Babymoon in Hamburg

Einen letzten Trip ohne die Jungs – sowas hatte ich gar nicht richtig auf dem Schirm. Zumal mir das Ganze, zumindest der Bezeichnung nach, doch mal wieder sehr Ami-mäßig erscheint. Und da bin ich ja zwiegespalten. Lange Rede, kurzer Sinn, mir viel es schwer, so etwas groß im Voraus zu planen, da ich irgendwie nie vorher weiß, wo der Bauch innerhalb kürzester Zeit hinwächst, oder ob mir nicht über Nacht Wasser in sämtliche Extremitäten schießt und ich nie wieder laufen kann (Schwangerschaft – der große Trip in die unbekannte Wildnis). Außerdem bekommt der Doppelkind-Papa to be gerade nicht so richtig viel Urlaub, also machte sich mein Gehirn nicht die Mühe, das intensiver zu überdenken.

Aaaber, weil ja immer alles anders kommt, bekamen wir kurzfristig die Chance, uns mit meiner kompletten Sippschaft über ein langes Wochenende in Hamburg zu treffen. Was mich in erster Linie ermutigte, auf den Zug aufzuspringen, war die Aussicht, dass uns meine Eltern in ihrem Wohnmobil mitnehmen könnten – das bedeutet Bein- und Bewegungsfreiheit während der Fahrt sowie notfalls immer eine Toilette in Reichweite – siebter Monat, Zwillinge, wichtig. Einzig die Aussicht, in der Wohnung meines Bruders auf einem Matratzenlager neben Tapeziertischen (da wird gerade aufgehübscht) zu campieren, erschien meinem Mann und mir wenig romantisch und bequem (was hat man vom Babymoon, wenn das Muttertier morgens nicht mehr auf die Füße kommt?!). Deshalb buchten wir kurzerhand ein Hotel – man gönnt sich ja sonst nix. Und wenn ich den vielen ungefragten Unkenrufen der vergangenen Wochen Glauben schenken soll, ist unser Leben in spätestens 14 Wochen eh vorbei. Zumindest unser glückliches Leben. Also nochmal ran an den Luxus! 

Kein Stress, kein Superstau

Glücklicherweise sind meine Eltern in vielerlei Hinsicht sehr entspannte Menschen, und wenn sie sagen, wir fahren um 12 Uhr mittags los, muss man sich nicht vor 13 Uhr die Schuhe anziehen (darf ich das schreiben, Mama?). Also konnten wir in aller Ruhe ausschlafen, bevor es am Donnerstag inklusive dem elterlichen Beagle zu unseren Füßen Richtung Norden ging – früh raus ist ja so gar nichts mehr für mich, seitdem mich der Hormon-Tsunami heimgesucht hat. 

Daddy Cool und der Kugelfisch im Camper.

Die viereinhalbstündige Tour Ruhrpott-Hamburg beinhaltete eine halbkorrigierte Bachelor-Arbeit meinerseits, ein zweistündiges Nickerchen des Kindsvaters, einen Kaffee-und-Bockwurst-Stopp sowie ein paar wenige Kilometer Stau. Am späten Nachmittag kippten die Eltern uns vor unserer Bleibe in der City  Nord ab – von außen nicht schön, aber nur einen Schwangeren-freundlichen 1,8-Kilometer-Fußmarsch von der brüderlichen Bude in Winterhude entfernt. Dort sind wir zum Abendessen in geballter Familienstärke eingefallen. Das bedeutet, mein Bruder und seine Liebste hatten nicht nur die Eltern zu verkraften, sondern auch uns drei Schwestern nebst Ehemännern und drei halbwüchsigen Nichten. Der Pizzalieferant staunte später nicht schlecht, als er das Essen brachte. Möglicherweise vermutete er eine illegale Flüchtlingsunterkunft.

Halbmarathon durch die City

Der Freitag begann gemächlich. Hotelfrühstück. Nochmal schlafen. Duschen. Langsam los. Ich muss sagen, dass ich nicht zu den supercoolen Schwangeren gehöre, die jedes Wochenende 17 Kilometer wandern gehen und im 8. Monat noch eine Flugreise auf die Seychellen buchen. Ich hab oft Sorge, ob meine Jungs dann vielleicht irgendwo überraschend unterwegs ihr Erdendasein beginnen möchten, und wenn der Bauch manchmal so ziept und hart wird oder mein Kreislauf niedrigtourig läuft, bin ich auch nicht so locker, schließlich kenne ich mich nicht aus mit schwanger-Sein. Na gut, mit Hamburg als Geburtsort konnte ich mich noch eher anfreunden als mit den Seychellen, aber eine Frühgeburt wünscht sich natürlich niemand. 

Hamburg wolkenlos am Freitag.

Wir schafften dann aber doch einen ganz schönen Marathon: Konsumbefriedigung auf der Mönckebergstraße, Familientreffen auf dem riesigen Spielplatz in Planten un Bloemen (natürlich nicht, ohne es ausgiebigst zu genießen, keine Aufsichtspflicht zu tragen, liebe Unken) und noch ein Marsch durchs Schanzenviertel, wo ich dann auf dem Sofa einer liebsten Freundin ein wenig versumpfen durfte. Abends war ich ziemlich geschafft – aber auch stolz auf mich, mich so durch den Tag gewagt zu haben. Darauf ein Eis!

Stärkung, highcarb.

Am Samstag war dann allerdings Schmalspur-Programm angesagt: Schlafen und im Bett herumlungern bis 100 Uhr, und die Öffnungzeiten des Museums verpassen – kein Problem, wir können auch gut ohne Kultur. Was uns dann doch irgendwann vor die Türen des Waschbetonbaus trieb, war der Hunger. Ich wollte Salat. Und Pizza. Das bescherte uns einen unfreiwillig etwas längeren Fußmarsch durch Winterhude – Pizzerien sind da derzeit offenbar nicht en vouge – doch kurz bevor Stimmung und Blutzuckerspiegel kippten, wurden wir fündig.

Mehr Mut

Was an unseren geballten Hamburger Fußmärschen ganz gut war, ich merkte, wenn der Zwillingsbauch beim Laufen mal hart wird und ich einfach ein bisschen die Bauchmuskeln anspanne, ist es kein Problem für mich weiterzugehen (wie gesagt, ich bin schnell verunsichert, wenn mein Körper befremdliches Verhalten zeigt). 

Den Rest des Nachmittags verbrachten wir im Winterhuder Stadtpark, den ich ganz und gar verliebenswert finde. Wir waren Zaungäste bei einem äußerst unterhaltsamen Rugbyspiel und lauschten dem Soundcheck von Lottoking Karl (nein, wir mochten keine Tickets kaufen) an der Freilichtbühne. Zum Abendessen luden meine Eltern in ein ziemlich aufgepimptes Diner ein – es gab eine große Rutsche Burger. Ich allerdings war immer noch auf dem Salattrip, offenbar musste ich das Übermaß an Pizza vom Vortag kompensieren.

Museum im zweiten Anlauf

Weil mein Papa am Sonnag meinem Bruder noch helfen wollte, neue Tapeten an die Wände zu bringen (uns wollte man zum Glück nicht dabei haben), blieb uns dann doch noch Zeit, uns intellektuell zu geben und ins Museum zu gehen. Wir mögen Fotos und Tätowierungen, im Museum für Kunst und Gewerbe konnten wir zwei bis drei Fliegen mit einer Klappe schlagen und nicht nur eine Ausstellung über Tattookunst und -geschichte sehen, sondern auch eine interessante Schau zum, wie ich finde, ziemlich wichtigen Thema „Fast Fashion“ mit vielen Fakten und Fotos aus asiatischen Ländern wie Bangladesh. 

Museum zum Nachdenken.

Ich finde die Preise bei Primark auch verlockend und ich weiß, dass H&M ebenfalls kein Unschuldslamm in Sachen Ausbeute ist. Leider haben auch wir immer die Ausrede parat, dass wir bislang noch nicht reich genug sind, unsere Kinder nur in fair gehandelte Wildseide zu hüllen. Und ich muss gestehen, dass ich auch mehr als einmal im Jahr liebend gerne mit einer gutgefüllten Einkaufstüte und neuen Looks aus der Stadt nach Hause ziehe. Ich versuche, es nicht immer total ausarten zu lassen und arbeite innerlich an einer Lösung (auch für die globale Erwärmung). Aber die Bilder der Arbeiter, der Kinder, der verdreckten Flüsse und der erschöpften Näherinnen beschämen mich sehr.

Wie ich jetzt galant die Kurve zum herrlichen Abschluss-Kaffee samt Pfannkuchen mit Zimt und Zucker kriegen soll, weiß ich selber nicht.  Ich versuche es erst gar nicht. Wie auch bei unseren letzten Besuchen war es sehr schön im Café Westwind in St. Georg. Da war es auch fast nicht schlimm, dass wir sämtliche Staus, die uns auf der Hinfahrt erspart geblieben sind, auf dem Heimweg verkraften mussten.

Zucker, Zimt und Westwind.

Hamburg, schön war’s bei dir, wie immer. Beim nächsten Mal bringen wir unsere Zwillbos mit und schauen Schiffe am Hafen an und brechen bei jeder Möwe in Begeiserungsstürme aus. So wie früher wird das garantiert nicht. Aber bestimmt auch ziemlich wundervoll, herrlich anstrengend und chaotisch…

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Stefani sagt:

    Wenn ihr dann das nächste Mal nach Hamburg kommt packt die Badehosen ein und ab auf den Spielplatz in der Hafencity! Vorher mit der HVV Fähre Richtung Elphilharmonie schippern! Das macht Kindern (und somit auch den Eltern!) gute Laune 😉
    Liebe Grüße
    Stefani

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