Und er läuft doch – der aufrechte Gang 2.0

Eine Mutter kennt ihre Kinder einfach in- und auswendig. Hmh. Ist klar. Vorab: Das ist kein Artikel, der mit Mythen der Elternschaft aufräumen möchte – so denn da viele existieren. Doch ich hätte schwören können, der erstgeborene Zwillbo braucht noch ein bisschen, bis er seine ersten freien Schritte macht. Zu kippelig sah das bislang alles noch aus. Selbst an der Hand lief er noch so, als bestünden seine Schienbeine zu einem hohen Anteil aus Gummi. 

Halbe Pirouette 

Er wollte. Keine Frage. Fleißig stemmte er sich aus dem Vierfüßerstand hoch – wobei er immer ein wenig aussah wie ein Sumo-Ringer kurz vorm Angriff. Wenn er es schaffte, aufrecht stehend die Balance zu finden, setzte er schnell ein Füßlein nach vorne. Allerdings funktionierte das eine zeitlang nur mit dem rechten Fuß, so dass Pepe eine staksige halbe Pirouette drehte, und dann wieder auf dem umwindelten Hintern landete. Aber nach freien Schritten sah das alles noch nicht aus. 

Doch Irren ist mütterlich [Irresein im übrigen auch]. Am Sonntag hat das Kind seine persönliche Zeitenwende eingeläutet. Plötzlich? Zumindest an seiner Stimmung hätte ich es ablesen können. War doch sein Bruder schon vor dem Erreichen der hochentwickelten Mobilität unterirdisch gelaunt. Für jedes weinerliche „Mama“ dieser Tage zehn Cent, und ich wäre eine gemachte Frau. Ich darf mich derzeit quasi nicht vom Fleck bewegen – zumindest nicht ohne mindestens ein Kind auf dem Arm. Am liebsten würden beide Zwillbos täglich stundenlang durch die Gegend getragen werden. Vorzugsweise von mir. Nach Feierabend aber auch von ihrem Vater, wenn es gar nicht anders geht. Ich denke derzeit darüber nach, bald an einem internationalen Wettbewerb für sehr muskulöse Menschen teilzunehmen und mit den zu erwartenden Siegesprämien meine Konto etwas auf Fordermann zu bringen.

Doch zurück zu Sonntag. Ich bin müde. Ich bin erschöpft. Meine Ohren fiepen, weil so viel in sie hinein gebrüllt wurde. Wir sitzen, wie so oft, auf dem Fußboden in der Diele. Im Prinzip könnte man während der Kleinkinderzeit seine Sitzmöbel getrost untervermieten oder gemeinnützigen Organisationen zur Verfügung stellen. Tagsüber wird es hier eh‘ nicht geduldet, dass ich unbekindert auf Stühlen oder Sofas sitze, da sitze ich der Einfachkeit halber auf dem Fußboden. Und abends sind wir so müde, dass wir schnellstens schlafen gehen. 

Mit Schwung die Schwerkraft besiegen

Wir sitzen also auf dem Dielenboden und pellen die Jungs aus diversen wärmenden Schichten. Der zweitgeborene Zwillbo steht auf und stakst gemächlich zur Spielzeugkiste. Irgendwie möchte Pepe die Krabbelei heute Abend nicht auf sich sitzen lassen. Er stemmt sich mit aller Kraft aus den Knien nach oben, streckt einen Arm in die Luft, nutzt den Schwung, um die Schwerkraft zu überlisten und wirft sich vorwärts. Offenbar hat es in den vergangenen Tagen einige Synapsen-Neuschaltungen gegeben, denn auf einmal weiß auch der linke Fuß, wie er vorwärts kommt. Es reicht für drei Schritte, dann bremst das Kind mit den Händen auf dem Fußboden. Doch irgendwas ist in ihm passiert. Es lacht lauthals und versucht es erneut. Unermüdlich. Pepe landet unzählige Male auf der Nase, doch am Ende rennt er sechs Schritte in meine Arme. Und dann ist es doch ein bisschen so wie in meiner Phantasie. Wir lachen und sind glücklich. Weil unser Sohn so glücklich ist. 

Ich bin mir sicher, dass diese kleinen Gummibeine motorisch eigentlich noch gar nicht weit genug sind, um laufen zu können. Doch ihr Inhaber will es unbedingt. Weil sein Bruder es kann. Und deshalb macht er es. Nicht einfach, sondern mit aller Kraft, mit allem Mut und mit aller Willensstärke. Er zahlt dafür mit ein paar Beulen, hier und da einem Biss auf die Lippe. Und wir sitzen hier [auf dem Fußboden] und können es eigentlich nicht fassen, dass die beiden Kahlköpfe von letztem Jahr nun hier auf zwei Beinen stehen und vom Tisch mopsen, was nicht niet- und nagelfest ist…

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. melverenice sagt:

    Oooh ich haette ja nie geglaubt, dass das mal passieren wuerde, aber: Ich habe ZWEI Tippfehler gefunden!!!! Darf ich die behalten?
    Glueckwunsch zu zwei mobilen Kindern, jetzt wirds erst richrig irre! 😘

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    1. melverenice sagt:

      Richtig, mit T. Darfste auch behalten…

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    2. doppelkinder sagt:

      Bitte um Mitteilung!

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  2. Ingrid Liniger sagt:

    Hi Julia, wieder mal obersüss beschrieben, diese neuesten Errungenschaften der Zwillbos..!!😂
    Ein grosses DANKE für deine/eure soo originellen Doppelkinder-Beiträge!!
    Einen lieben Gruss von Inge aus der CH🤗

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke, liebe Inge! Ich hoffe, es geht euch gut?

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  3. NR sagt:

    Ganz toll geschrieben! 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Herzlichen Dank!!!

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