Klinik-Tourismus 1.0

Die Zeit des Klinik-Tourismus‘ hat begonnen! Bislang waren der Zwillbo-Papa und ich in dieser Hinsicht ein wenig unmotiviert. Das fällt beim Info-Abend im anthroposophisch angehauchten (eher sehr stark angepustet) Krankenhaus auch prompt auf, mein Bauch ist wohl der voluminöseste, aber hey – da sind ja auch zwei drin! Etliche der werdenden Mütter sehen gerade mal aus wie ich vor der Schwangerschaft nach ’ner ausgewogenen Mahlzeit. 

 

Die Kugel wächst.
 
Der Mann und ich sind während des Hinweges ein bisschen aufgeregt. Er, weil er sich zur Sicherheit schon mal die Streckenführung einprägen will, ich, weil ich zu viele Kekse gegessen habe und der Hosenbund drückt – das Kind hält dagegen. 
Als wir auf den Parkplatz einbiegen, geschieht etwas unvorhergesehenes. Ich gehöre nicht zu der Sorte Schwangeren, die bei der Merci/Alete/Whiskas-Werbung in Tränen ausbrechen. Ich habe schwanger bislang relativ selten geweint (mein Spezialgebiet sind eher die gepflegten Wutausbrüche): einmal, als Jürgen Klopp bekannt gab, seine Trainingsjacke beim BVB an den Nagel zu hängen, dann als die Borussen gegen Bremen ratzifatz zwei Tore geschossen haben (der Schein, ich sei der totale Fußballfan, trügt. Deshalb waren diese Rührungstränenattacken für alle Beteiligten ein wenig überraschend) und ein weiteres Mal, als mein Mann ohne zu Fragen die Tomatensoße aufgegessen hat. 

Zurück zum Parkplatz: Vor der Klinik sind – wie es sich für Einrichtungen mit Entbindungsstation gehört – diverse Parklücken für werdende Eltern reserviert. Wer kurvt schon gerne 10 Minuten um den Block, wenn die Liebste auf dem Beifahrersitz Wehen veratmet? Vor diesem Krankenhaus sind die sogenannten Storchenparkplätze mit lackierten Holzklapperstörchen markiert – zwei sind besetzt. Das ist offenbar zu viel für meinen Hormonhaushalt, ich breche spontan in Tränen aus. Der Mann verkneift sich mühsam das Lachen, ich sehe zu, dass ich aus dem Auto und in Richtung Haupteingang komme.

Gratis-Mineralwasser – ich bin begeistert

Insgesamt sieht alles ein bisschen mehr nach einer alternativen Jugendherberge als nach einem Krankenhaus aus, das finde ich nicht verkehrt. Die Schriftzüge an der Fassade erinnern mich an die Buchstaben auf meiner biologisch-dynamischen Weleda-Creme („Das hat Weleda von den Anthroposophen übernommen“, höre ich da hinter mir. Aha, es sind Experten anwesend). An der Information werden wir direkt weiter in Richtung Caféteria gewunken – ist es so offensichtlich, dass wir uns hier über Geburt informieren wollen?! Dort ist es rappelvoll, aber nicht, weil sich plötzlich der demographische Wandel ins Gegenteil verkehrt hat, sondern eher, weil die letzte Infoveranstaltung ausgefallen ist. Es gibt Gratis-Mineralwasser und die Hebamme begrüßt alle, die ein oder mehr Kinder bekommen (das wären dann wohl wir), das finde ich gut.

Bevor die drei Damen von der Geburtshilfe – Hebamme, Oberärztin und Pflegepersonal – das Wort ergreifen, gibts erstmal eine Diashow vom Laptop. Dazu: Geklampfe von Rheinhard Mey. Zum Glück ruckeln Diashow und Musik, sonst wäre ich beim Anblick der Frühchen-Fotos vermutlich erneut in Tränen ausgebrochen. Dem Zwillbo-Papa ist anzusehen, dass er am liebsten aufstehen, nach vorne gehen und am Kabel ruckeln würde, aber auch er hat sich im Griff. 

Im großen und ganzen gefällt mir, was man uns erzählt. Die Devise, die über allem steht, tendiert in Richtung „Alles kann, nichts muss“. Das bedeutet quasi, wer sein Kind eurythmisch bei sphärischen Klängen und Wacholderduft heraustanzen möchte, der kann dies tun. Otto-Normal-Entbinderinnen bekommen bei Bedarf aber auch durchaus gängige Betäubungsmittel oder einen Kaiserschnitt. 

Latente Aggressionen während der Besichtigung

Dann darf die gebärfreudige Meute einen Kreißsaal und die Wochenstation besichtigen. Weil wir so viele sind, teilt man uns in drei Gruppen ein. Wir schummeln uns eine weiter vor, ich bin müde und muss ins Bett. Bei dem Andrang vor den winzigen Personenaufzügen, die uns in die fünfte Etage bringen sollen, kommt  mir die entspannte Atmosphäre dann ein wenig abhanden. Zu viert (plus zwei Bäuche) zwängen wir uns in einen streichholzschachtelgroßen Lift, als in letzter Sekunde vor der Abfahrt noch ein werdender Vater mit silbernem Bürstenschnitt zunächst seine schwangere Frau und dann sich selbst in die gleich aufwärtsstrebende Sardinenbüchse drängt. 

Ich prostestiere: „Ich hab hier ’nen Bauch!“ Soweit kommt es noch, dass so ein gestresster Mensch meine Kinder mit Hilfe einer sich schließenden Fahrstuhltür frühzeitig aus mir heraus quetscht! „Wie lange soll das denn sonst dauern, bis alle oben sind?“, motzt die Silberbürste zurück. Seine Frau schaut betreten in Richtung Boden. Mein Mann blickt erleichtert zu mir, als ihm klar wird, dass es zu eng ist, um meinen Arm zu heben. Im Kinder-Verteidigungsmodus hätte ich den Aggressor sonst vermutlich aus seinem blau-weiß-gestreiften Fischerhemd geboxt. Ich kann mir gut vorstellen, wie er Frau und Bauch unter der Geburt anherrscht: „Pressen! Wie lange soll das denn sonst dauern, bis das Kind draußen ist?!“

Das Kapitel Kreißsaalführung finde ich dann nicht mehr so gut, was weniger an der Lokalität liegt („Bei uns können Sie auf dem Hocker, auf der Matte, in der Wanne oder am Seil gebähren.“ – Klingt ein bisschen nach Fantasia-Land). Es ist einfach nicht schön, mit 25 Leuten in einem Kreißsaal zu stehen und obendrein noch einen Zwillingsbauch vor sich her zu balancieren („stemmen“ ist wohl das Verb, das hier angebrachter wäre…). Das finden unsere Jungs allerdings nicht und beginnen fröhlich mit ihrem allabendlichen Turn- und Streckprogramm – was das ganze für mich noch anstrengender gestaltet. Beim Anblick des Wickeltisches und der kleinen Hemdchen und Hosen, die bereit liegen, gerät allerdings meine hormonell geknechtete Tränendrüse wieder in Alarmbereitschaft – ich muss hier raus. Als eine Dame Ü-60 (ich hoffe, sie begleitet jemanden und war nicht vor kurzem in der Ukraine) beginnt, überflüssige Fragen zu stellen, muss ich auf tiefenentspannende Bauchatmung umschalten.

Wochenstation für Hobbits

Die Wochenstation ist nichts, was ich als hell und geräumig umschreiben würde. Die Wände sind in ockerfarbener Schwammtechnik gestaltet und mit den unvermeidbaren Bildern des Kleinen Prinzen dekoriert, insgesamt ist das Thema hier eher Geburtskanal als Weitläufigkeit. Aber das finde ich in Ordnung, denn die Atmosphäre, die die Menschen, die dort arbeiten, verbreiten, gefällt mir, und außerdem möchte ich ja nicht dort einziehen.

Am Ende dieses leicht verrückten Abends sind wir uns einig: Wir können uns vorstellen, dass unsere Kinder hier zur Welt kommen, sollte der Masterplan mit Frau Heb nicht aufgehen. Und weil wir die Marke der 29. Schwangerschaftswoche, ab der man in dem alternativ angehauchten Krankenhaus entbinden kann, unlängst geknackt haben, können wir das riesige Spezialklinikum hier um die Ecke von der Liste streichen. Eine Frühchenstation gibt es nämlich auch in der verwinkelten Hobbit-Klinik. Wenn uns die Neugier noch überkommt, schauen wir uns aber auch gerne noch den einen oder anderen Kreißsaal an.

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. zwillingerig sagt:

    Huhu! Ich habe dich gerade für den Liebster-Award nominiert. Ich hoffe, du freust dich riiiiesig :-). Alles weitere findest du hier: http://zwillingerig.com/2015/06/28/liebster-award/
    Liebe Grüße, Ella

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    1. doppelkinder sagt:

      Wow!!!! Du bist ja toll!!!! Ganz lieben Dank!!!!

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  2. Kerstin sagt:

    Verwinkelte Hobbit-Klinik trifft es. 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Hach, ich mag das, dass du den Laden kennst 😃.

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  3. Jenni sagt:

    Ich hab dich letztens erst bei insta entdeckt und wurschtel mich jetzt so durch deinen Blog 😍 Ich hab letztes Jahr im August auch per geplanten Kaiserschnitt in der „verwinkelten Hobbit Klinik“ entbunden und bei sämtlichen blogposts darüber musste ich lachen. Du hast das ganze Öko-Wolle-Filz-Aquarell-Eurythmie-Naturpur-Paket so super beschrieben! Hach, schön endlich etwas über diese Klinik von jemandem zu lesen der nicht der total überzeugte anthro ist 😀

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    1. doppelkinder sagt:

      Hahaha, danke! Auch wenn wir nicht total radikal anthro sind, ich hab es geliebt, dort zu entbinden. Das war unsere sichere rosa-rote Höhle 😃😃😃 ist ja lustig, dass du auch im August da warst! Die Schwalben waren ja wohl der Knaller!

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