Die Fahrt meines Lebens – heimwärts mit den Zwillbos

Nicht etwa die erste Fahrt nach meiner bestandenen Führerscheinprüfung, der Trip in einem rostigen Kleinbus durch die Sahara oder die Tour zu unserer Hochzeit war die aufregendste meines Lebens. Nein. Es waren die 25 Minuten, die 17,6 Kilometer, die 2500 Liter panisches Atemminutenvolumen, die wir nach der Geburt und Krankenhausentlassung mit unseren Zwillbos auf der Rückbank in unser sicheres Zuhause zurücklegen mussten. Das war die Reise meines Lebens.

Durchnässte Ausgehuniform 

Natürlich sind wir vorbereitet. Äußerlich. Zwei Babyschalen (Sind die Gurte lang genug? Sind die Airbags ausgeschaltet?) und die erste Ausgehuniform für die nagelneue Brut, die tagelang in Kliniklaken gepuckt und gewickelt war, haben wir dabei. Letztere zum Glück in vierfacher und nicht nur in zweifacher Ausführung, denn kurz vor Aufbruch demonstriert Mads seiner noch unbescholtenen Zwillingsmama, dass er durchaus in der Lage ist, aus der Windel heraus komplett alle Kleidungsschichten zu durchnässen. Und erfahrene Leser wissen vielleicht, welches Vergnügen es bereitet, einen Säugling durch Zwangsentkleidung bis aufs Blut zu reizen. Da geht man lieber haitauchen. Ohne Käfig.

Am Tag unserer Heimfahrt zeigt das Thermometer etwa 24 Grad, vielleicht sogar 25. Trotzdem muss der Nachwuchs auf Anordnung der frischgeborenen Helikopter-Mom noch zusätzlich in Jacken gewurstelt werden – nach Möglichkeit ohne dass die Stimmung kip. Wer möchte schon 17,6 Kilometer unter hysterischem Gebrüll zurücklegen?

Bewegender Abschied

Mit schlotternden Knien, zittrigen Händen und einem fiebrigen Schweißfilm auf der Stirn nehmen wir schließlich Abschied. Abschied von dem Familienzimmer mit den rosa-orangefarben gewischten Wänden, das in den vergangenen Tagen unsere sichere Höhle war. Abschied von Schwestern und Hebammen, die uns bei unseren ersten holprigen Schritten zu viert eskortiert haben. Abschied von diesem ersten winzigen gemeinsamen Lebensabschnitt, der so voller Zauber und Gefühl war.

Es geht los. Nachdem wir eine Jahresration Schokolade am Schwesternzimmer abgegeben haben, visieren wir die Fahrstühle an. Der Mann trägt zwei Babyschalen, ich trage zwei Stoffbeutel und alle Last dieser Welt. Mehr darf ich wegen der frischen Narbe noch nicht. Geht das vom Gewicht her? Nicht, dass dir einer hinfällt! Ich schöpfe den Verdacht, dass es sich um magische Babyschalen handelt, da die Zwillbos augenblicklich in Tiefschlaf gefallen sind, als ihre Mini-Popos Kontakt mit den Dingern hatten. Sie strahlen eine Ruhe aus, die Mutti vollkommen abgeht.

Der Fahrstuhl! Neulich noch hab ich mich hier beim Infoabend fast geprügelt, jetzt bange ich darum, dass sich die Tür urplötzlich auf mysteriöse Art und Weise verschließt und eines meiner Kinder zermalmt. Meine Kinder!

  
Die Aufzugkabine sinkt herab und mit ihr mein Mut. Ich habe Verantwortung! Ich! Ich bin mit 17 mal betrunken über ein parkendes Auto gelaufen, habe mir mit 18 ein Arschgeweih tätowieren lassen und schon mal 70 Euro für ein wimpernverlängerndes Serum ausgegeben – wer um Himmels Willen lässt zu, dass jemand wie ich zwei Babys haben darf?! Überlege auf dem Weg nach draußen, mich selbst schon mal prophylaktisch beim Jugendamt anzuzeigen. Da scheint uns das Sonnenlicht ins Gesicht. Die schlafenden Kinder kneifen die Äuglein fester zusammen. Schnell, in den Schatten, herrsche ich den Zwillbo-Vater an, das ist viel zu hell für die Beiden! Draußen schwirrt plötzlich eine Biene um uns herum. Eine Biene!!! Meine Nerven gleichen einem morschen Seil, das einen Hochseetanker schleppen soll. Diese Welt ist viel zu gefährlich für Kinder! 

Gebadet in Angstschweiß

Bis wir am Auto angelangt sind, steht mir der Schweiß kniehoch in den silbernen Birkenstockschlappem. Ich würd am liebsten zurückrennen und mit den Kindern im Stillzimmer der Wochenstation einziehen. Ok. Das stimmt nicht ganz. Ich freu mich auch auf Zuhause aber ich fühle mich splitterfasernackt. 

Unter meiner strengen Aufsicht verlädt der Mann die Kinder – weiterhin tief schlafend – sachgerecht ins Auto. Ich zwänge mich in mittlerweile angstschweißgetränkten Leggings zwischen die Doppelkinder. Nicht auszudenken was passiert, wenn sie weinen und ich an den Beifahrersitz gefesselt wäre?! Außerdem würde ich mir bei der die gesamte Fahrt andauernden Verrenkung einen nachhaltigen Wirbelsäulenschaden zuziehen – das würde der Sache auch nicht dienen. Also ab auf den Rücksitz, von hier aus kann ich wenigsten genauestens die Geschwindigkeitsanzeige überwachen. 

  
Mutti schwitzt, die Zwillbos schlafen. Die Sonne scheint. Ich mache mir Vorwürfe, noch keine Sonnenblenden für die Seitenfenster gekauft zu haben. Ich hantiere mit Spucktüchern herum, um die Kinder je nach Lichteinfall vor der todbringenden Hitze zu schützen. Der Mann dreht das Radio auf und das Fenster runter. Ob er noch ganz bei Trost sei?! Musik leiser, Konzentration, beide Hände ans Steuer und Zugluft vermeiden, bitteschön! …aber vielleicht ist es doch viel zu heiß im Fahrzeug? Warum atmen die Kinder so stoßweise? Hektisch friemle ich mich durch Textilschichten. Schließlich muss ich schnell im Nacken die Kerntemperatur des Kindes kontrollieren. Und warum fährt dieser Lkw bitte so dicht auf?! 200 Meter vor unserer Haustür liegen meine Nerven endgültig blank. Alles sieht aus wie noch vor wenigen Tagen und dennoch ist nichts mehr wie zuvor. Zum Glück. 

Wir schaffen es

Wir schaffen es heil nach Hause. Wir schaffen es heil durch die ersten Tage und Nächte – heil und mitunter so müde, wie ich es selbst kaum für möglich gehalten hätte. Es ist wahnsinnig und vor allem wahnsinnig schön. Aus Tagen werden die ersten Wochen. Unsere ersten Gehversuche als Familie. Unsere stärksten Stützen dabei: Freunde, Familie, andere übermüdete Eltern und unsere unbezahlbare Hebamme. Sie kommt, wenn ich am Rande des Nervenzusammenbruchs und Abstillens stehe. Sie nordet uns ein, wenn wir als Eltern nicht gut miteinander kommunizieren. Sie macht uns ganz viel Mut. Und sie sagt, dass wir unseren neuen Job super machen. Na gut. Dann will ich das mal ein bisschen glauben. Wir wursteln uns weiter durch – es ist großartig und ich weiß nicht, wie wir bislang ohne die Zwillbos leben konnten.

24 Kommentare Gib deinen ab

  1. Stefani sagt:

    Genau so fühlt es sich an! Aber es wird besser mit der Zeit! Nicht wie früher, aber besser erträglich! Glückwunsch zu den süßen Bubis!
    Stefani

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  2. dashuhn85 sagt:

    Schön zu lesen das es euch gut geht. Süß eure beiden muckels!

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  3. ankeneckar sagt:

    Erst mit Kind/ern lernt man, was wahre Angst ist … ich könnt dir da Sachen erzählen, da denkste, die spinnt doch, die Alte! Also besser nicht (hier)! 😜

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    1. doppelkinder sagt:

      😂 bei Gelegenheit wäre es mir ein Vergnügen!

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  4. Viermalmeins sagt:

    Genau so sahen meine Mädchen vor jetzt 16 Monaten aus, hach… Verschwunden in den Untiefen der Babyschalen 😉 Und ja, ich werde mich für immer daran erinnern: nach Hause zu kommen, wo alles aussieht wie vor ein paar Tagen – und plotzlich eine andere Welt ist. Was für ein tolles Gefühl, oder? Alles Liebe für euch aus dem Norden!

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    1. doppelkinder sagt:

      Wahnsinn in alle Richtungen! Und jetzt sind sie nicht mehr wegzudenken! Liebe Grüße an dich und deinen Doppelpack!

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  5. Kathi sagt:

    Erstmal herzlichen Glückwunsch zur Geburt eurer Kinder.

    Ansonsten durchschlafen, so ging es uns allen. Ich hab beim Liegendtransport in die Klinik noch zum Sani gesagt, dass er mich doch bitte an der nächsten Ecke rauslassen möge, ich sei leider noch nicht bereit. Großes Gelächter…. Obwohl ich das durchaus ernstmeinte.

    Dass mit dem Jugendamt hab ich meinen Mann auch gefragt. Von daher scheint es ein normaler Gedanke zu sein 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      😂 das ist aber auch einfach DIE Stunde der Wahrheit schlechthin im Leben – und irgendwie ist man dann doch so weit oder man wird es. Das fühlt sich nur leider in dem Moment nicht so an. Aber wir haben jetzt auch schon fast drei wunderbar wahnsinnige Wochen gemeinsam gemeistert, das lässt doch hoffen 😉. Liebe Grüße!

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  6. lisa sagt:

    Behalte deinen Humor bei. Der wird dich sehr weit bringen, besonders mit zweien. Ich lese deine Beiträge sehr gerne, sie sind gut geschrieben und genauso wie es einfach ist.

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    1. doppelkinder sagt:

      Herzlichen Dank 😊. Er hilft mir auch meist, den Kopf über Wasser zu halten. Liebe Grüße!

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  7. Nachdem ich gerade in einem hormonellen Schwangerschaftstief stecke, hat mich dein Artikel wieder zum Lachen bringen können. 🙂 Ich bin mir übrigens sicher, dass ich in den meisten Situationen genauso reagieren werde wie du und das ist auch gut so.

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    1. doppelkinder sagt:

      Das freut mich! Also, dass du lachen konntest…dieses Tief auf der Zielgeraden – das ist mir gut in Erinnerung. Meine Hebamme sagt immer, das muss so, sonst würde keine Frau entbinden. Bald hast du es geschafft!!!

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  8. Martin Scharnowski sagt:

    Super herrlich, liebe Schwiegertochter – bitte täglich mehr davon. Macht Abhängig wie eine Staffel von 24….

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    1. doppelkinder sagt:

      😀 vielen Dank, Material liefern uns deine Enkelsöhne genug! Allein die Zeit…, sprich doch mal mit ihnen, wenn sie mehr schlafen würden…😉

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  9. zwillingerig sagt:

    Das kennen wir Mamas alle. Ich hab ja auch mal darüber geschrieben: Während der Schwangerschaft ist deine größte Angst, ob die Babies gesund geboren werden. Und nach der Geburt stellst du plötzlich fest, dass die Angst jetzt erst richtig losgeht. Und dass du dir von nun an dein ganzes Leben lang Sorgen machen wirst. Nach knapp zwei Jahren muss ich zugeben: Es hört auch nicht auf. Aber das zeigt ja nur, wie sehr wir diese kleinen Geschöpfe lieben. Und das ist es auf jeden Fall wert 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Man ist doch wirklich verrückt! Und dann noch all diese Hormone!!!

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  10. Jana sagt:

    So toll geschrieben 🙂 hab mich kaum mehr eingekriegt vor Lachen [ahhh, der Beckenboden – es wird Zeit für die Rückbildung], weil ich mich 100%ig reinversetzen konnte in deine Ängste und Sorgen und unheimlich froh bin, dass es nicht nur mir so geht!! Gegen die bösen Bienen und Wespen gibt’s auch Insektennetze für die Maxi Cosi(s?) [seitdem das immer griffbereit ist, bin ich viiiiel entspannter auf dem 10m langen Weg von der Haustür zum Auto] und nach 8 Wochen hinten beim Zwerg Händchenhalten, fahre ich nun auch wieder vorne bei oder selber auch ohne erwachsene Begleitung auf dem Rücksitz [ein Hoch auf diese tollen Spiegel für die Kopfstützen] 🙂 es wird also besser!!!
    Danke für deine Texte und euch weiterhin alles Liebe!

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    1. doppelkinder sagt:

      Mir tut es auch immer gut zu hören, dass es anderen Frauen ganz genauso geht! Vielen Dank für die Tipps und viele Grüße!

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  11. Jasmin sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag über das REAL LIFE mit Kids 🙂

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  12. Katrin sagt:

    Dein Blog gefällt mir sehr gut. Und herzlichen Glückwunsch zu deinen Jungs!
    Meine Zwillinge sind inzwischen schon 5, ich habe auch in der Schwangerschaft mit dem bloggen angefangen…
    LG Katrin

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    1. Katrin sagt:

      kannst dir ja mal anschauen während dem Stillen… 🙂
      http://www.zwillinge-blog.de

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      1. doppelkinder sagt:

        Hab ich doch längst! Viele Grüße! 😀

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    2. doppelkinder sagt:

      Ganz lieben Dank 😊

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