Zerplatzter Reisbeutel und geschenkter Kuchen – Anleitung zum Glücklichsein

Die letzten Wochen haben mich gemürbt. Ich schreibe absichtlich nicht zermürbt. Weil ich meinen Kopf noch immer auf meinen Schultern trage. Und weil ich es nicht möchte. Ich möchte nicht zermürbt sein. Vielleicht klingt gemürbt aber auch einfach mehr nach Keksteig oder einem Kuchenboden. Und das hat was Liebliches. 

Ich habe ein wertvolles Gut in meinem Basis-Equipment, in der Ausrüstung, mit der ich zur Welt gekommen bin: Ich nehme oft eine zuversichtliche Haltung ein. Ich bin weder total optimistisch, noch erklärte Anhängerin positiven Denkens. Doch ich stelle immer wieder fest, dass ich irgendwie dem Lauf der Dinge vertraue – was nicht bedeutet, dass ich keine Ängste habe und nicht zu erschüttern bin [allerdings habe ich auch die lästige Marotte des magischen Denkens, die mir eigentlich verbietet, jetzt so positiv zu schreiben]. Die vergangenen Wochen allerdings brachten uns fiebernde Kinder, bespuckte Laken und Handtücher, die unsere Waschmaschine an die Grenze ihrer Belastbarkeit brachte. 

Es gab Hoffnungen auf Betreuungsplätze. Und zwar nicht irgendwelche, sondern wirklich optimal erscheinende, liebevoll anmutende Orte für kleine Kindergoldschätze [die mich in den Wahnsinn treiben, aber mein kostbarstes Gut sind]. Den Hoffnungen wurde allesamt das Aufenthaltsrecht entzogen. In Zeiten, in denen ich erschöpft und übermüdet bin, wirkte das wie riesige Knüppel, die man mir vor meine eh schon taumelnden Schienbeine schlägt. 

Zum allerersten Mal seit vielen, vielen Jahren – genau genommen kann ich mich gar nicht erinnern, wann es das letzte Mal so gewesen ist – habe ich Rücken, wie man gemeinhin sagt. Und zwar keinen überlasteten, märtyrerischen Zwillingsmutterrücken. Nein, ich habe mich bei dem Versuch, eine Hose aus dem Schrank zu nehmen, so komisch bewegt, dass ich mich auf einmal so gut wie gar nicht mehr rühren konnte. Aua. Kenn ich nicht, sowas. Für die Aufrechterhaltung des Konzepts Vollzeitmutter eher schwierig. Dinge, auf die ich mich gefreut habe, rückten unabhängig davon in scheinbar unerreichbare Ferne und schließlich hat ein Mensch, der mir und meiner Familie sehr nahesteht, einen unfassbaren Verlust erlitten. 

Wer ist diese zornige Frau?

Ich habe es oben beschrieben, ich bin kein Mensch, der Anlässe für Pessimismus sammelt, wie andere Leute Zuckerdosen oder Rabattgutscheine. Aber zuweilen rutschten mir plötzlich schwarzseherische und vor allem schwarzfühlerische Aussprüche heraus, die mich schon schockiert haben, noch ehe sie ganz verklungen waren. Wer ist diese zornige Frau, die so wütend auf das Leben ist und das Blatt, das es ihr gerade austeilt? Ich wollte gerne leugnen, sie schon jemals getroffen zu haben, doch augenscheinlich hat auch sie einen Wohnsitz in mir. Klein und offenbar nicht sehr luftig und schön ausgestattet, sonst wäre sie nicht so mies drauf, aber sie scheint bei mir gemeldet zu sein. 

Ich mag es nicht, meine Kinder als riesige Anstrengung zu empfinden. Aber es ist manchmal einfach so. Ich mag keine „Immer ich“-Opferhaltungen, aber offenbar habe ich auch zuweilen Tendenzen dazu. Und dann gibt es Tage wie heute. Ich wurschtele mich so durch. Eigentlich bin ich mit letzter Kraft noch ziemlich geduldig, aber trotzdem innerlich ziemlich entnervt. Weil die Jungs aber mal so überhaupt nichts dafür können, versuche ich, das nicht zu ihrem Zirkus zu machen. Gut fühle ich mich nicht während dieses inneren Zwistes. 

Von Reis und Kaffee

Dann stehe ich im Supermarkt an der Kasse. Die Packung Reis platzt der Kassiererin in den Händen auf. Ist nicht so schlimm. Ich hole eine neue. Sie plaudert mit den Kindern. Und dann schenkt sie uns den Reis. Sie muss ihn eh abschreiben. Ich freue mich wie eine schneekönigliche Zwillingsmama, weil ich es so toll finde, dass sie den Reis nicht wegwirft. Und weil ich es mag, etwas geschenkt zu bekommen. Wir ziehen weiter. Bevor die Jungs auf ihren Dreirädern über den Spielplatz fahren dürfen, möchte ich noch einen Kaffee. Ich ziehe im Café meine Bonuskarte aus der Tasche und sehe: Der Soja-Latte geht auf’s Haus – und zwar nicht auf meins! Geil, noch ein Geschenk. 

Mittags klart das mentale Ungewitter noch weiter auf, und das obwohl ich zuvor mit einer Menge seelischem Schweiß den Zweitgeborenen in den Mittagsschlaf ringen musste und eigentlich eine gebrochene Frau war. Der Mann hat mit einer potentiellen, zwillingserprobten und –freundlichen Tagesmutter telefoniert, sie hat Plätze frei und wir lernen uns bald kennen. Im Vergleich zu Reis und Kaffee, was immerhin Grundnahrungsmittel sind, ist das natürlich ein ziemlich großer Stimmungsaufheller. 

Nach dem Mittagsschlaf sind meine direkten Nachkommen ziemlich friedlich. Sie werfen nicht mit dem Essen, das ich ihnen gekocht habe, und kleben in geschwisterlicher Eintracht Abziehbilder auf ihre Hochstühle. Der Mann kommt nach Hause und trifft uns in harmonischer Dreisamkeit an, und obschon meine Nerven nicht splitterfasernackt sind, entfleuche ich der Familie für eine Stunde. Für einen Gang zur Post, für einen Besuch in meinem Lieblingsladen hier im Kiez und für eine schnelles Heißgetränk. Ich hab Bock auf Kakao mit Marshmallows, weil ich sowas die Tage auf dem Foto gesehen habe, das meine Freundin mir geschickt hat. 

40 Minuten vor Geschäftsschluss stehle ich mich in das kleine Eckcafé und bin entzückt, eine ebensolche Schokoladen-Zuckerschaum-Kreation in der Karte zu erblicken. Sie wird mir serviert und mit ihr ein Stück Orangenkuchen. Unbestellt. Geschenkt. Mein Herz hüpft. Kuchen! Geschenkt! Ich nehme viel zu viel Zucker zu mir, aber bin einfach nur fröhlich. Die richtig gute Nachricht für mich ist heute, dass der geschenkte Reis, der geschenkte Kaffee und der geschenkte Kuchen so groß für mich sind. Dass ich das wahrnehmen kann und es mich nach vorne bringt. Hallo, Frau in mir mit dem großen Herzen und dem offenen Blick, nimm dich doch mal deiner wütenden Nachbarin an und koch ihr einen Kakao. Mit Marshmallows. Und schenk ihr Kuchen.

Mir dämmert, warum ich immer wieder so positiv sein kann. Weil ich oft den Blick nach oben richte, weg von meinen Schuhspitzen, weg von dem schmutzigen Asphalt, dem von ausgespuckten Kaugummi übersäten Pflaster. Ich lasse ihn die alten Häuserfronten hinaufschweifen, durch deren Schluchten ich laufe, wundere mich immer wieder aufs Neue über die Schönheit und lande letztendlich beim Himmel. Der ist voller Wolken, die vorüberziehen. Die mir plötzlich mit einer Lücke die Sicht freigeben auf einen Horizont, dessen Blau man nicht malen kann. Diese Welt kann gut sein. Lücken können gut sein. 

11 Kommentare Gib deinen ab

  1. Reinhold Scharnowski sagt:

    Wunderschön, du 🙂 Schreib ein Buch!

    Lieber Gruss aus Bolivien und der Hitze und wo man auch ab und zu den Himmel erblickt

    Reinhold

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke, lieber Reinhold! Die Kommentare aus Bolivien sind mir mit die liebsten :)! Ein Buch – ja, der Wunsch und Gedanke wird immer konkreter

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  2. Tabea sagt:

    Wow, toller Text! Merçi 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich danke dir!

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  3. Lena sagt:

    Danke! 💛

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    1. doppelkinder sagt:

      Gerne! Und auch Danke!

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  4. Lisa sagt:

    Jeder kennt diese wütenden Person, die immer ich schreit und unfair, doch manche können sich dieser Person nicht entziehen und geben sich ihr hin. Doch du, du bist dieser Person nicht verfallen. Du hast den Schlüssel für das Glück noch in der Hand! Die kleinen Sachen sind der Schlüssel. Verliere den Schlüssel nicht und wenn doch, Frage jemand der dir suchen hilft.

    Ich drücke die Daumen für die hoffentlich tolle Tagesmutter.
    Lisa

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank, du hast Recht, dieser Schlüssel ist überlebenswichtig! 🙂

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  5. Janina sagt:

    … Und deshalb lese ich hier so gerne. Das ist dein Talent, finde ich: frustrierende Situationen aufhellen, das Schöne hervorkramen. Aber gleichzeitig einfach auch mal sagen, wenn man sich (trotzdem) beschissen fühlt. Das darf man nämlich. Hilft manchmal, der zur Untermiete wohnenden, wütenden Frau den Wind aus den Segeln zu nehmen… 😉
    Es grüßt mal wieder ganz lieb winkend und dankend – Janina

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach danke, Janina, für deine Worte!!!

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  6. madamulma sagt:

    da schreibst du mir mitten aus der seele mitten ins herz, liebe juli. ein einziges identifikationsmoment. da freut sich die positive frau in mir und die griesgrämige, die zurzeit gern mal herumkeift, verzieht sich ein stückchen weiter in die ecke.

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