‘ in ihren Hochstühlen sitzen. Aber sie scheinen zu versuchen, sich nichts anmerken zu lassen, damit die Eltern es sich nicht anders überlegen. Ich nehme an, dass man das mit 16 Monaten schon kann. Also futtert Pepe dem Mann die Speckwürfel weg, Mads beschränkt sich auf das Anbeißen von Cocktailtomaten. Diese Partylöwen. 

Zügige Raclette-Grillerei

So sitzen wir, die Eltern, da, im feinen Zwirn und müssen grinsen, weil alles mal wieder völlig anders ist als wir es uns vorgestellt haben. Aber wir finden das irgendwie nicht so schlimm. Das würde ja auch nichts an der Situation ändern. Nicht ganz so eilig wie im letzten Jahr, doch auch von einer gewissen Zügigkeit geprägt, essen wir den Inhalt einiger mit Käse überbackener Pfännchen. Sekt mag ich gerade irgendwie nicht trinken, ich sitze hier ja schließlich noch in meiner Funktion als Mutter. 

Es ist 21.45 Uhr, als wir unsere Abkömmlinge wieder ihrem Nachtlager zuführen möchten. Mads verhält sich relativ kooperationsbereit, obschon er mir fieberbedingt noch ein wenig irre und aufgekratzt erscheint. Pepe ist absolut nicht einverstanden mit unserem Vorhaben, den restlichen Silvesterabend ohne ihn gestalten zu wollen. Er ist da in seiner Meinungsäußerung ganz frei und brüllt alles zusammen. Zumindest hört man nun die Explosionsgeräusche der Geschosse der ungeduldigen Frühzünder in der Nachbarschaft nicht mehr. 

Ich habe Mühe, das sich drehende und windende Kind zu halten und schwitze in meiner Kunstlederhose. Die vormals saubere Bluse zieren verschiedene Sekrete. Der Eltern-Kind-Disput endet darin, dass ich 15 Minuten lang mit Pepe im Arm durchs Schlafzimmer wandere. Ich fühle mich, als sei ich versehentlich in eine Zeitmaschine geraten und im Neugeborenenalter der Zwillbos gelandet. Allerdings habe ich Pepes aktuelles Gewicht mitgenommen und wiege zwölf Kilogramm Lebendmasse hin und her. Doch es wirkt. 

Höchste Sicherheitsvorkehrungen

Irgendwann ist von dem akustischen Aufstand nur noch ein Piepen in meinem linken Ohr übrig und auch die körperliche Gegenwehr ist verklungen. So vorsichtig als hantiere ich mit Nitroglycerin, lege ich das Kind in seinem Bett ab. Ich pelle mich aus meiner Festtagsmontur und steige in die Jogginghose. Es ist 23.15 Uhr. Ich verstehe gar nicht, warum sich Menschen die Zeit bis Mitternacht mit Bleigießen oder stundenlangen Mahlzeiten vertreiben müssen, ist doch gleich schon so weit. In der Küche treffe ich auf den Mann, ähnlich gezeichnet von den Ereignissen des Abends wie ich. Wir grinsen. Und stoßen mit Bier und Sekt an. Glücklich ist der, der Silvester nicht so wichtig nimmt.

Mich würde allerdings schon interessieren, woher unsere Kinder von unserem Plan, zu zweit zu essen, wussten. Schließlich schlafen sie in der Regel immerhin die erste Nachthälfte ziemlich tief…

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Kathi sagt:

    Letztes Jahr stillte ich an Silvester um Mitternacht den Kurzen in den Schlaf. Dieses Jahr ebenfalls. Ich bin hart entschlossen, nächstes Jahr was anderes zu machen.

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    1. doppelkinder sagt:

      😂 ich wünsche dir Glück!!!!

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  2. dashuhn85 sagt:

    Frohe Neues würde ich sagen 😀

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke, gleichfalls 😃

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  3. fraubpunkt sagt:

    😂😂😂😂😂 deine Schreibe ist einfach nur herrlich. 😂😂😂😂😂😂 frohes neues 🎉

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    1. doppelkinder sagt:

      Dankeschön! Dir auch ein gute neues Jahr! 😊

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  4. 😂😂😂😂 allein schon deshalb, weil du das so großartig beschreibst, könnt ihr unmöglich künftige Silvesterabende ausschließlich zu zweit verbringen! Das wäre eine furchtbare Verschwendung deines Schreibtalents!

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    1. doppelkinder sagt:

      Nicht wahr?! 😂

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