Picknick im Freien – oder wie ich fast eine Straßenschlacht anzettelte 

Es begab sich aber eines schönen Frühlingstages. Die nicht mehr all zu taufrische Zwillingsmutter gebar. Einen Plan. Er ging eigentlich ganz einfach und fußte auf folgender geistiger Grundlage: Zuhause, da treiben sich die Zwillbos viel und oft durchaus gerne auf Decken herum. Das sind ihre Spieledecken, die wir in Wohnzimmer und Küche platziert haben. Die Decken sind garniert mit Spielzeug und Küchenutensilien und Knisterfolie und allerhand Kram, den Babys sonst noch gut finden. Ich schildere das deshalb, um die Simplizität der Schlussfolgerung aufzuzeigen. 

Decke mit Spielzeug – das lässt sich doch auch ganz einfach ins Freie übertragen, dachte sich die Zwillingsmutter [das wäre dann wohl ich], und vertagte den Krabbeltreff mit ihren Freundinnen kurzerhand in den Park. Die Mitmütter waren begeistert und beluden die Kinderwagen. Mit Kindern, mit Picknickdecken, Puddingteilchen, Fläschchen, Gläschen und was man sonst noch so braucht, um entweder ein halbes Jahr um den Globus zu reisen, oder um einen Nachmittag mit Babys zu verbringen. Wie ein kleines Kampfgeschwader zogen sie los – zwei Zwillingsmütter und ihre Einlingsmamafreundin, macht summa summarum drei Erwachsene und fünf Kinder. Das ist nichts ungewöhnliches, die Frauen sind in solchen Treffen durchaus erprobt. Zwar gab der eine Zwillbo noch ein paar unmutige Laute von sich – doch entrückte es ihn schnell in den Mittagsschlaf, so dass die Mutter sich in Sicherheit wähnte. 

Theoretisch hätte es draußen ganz schön werden können.

Man suchte sich im nahe gelegenen Park ein Fleckchen im Halbschatten, breitete Decken aus, und die Zwillbo-Mama war überglücklich ob des andauernden Schlafes der Zöglinge. Doch. Die Freude. Währte. Nur kurz. Auf den Stillstandsmelder der Zwillbos ist eben Verlass – sobald die Karre sie nicht mehr gemütlich hin und her schuckelt, wird in ihren Köpfen offenbar ein Sensor aktiv, der die Kinder aus dem Schlaf reißt – Stillstand ist der Tod! Zumindest der Tod der Ruhe. Weil augenscheinlich die meisten neugelieferten Menschen über einen solchen Sensor verfügen, beglückten auch die übrigen Babys alsbald ihre Mütter mit ihrer Anwesenheit auf den Picknickdecken. Immerhin waren die Puddingteilchen schon ausgepackt, sobald die Brut folgsam dem freien Spiel frönt, war deren Vertilgung anberaumt. Soweit der Plan. 

Zwillbo Zwo tummelte sich kurz auf der Decke und blickte immerhin ein wenig interessiert und freundlich umher. Zwillbo Eins forderte mehr oder weniger umgehend die Einnahme der Sitzposition auf dem mütterlichen Schoß ein. Unterdessen begann der erste Mitsprössling, sich lautstark zu beschweren. Worüber, das ist bis heute unklar. Zwillbo Eins hatte offenbar an diesem Nachmittag seine Spiegelneuronen und damit seine Empathiefähigkeit entdeckt und begann unlängst mit deren Erprobung. Lautstark. Nichts und niemand vermochte das Kind zu trösten. Zudem fühlte sich auch sein Zwillingsbruder kurzerhand dazu berufen, in den Protest mit einzustimmen. Als Auslöser steht die Frühlingssonne unter schwerem Verdacht, die es sich herausnahm, durch bislang nur unzureichend beblätterte Bäume zu scheinen und dann und wann die Gesichter der Zwillbos kurz zu streifen. Auszumachen waren binnen kürzester Zeit drei bis fünf übelgelaunte Kinder und diverse unangetastete Puddingteilchen – Babys sind unfassbar verständnislos, wenn es um die Belange ihrer Eltern geht. 

Nun gibt es einfachere Übungen, als zwei Kinder im Arm zu wiegen, die pro Nase mehr als acht Kilo auf die Waage bringen. Und auch nervlich sind solche Brüllattacken alles andere als Stadtranderholung – insbesondere, wenn man seit gut sieben Monaten Nacht für Nacht unter schlimmster Schlafentzugfolter steht. Es war also bis zu diesem Zeitpunkt alles andere als ein beschauliches Picknick im Park. Und als wären die missgestimmten Choräle des Nachwuchses nicht genug, so bahnte sich am Rande der Decke die nächste Stufe der Eskalation an – und zwar in menschlicher Form. 

Ein schlecht bis gar nicht frisierter Jüngling in unförmiger Leinenhose hatte auf seinen nackten Füßen mit Bierflasche in der Hand Position bezogen. Zunächst drang seine Stimme nicht an das Ohr der Zwillingsmutter. Sie war schließlich damit befasst, die Welt ihrer Kinder wieder ins Lot zu bringen. Doch dann vernahm sie seine dahin genuschelte Frage: „Müssen denn eure Kinder so schreien?“ Alle drei Mütter fuhren mit entgeisterten Mienen zu dem Barfüßigen herum. Der – augenscheinlich von einer Art Todessehnsucht geleitet – setzte seine Ansprache fort: „Das ist sicher nicht gut für die, könnt ihr die nicht mal beruhigen? Ist schon komisch, dass ihr dazu nicht in der Lage seid…“ Trotz des festen Vorsatzes, diesen Menschen zu ignorieren, der ganz offensichtlich aus einem baby- und realitätsfreien Paralleluniversum stammte, verspürte die Zwillingsmutter die Wut in sich hochkochen. Als ob es denn nicht reichte, übermüdet und in diesem Augenblick überfordert und in Bälde vom Gebrüll ganz sicher taub zu sein! 

Dem ungepflegten Hobbyartisten, der für seine Anmerkungen kurzerhand seine Slackline und Jonglage-Kegel zurück gelassen hatte, war offenbar nicht klar, dass er bildlich gesprochen im Begriff war, sich mit Schnittverletzungen in ein Piranha-Becken zu begeben. Da brach auch schon verbal die Hölle über ihm herein, und ein wahrer mütterlicher Shitstorm ging auf den Ungekämmten hernieder. Er konnte von Glück sagen, dass keine der Frauen eine Hand frei hatte, um entweder ein Puddingteilchen nach ihm zu werfen, oder direkt körperliche Gewalt anzuwenden. Der traute sich was! Es sollen Sätze wie „Hau ab und scher‘ dich um deine eigenen Angelegenheiten, du Öko-Hippie!“ gefallen sein. Von wem genau das ausging – das ist kaum mehr nachzuvollziehen. 

Es brauchte noch etwa 30 Minuten und jeder Menge gutem Zureden und Kinderwagen-Geschuckel, bis alle Tränen – vorerst – getrocknet waren. Der Zorn schwelte noch etwas weiter, die Puddingplätzchen verließen unverzehrt das Gelände, zahllose coffee to go blieben an diesem Nachmittag ungetrunken. Und die Zwillingsmutter? Die nutzt nun das schlechte Wetter, um sich zu überlegen, wie sie ihren Kindern den Frühling im Freien schmackhaft macht. 

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Nicole sagt:

    Also Leute gibt’s – furchtbar! Gehen mit Kindern in den Park ohne zu Wissen wie man diese bei Bedarf auf stumm schaltet!! Nein, im Ernst- der wird sich zwar auch gedacht haben, als ihr zurückgeschimpft habt, was ihr für hysterische Ziegen seid aber die Sprüche hätte er sich wirklich sparen können und sich eben ein anderes Plätzchen suchen können. Zum Glück wart ihr zu dritt ( Mamas) und hattet einander als Unterstützung! Lass dir aber trotzdem nicht das rausgehen vermiesen- einen schönen Frühling wünsch ich euch!

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    1. doppelkinder sagt:

      Aber echt, total unmöglich 😂! Dir auch schöne Frühlingstage! Zum Glück kann ich darüber lachen 😊

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  2. Kati sagt:

    Mir hat sich jetzt eine Frage beantwortet, die ich schon lange stellen wollte – nämlich ob Ihr beim Fahrradanhänger als alleinigem Gefährt geblieben seid. Offenbar nicht, denn der Buggaboo gehört wohl zu Euch. Bei uns wartet auch noch der Anhänger auf seinen Einsatz, bislang machten meine Lütten nur lange Gesichter in den Hängematten. Liebe Grüße!

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    1. doppelkinder sagt:

      Wir haben im Herbst kurzerhand getauscht, bzw den Chariot verkauft. Als die Jungs noch so klein waren, war das überhaupt nichts für sie – der Bugaboo hat uns dann echt ein paar ruhige Monate beschert. Werden uns irgendwann wieder einen Fahrradanhänger zulegen. Als alleiniger Kinderwagen war der für unsere Babys nüscht. 😊

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  3. Kathi sagt:

    Fast so schön wie das Ü60 Paar, dass sich beim Anblick unserer 1 Jährigen im Zug schnell weg setzte und sich beim Schaffner beschwerte, dass Familien 1. Klasse fahren…. Leute gibt’s…..

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    1. doppelkinder sagt:

      😳😳😳 Deutschland kann so armselig sein!!!

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  4. Viermalmeins sagt:

    Ja! Ab in das Piranha-Becken mit dem Knilch! Und das meine ich nicht bildlich gesprochen ;-)!

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