Abschied

Es war eine schwierige Woche im zukünftigen Zuhause der Doppelkinder. Ich hatte mir irgendwo einen blöden Husten eingefangen, und meinem Magen ging es irgendwie auch nicht so gut. Das alles hat sich nicht hochdramatisch angefühlt, aber ich war ganz schön geplättet und musste viel Zeit im Bett und auf dem Sofa verbringen. Ich bin eine schrecklich ungeduldige, undleidige Patientin, die sich selbst am allerwenigsten mag in solchen Situationen. Verschiedene Termine – unter anderem unfassbare Mengen an Glukose-geschwängerter Flüssigkeit für den Diabetes-Test beim Gynäkologen vertilgen – haben zudem auch verhindert, dass ich mich mal ohne Unterbrechung ausruhen konnte.


Am Mittwoch mussten wir dann Abschied nehmen. Abschied von unserer geliebten, betagten Katzendame, die hier in den vergangenen vier Jahren mit uns gelebt hat. Ich hätte niemals gedacht, dass mir das so schwer fallen würde, dass ich so trauern müsste. Die kleine schwarze Samtpfote war wirklich schon etwas älter – wie alt genau, wissen wir nicht. Als sie bei mir eingezogen ist, damals hauste ich hier noch allein – war sie angeblich zwölf. Und irgendwie hab ich das während all der Jahre auch immer gesagt. sie war also vermutlich zwölf plus vier. Oder so ähnlich. Unser Katzenmädchen hat ein eigenwilliges Leben geführt und war von ihrem vorherigen Besitzer bei einer Bekannten zwischengeparkt worden – seit nunmehr über einem Jahr. Es war nicht so, dass er sie nicht mochte, sie passte nur nicht so gut in sein Lebenskonzept und war zuvor auch sehr, sehr viel allein. Das hatte wohl auch dazu geführt, dass Tinka es jahrelang vorzog, unter Sofas und Betten zu wohnen, zumindest, wenn mehr als ein fremder Mensch in der Wohnung war.


Ich hatte damals gerade die Wohnung im Dachgeschoss des Hauses meines Großvaters in Beschlag genommen. Wir hatten hier für ein paar Jahre eine sehr interessante Zweck-WG – allerdings verteilt über zwei seperate Wohnungen, zum Glück. Was mir damals zu meinem Glück noch fehlte, war meiner Meinung nach eine Katze. Ich konnte mich allerdings nicht so recht zu einer Entscheidung durchringen und mir fehlte der Mut, ins Tierheim zu gehen und bewusst die Verantwortung für ein Tier zu übernehmen. Am liebsten wäre mir gewesen, mir würde einfach eine Katze zulaufen. Ich gebe zu, in der Stadt und zudem noch in der zweiten Etage ist das relativ unwahrscheinlich. Doch Tinka schaffte es trotzdem. Irgendwie. Und zwar, indem ich erfuhr, dass sie halt irgendwie in Abschiebehaft in der Warteschleife saß. Die Zwischenstation wollte sie nicht mehr, der Besitzer haderte ebenfalls, da seine Frau schwanger und die Katze damit relativ unerwünscht war, Toxoplasmose-Gefahr und so… Ich fand, das sei doch fast wie zugelaufen und eines Frühlingstages zog Tinka dann ein.

Für eine Soziopathin wie sie war die Wohnung hier ein Paradies: Ich wohnte allein, es gab jede Menge Ecken und Winkel zum Verstecken und obendrein noch einen rumpeligen Dachboden, auf dem sie sich komplett unsichtbar machen konnte. Katzen mögen es ja nicht gerade, wenn man sie ungefragt von einem Ort an den anderen verpflanzt, deswegen war sie am ersten Tag nicht unbedingt ein Ausbund an Glückseligkeit. Doch überraschenderweise änderte sich das ziemlich schnell als sie merkte, dass ich regelmäßige Mahlzeiten servierte und nach Bedarf auch mal kraulte. Ich habe damals noch freiberuflich gearbeitet und konnte relativ viel von zuhause aus machen, so dass wir beiden Mädels uns hier schnell und gut zusammen eingerichtet haben. Erstaunlicherweise ließ sich das scheue Wesen schon nach kurzer Zeit selbst in größeren Besucherrunden blicken. Vielleicht wusste sie, dass sie hier endlich angekommen war, dass das ihre Residenz war.

Tinka war nicht die Mutigste. Deshalb konnte ich hier bedenkenlos alle Fenster und Türen sperrangelweit offen lassen, ohne dass die Ausflugsversuche unternommen hätte. Doch sie war auch immer für eine Überraschung gut. So kam sie irgendwann völlig geschockt über ihre eigene Courage durchs Küchenfenster von draußen herein geschossen – offenbar hatte sie das sommerliche Dach dann doch mal zu einem Ausflug verlockt.


Als ich ein Jahr später meinen Mann kennenlernte, hielt sich Tinkas Euphorie zunächst in Grenzen. Veränderungen waren nichts für die alte Lady. Das brachte sie damit zum Ausdruck, dass sie ihre Blase in meinen Schuhschrank erleichterte – mittlerweile kannte sie meine wunden Punkte. Doch konnte auch sie nicht dem Charme des zukünftigen Zwillingspapas widerstehen und die beiden wurden ziemlich beste Freunde. Mein Mann ist ein Hundemensch und hatte mit Katzen nie viel am Hut. Doch diese eine wickelte ihn irgendwie um den Finger. Ich hatte zwar manchmal Bedenken, dass seine Art, mit ihr zu spielen, ihr einen Herzstillstand bescheren würde. Doch er durfte sie hier durch die Bude jagen, als wäre sie ein ausgewachsener Schäferhund und keine betagte, feingliedrige Mietze. Er schaffte es sogar, dass Tinka irgendwann zum Kuscheln auf den Schoß kam – bei einer streng selektierteren Auswahl von Menschen.

Mit den Jahren wurden ihre Zipperlein mehr. Die Schilddrüse und die Nieren machten nicht mehr richtig mit, sie wurde etwas klapprig und Anfang des Jahres entdeckte der Tierarzt dann einen Tumor in ihrem Hals. Für Biopsien, OPs und lange Behandlungen war sie nicht mehr fit und stämmig genug – aber eigentlich war sie noch ganz gut zurecht. Insbesondere seit meiner Schwangerschaft war sie unglaublich anhänglich, wenn es nach ihr ging, durfte ich nicht einmal allein zur Toilette gehen. Ich begann schon, mir Sorgen zu machen, wie sie es finden würde, wenn die Zwillinge dann bald das Zepter übernehmen würden.


In den vergangenen 14 Tagen hat sie eigentlich nur noch geschlafen, sehr schwer geatmet und kaum noch gefressen. Sie zog sich zurück und ihre verschleierten Augen blickten uns schmerzerfüllt an. Mir hat das jeden Tag das Herz gebrochen und ich wusste, dass wir eine Entscheidung treffen müssen. Sie durfe hier zuhause einschlafen und hat schließlich einen wunderschönen Platz im Garten meiner Eltern gefunden.

Sie fehlt uns hier sehr. Ihre quietschige Stimme und ihre seltsamen Marotten. Und uns wird umso bewusster, dass ein Lebensabschnitt zu Ende geht und wir auf unser nächstes großes Abenteuer zusteuern. Ich bin sehr dankbar für die Jahre mit dieser eigenwilligen kleinen und gleichsam riesengroßen Persönlichkeit. Sie war ein Teil unserer Familie.

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