Wie ich mitten im Stress mir selbst begegnete

Kinder bringen einfach unsere persönlichen, mit großer Sorgfalt vertuschten Baustellen zum Vorschein. So sehr ich auch manchmal versuche, so zu tun als bemerkte ich das gar nicht, so muss ich doch gestehen, dass ich mitten im Klischee immer wieder mir selbst begegne. 

Gestern Abend hat sich bei uns spontan Besuch angekündigt. Eine gute Freundin war kurzfristig in der Stadt. Wir kennen uns seit Jahren, haben miteinander in der Zeitrechnung vor den Kindern gemeinsam zu viel getrunken, mit Heidi und den Määäääädcheeeeen in der Model-Villa abgehangen, Sport gemacht, unsere Leben geteilt. Meine Freundin ist einer der lustigsten, selbstironischsten und direktesten Menschen, die ich kenne. Gepaart mit einer gewissen Schusseligkeit ist sie wie wandelnder Slapstick. Deshalb frage ich mich, warum ich ausgerechnet bei ihr in die Fassaden-Falle getappt bin. 

Aberwitzige Fantasie

Als sie ihren Besuch ankündigte, spulte sich an den Innenwänden meines Großhirns folgender Film ab: Wir sitzen entspannt und lachend gemeinsam mit den Zwillbos auf dem Fußboden. Die Kinder spielen um uns herum, sind niedlich und lustig und bester Laune. Wir trinken Kaffee und meine Freundin denkt sich, wie gut ich doch alles hier im Griff habe. Meine Haare sehen toll aus. 

Kommen wir zur Realität. Ich bin müde. Mir fehlt Schlaf, weil ich unserem Zweitgeborenen in der vergangenen Nacht die Flasche verweigert habe, woraufhin er mir zwei Stunden Schlaf verweigert hat. Meine Haare sind…da…, aber immerhin bin ich geduscht, weil der Mann etwas später aus dem Haus gegangen ist. Ich bin müde. Die Zwillbos haben drei Stückchen Marmeladenbrot gegessen und dann mit wissenschaftlichen Studien über Konsistenz und Klebevermögen ihres Frühstücks im Haar des Bruders begonnen. Schon seit Tagen ist es Pepe außerdem eigentlich nicht recht, wenn ich ihn irgendwo absetze. Oder mich. Er hat es nicht so gerne, wenn ich mir einen Kaffee kochen möchte, dass Brot erst geschmiert und Mittagessen erst gekocht werden muss. Und warum müssen Mütter überhaupt mal zur Toilette?! Da hat doch die Natur mal wieder gepennt! Ich möchte mit meiner Schilderung zum Ausdruck bringen, dass der eigentlich noch junge Tag schon ganz schön an mir gezehrt hat. Aber hey, gleich sind wir alle fröhlich!!! 

Realitätsnahe Abbildung einer Zwillingsmutter.

Für gewöhnlich begrüßen die Zwillbos Besucher mit lauten, fröhlichen „Hi!!!“-Rufen am Türgitter. Das ist ziemlich lustig und niedlich. Das haben auch schon andere Menschen gesagt, die nicht ihre Mutter sind. Heute hingegen ist der eine damit beschäftigt, seine Zahnbürste in der Erde der Zimmerpalme zu versenken. Ich schrubbe gerade halbherzig meine eigenen Zähne, während Pepe misstrauisch durch das Gitter späht. Er bleibt auch im Klammermodus, als unser Besuch in die Charmeoffensive geht, und auch Mads ist für seine Verhältnisse ziemlich zurückhaltend. Also kein lustiger Auftritt. Schade. 
Während ich versuche, meiner Freundin einen Kaffee zu servieren, kann sie zumindest einen Eindruck davon gewinnen, wie es ist, wenn mindestens ein Kind hier einen Nervenzusammenbruch erleidet, nur weil ich mich erhebe. Aber Mütter erwerben ja nicht umsonst im ersten Lebensjahr ihrer Kinder die elterliche Kernkompetenz, alles einhändig zu erledige. Auch mit elfeinhalb Kilo im Arm ist das kein Problem. Kaffee also. Ich fühle mich gestresst. Dabei möchte ich doch entspannt sein. Ich bin müde. Ich freue mich. Ich merke, dass wir uns viel zu selten sehen. Ich versuche zuzuhören und zu erzählen, aufzunehmen und nachzufragen, während sich die Zwillbos gegenseitig von meinen Knien schubsen und darum streiten, wer der mütterlichen Körpermitte am nächsten sein darf. 

Platzwunden vermeiden

Irgendwann tauen die Kinder auf. Und während wir uns auf den neusten Stand der Dinge bringen möchten, möchten die Zwillbos lernen, die Küchenstühle zu besteigen und von da aus auf den Tisch zu klettern. Warum können sie das nicht wann anders machen? So in 16 Jahren würde es mir passen. Denn wenn man noch nicht lange auf Küchenstühle klettert, neigt man dabei zu Unfällen. Wir versuchen also, uns zu unterhalten und Platzwunden so wie Tobsuchtsanfälle zu verhindern. Bei den Kindern. Sehr entspannt. 

Ich weiß, dass ich besser aussehe als ich mich fühle, weil ich schon früh morgens tief in den Rougetopf gegriffen habe. Normalerweise sehe ich um 8.30 Uhr anders aus. Warum mache ich das nur? Ich will das eigentlich gar nicht. Also das Vortäuschen falscher Tatsachen. Und bei meiner Freundin muss ich das auch nicht. 

Ich weiß gar nicht mehr, warum Pepe schließlich anfängt zu brüllen. Vermutlich, weil ich seinem Bruder die Windel wechseln und dazu den Raum verlassen muss. Es ist jedenfalls ziemlich laut und irgendwie bin ich sauer. Sauer weil es so laut und so anstrengend ist. Weil er nicht aufhört zu weinen, obwohl ich ihn auf den Arm nehme und ihm den Schnuller gebe. Obwohl ich zur Toilette gehe und ihn mitnehme. Und ihn nicht auf den Boden setze [ja, das geht, aber ich sag nicht, wie]. 

Ich schimpfe und fühle mich schlecht

Wir wollen meine Freundin, die entspannt und lustig wirkt, noch ein Stück begleiten und ziehen gemeinsam die Kinder an. Besser gesagt, zieht sie Mads an, während ich versuche, Pepe daran zu hindern, sich nur hysterisch nach hinten zu werfen. Er nimmt von jeglicher Kooperationsbereitschaft Abstand. Ich schimpfe und fühle mich gleichzeitig schlecht dabei. Jetzt schimpft die auch noch mit dem weinenden Kind. Sieht doch jeder, dass sie total überfordert ist. Gemein, diese Stimme, mit der man sich selbst zuweilen kommentiert, oder? Irgendwie schaffen wir es in die Klamotten und auf die Straße. Ich bin müde. Ich atme. Kühle Winterluft. Mir tut es weh, auf mein Kind wütend zu sein, auch wenn ich weiß, dass ich selbst nur ein Mensch mit begrenzten nervlichen Ressourcen bin und diese Gefühle vollkommen normal sind. 

Wir bringen meine Freundin noch zur Straßenecke. Dort steigt sie zu ihrer Familie ins Auto. Um vermutlich in wenigen Stunden in ähnlicher Verfassung wie ich selbst zu sein. Und mich trifft die Erkenntnis. Kinder crashen einfach deine Pläne. Deine Ideale. Deinen Perfektionismus. Deine Vorstellungen und deine Erwartungen, die du unbewusst an sie und dich stellst. Sie machen da nicht mit. Und dann kannst du dich entscheiden. Blickst du in den Spiegel, den sie dir vorhalten, und nutzt die Chance, die sie dir bieten? Die Chance zu erkennen, dass du da gerade Humbug verzapfst. Die Chance zu erkennen, was genau dich in Wirklichkeit fertig macht und warum. Dass es dich gerade viel mehr stresst, nicht so souverän zu erscheinen wie du gerne möchtest, als es ihre Laune und ihre Lautstärke tun. Wem will ich eigentlich was beweisen? Meiner Freundin muss ich nichts vormachen. Sie ist selbst Mutter. Vielleicht geht es dabei vielmehr um mich selbst. Vielleicht muss ich mir beweisen, dass ich alles im Griff habe, wohlwissend, dass das eine Utopie ist. 

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Janina sagt:

    Liebe Juli! Ich kenne deinen Blog erst seit kurzem und schaue seitdem ständig rein. Ich glaube, ich habe die weiblichen Äquivalente zu deinen Zwillbos… Kann deshalb viel des Geschriebenen nachempfinden, besonders beim heutigen Beitrag. (Der Wimperntusche-Beitrag übrigens…. Der Hammer!) Möchte einfach mal Danke sagen, für deine augenzwinkernd-ehrlich-lustig-herzerwärmenden Texte, die übrigens auch verdammt gut geschrieben sind. Ich werde weiterhin reinschauen! Alles, alles Liebe! Janina

    Gefällt 2 Personen

    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Worte, liebe Janina, und alles Gute für dich und deine Mädels. Sie halten dich bestimmt herrlich auf Trab!

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  2. Zehra sagt:

    Liebe Juli,
    Ich finde es wirklich toll das du so offen und ehrlich schreibst. Ich freue mich zu lesen, dass es noch andere Zwillingsmamis gibt die so fühlen und denken wie ich. Der alltägliche Wahnsinn mit den Jungs, der riesen Spagat den wir hinlegen, um alles perfekt zu meistern. Der große Anspruch an uns selbst der ganzen Welt zu zeigen wie stark wir sind und das wir die Herausforderung die Mama von Zwillingen zu sein sehr gut meistern…
    Aber eigentlich müssen wir niemandem etwas beweisen, es erwartet niemand etwas von uns, denn jeder weiß das es meine Meisterleistung ist Zwillinge groß zu ziehen. Das es mega anstrengend und manchmal schwierig ist!
    Naja… Verrückte Welt (einer Zwillingsmama) 😉

    Sorry jetzt hab ich dich zugetextet…Mir war grad danach das loszuwerden. Für einen Moment hat es sich angefühlt als würden wir zusammen sitzen Kaffee trinken und Gedanken/Erlebnisse austauschen…
    Alles Gute weiterhin für euch 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Ooooh, ein schöneres Kompliment hättest du mir nicht machen können als das mit dem Kaffeetrinken! Ich freu mich so über den Austausch hier, es gibt mir selbst so viel, von dir und anderen zu lesen. Ohne euch, die lesen und kommentieren, wäre das hier nicht so lebendig. ❤️

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      1. Zehra sagt:

        Wie schön, dass du das so siehst. Ich freue mich auch jedes mal wenn ich mich mit einer Zwillingsmama austauschen kann. Es gibt nur leider nicht so viele in meinem Umfeld.
        Schade schade das Dortmund so weit weg ist 😉

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