Da muss man doch mal durchgreifen. Oder?!

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Ich saß ja früher unbewusst dem Irrtum auf, dass man Kinder halt einfach so bekommt, sie dann da sind und man sein Leben weiter lebt, nur eben dann mit ihnen. Ihr habt jetzt zehn Sekunden Zeit, um lauthals über meine Einfältigkeit zu lachen, danach bitte ich wieder um Anteilnahme. Es war auch ganz gut, dass ich so dachte, denn sonst wäre unser Spielzimmer* möglicherweise mein Arbeitszimmer geblieben, denn ich weiß nicht, ob ich mir das, was ich nun tagtäglich tue, tatsächlich zugetraut hätte. Ich bin Krisenmanagerin, Bombenentschärferin, emotionale Flugbegleiterin – die auch Säfte anbietet, Geduldsfadenneuknüpferin und Deeskalationsexpertin. Alles ungelernt, wohlgemerkt. So wie alle Eltern. 

Sicherlich, ich habe zuvor davon gehört, dass kleine Kinder nicht immer Asse im Schlafen sind, dafür aber gerne vor Supermarktkassen liegen und Passanten mit ihrem Gebrüll in Aufruhr versetzen. Aber ich habe mich nicht darum geschert. So schlimm kann das ja wohl nicht sein, habe ich mir gedacht. Da muss man dann halt mal durchgreifen. Konsequent bleiben. Sonst machen die ja, was sie wollen oder werden spätestens im Erwachsenenalter entweder zu scheußlichen Mitbürgern, zu feuerlegenden Wahnsinnigen oder zu Präsidenten der Vereinigten Staaten. Oder alles zusammen. Aber nicht mit mir, dachte ich. 


Dann wurde ich Mutter. Und ich begann zu begreifen, wie viel Nazi in mir steckt. Denn all diese Ängste und Gedanken, Babys zu verwöhnen, Kleinkinder zu verhätscheln, Tyrannen heranzuziehen, haben ihre Wurzeln in der Zeit, in der man gebrochene, gefügige Seelen brauchte, die sich munteren Herzens vor die Kanonen gegnerischer Soldaten warfen. Aber große Helden in Beziehungs- und Bindungsfähigkeit waren sie wohl nicht. Das war auch nicht gewünscht. Ebensowenig wie Selbstwertgefühl und der Mut, zu sich selbst zu stehen. 

Kämpfe rauben Energie

Ich kann dank Blogs wie diesem jetzt glücklicherweise verstehen, was in dem erst recht rudimentär herangereiften Gehirn der Zwillbos von Statten geht, wenn sich einer von ihnen mal wieder durch die komplette Palette an Gesichtsfärbungen brüllt. Macht es das einfacher? Oft schon. Denn ich kämpfe nicht mehr jeden Kampf. Das raubt mir viel zu viel Energie. Das gibt am Ende nur emotional Verletzte. Ich glaube standhaft daran, dass es den Jungs in dieser Phase ihres bislang knapp zweijährigen Lebens entgegen vieler Annahmen nicht darum geht, partout ihren Willen durchzusetzen. Und dass es im Umkehrschluss meine Aufgabe ist, ihnen durch diese Rechnung einen hübschen Strich zu machen. Puh. Glück gehabt. Das wäre ja noch anstrengender als es ohnehin schon ist. 


Natürlich möchten die Kinder ihren Willen durchsetzen. Aber nicht des Machtkampfes halber. Sondern weil sie diese Welt erkunden möchten. Weil sie ausprobieren und lernen möchten. Weil sie hungrig sind auf das Leben, und zwar so sehr, dass ihnen dessen Erprobung am allerwichtigsten ist. Dass sie noch nicht alles können und am Ende auch nicht alles dürfen – schließlich sind beispielsweise Autos stärker und gefährlicher als Zwillbos – ist da für sie höchst ärgerlich, manches ist frustrierend, anderes traurig und zum Heulen. Ein Keks, der einfach unwiederbringlich entzwei bricht etwa. Oder eine Banane, die an der Supermarktkasse erst abgewogen werden muss, bevor man sie essen kann. Das lassen sie raus. Denn viele Instrumente zur Affektregulierung haben sie noch nicht. 

Das ist nunmal mein Job

Und wie ich sie gefüttert habe, als sie es selbst noch nicht konnten, ist es nun selbstverständlich, dass ich ihnen dabei helfe, ihre Gefühle zu regulieren. Das ist mein Job. Aber niemand behauptet [jetzt mehr], dass das leicht ist. Oder dass es mir immer zu 100 Prozent gelingt und immer Spaß macht. Manchmal werde ich auch ungeduldig und genervt. Ich darf das. Schließlich bin ich ein Mensch. Aber ich bemühe mich, ihnen zu zeigen, dass ich ihr Bedürfnis verstehe. Und ihren Frust, wenn es nicht möglich ist, es zu befriedigen. Weil ich zum Beispiel nachts kein Apfelmus neben dem Bett stehen habe oder um 5.07 Uhr in der Frühe kein Eis serviere. Ich versuche, das auszuhalten. Woher soll man schließlich mit 22 Monaten wissen, dass es auf dieser Erde zwar Usus ist, derlei Dinge zu essen und sich daran zu erfreuen, dass es dafür aber bestimmte Zeiten gibt, die von Erwachsenen vorgegeben werden. 


An dieser Stelle wird es Zeit zu gestehen, dass dieser Text ursprünglich in eine ganz andere Richtung gehen sollte. Ich wollte mich eigentlich darüber auslassen, wie anstrengend und verunsichernd die so genannten Autonomiephase manchmal für mich ist. Ich wollte beschreiben, was hier zuweilen abgeht. Wie wir damit umgehen. Wie wir manchmal gefühlt scheitern, wie wir uns fragen, ob Unterdrückung nicht doch der bessere Weg wäre und wie wir uns ab und an fragen, ob derartige Ausraster nicht vielleicht doch schon verhaltensauffällig sind. Und dann habe ich begonnen zu schreiben, und was ist einfach so aus meinen Fingern herausgeflossen? Ein Plädoyer für unseren Wunsch nach gewaltfreier Kommunikation, nach einer Erziehung, die diesen Begriff eigentlich überflüssig macht. Weil ich jeden Tag sehe, dass es ausreicht, gute Beziehung, Freundlichkeit und Rücksichtnahme vorzuleben, um aufrechte Menschen heranwachsen zu lassen. Weil Liebe stärker ist als verstaubte Dogmen. Weil wir mit unseren Kindern leben und sie nicht für Gefühle bestrafen und in eine Ecke setzen möchten. Weil mein Wunsch, für sie da zu sein, stärker ist als mein Verlangen nach Gefügigkeit. 

Selbstverständlich habe ich manchmal Zweifel. Aber nie lange. Denn eins habe ich immer mehr: Liebe. Deshalb bemühe ich mich, mit meinen Kindern genauso umzugehen, wie ich es mir für mich wünsche: mit Respekt und Geduld und Wertschätzung. 

*Wir haben bislang kein richtiges Kinderzimmer, die Zwillbos schlafen noch bei uns.

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karen sagt:

    Jaja, ich habe hier auch gerade so eine kleine Maus von 22 Monaten. Unsere Tage sind – laut. Ich sage mir, dass sie es nicht macht, um mich zu ärgern, sondern weil sie gerade keine andere Möglichkeit hat, ihren Kummer zu verarbeiten. Wir haben wieder mehr Kuschelsessions und neuerdings Einschlafbegleitung – „sie ist doch schon groß. Greif durch und lass sie ein paar Nächte brüllen, damit sie weiß, dass sie mit ihrem Geschrei nichts bewirkt.“ – sorry, nö!

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    1. doppelkinder sagt:

      Gut, dass du das so siehst und für sie da bist 💪🏻❤️.

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  2. Liebe Juli! Unsere Zwillinge sind jetzt dann drei und wenn ich Deinen Text lese, denke ich 14 Monate zurück. Auf der einen Seite ist es viel einfacher geworden, denn nun können sie sich mitteilen – Zumindest dann wenn der Gefühlssturm sich legt 😉 Auf der anderen Seite ist es komplexer geworden die Wünsche und Ansprüche zu erfüllen. Gottseidank hilft die Erfahrung einige der Klippen zu umschiffen und eine Auswahl von Strategien die zur raschen Konfliktlösung beitragen, sind nun auch bekannt. Aber es ist oft immernoch eine Herausforderung und das Nerven zusammenknoten ist auch bei uns noch an der Tagesordnung. Ich sende Dir liebe Grüsse, Alexandra

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich empfinde das jetzt auch schon ähnlich. Vieles ist leichter geworden, doch Ansprüche und Fähigkeiten wachsen. Ich schick dir Kraft und viele liebe Grüße!

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  3. schlumpels sagt:

    Meine Eltern (und noch so einige andere ) sollten mal deinen Text lesen. Vielleicht sind sie für so kurze Lektüre eher zu haben als für meine Worte oder angebotene Bücher. Ich habe es echt satt mich ständig rechtfertigen zu müssen…. meine Kinder zu verwöhnen, mir auf der Nase rumtrampeln zu lassen, Tyrannen gross4zuziehen usw… Und wenn ich auf das obligatorische „Dir hat es doch auch nicht geschadet“ mit „doch“ antworte, sind se sauer. Orrr… Ist es wirklich so schwer mal kurz über den einen Tellerrand zu gucken?
    Sorry aber ist ein Thema das mich unendlich nervt und mich unberechtigterweise immer wieder Zweifeln lässt.
    Liebe Grüße Diana

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    1. doppelkinder sagt:

      Das ist ein tolles Kompliment an mich. Und an dich für deine Einstellung. Zu schade, dass derartiges Gedankengut noch so weit verbreitet ist. Um so wichtiger, dass wir versuchen, es anders zu machen. Alles Liebe!

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  4. Janina sagt:

    Danke für diesen Text und den Tipp zum Blog „Gewünschtestes Wunschkind“. Ich persönlich brauch solche Denkanstöße immer wieder… denn im Alltag ist es anstrengend und aufreibend, immer ruhig zu bleiben, zu sprechen und Kompromisse zu suchen und man denkt oft daran, ob dieses oder jenes Erziehungsverhalten später zu „problematischen“ Kindern führt …. vor allem mit 18 Monate alten, sehr selbstbewussten und mutigen kleinen Damen, die man schon auch bändigen und beschützen muss. Trotzdem ist es ja eigentlich immer einfacher, den gemeinsamen statt den rein konsequenten Erwachsenenweg zu gehen. Eine kluge Frau hat dazu mal zu mir gesagt, als ich wieder mal zweifelte, zu wenig konsequent zu sein: „Wenn Sie aber doch die Regeln machen, dann machen sie ja auch die Ausnahmen. Und Ausnahmen sind doch was Schönes und Besonderes.“ Dieser Satz hat viele Zweifel und die Verbissenheit in mir gelöst und begleitet uns jetzt bei ganz vielen gefeierten Ausnahmen. 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Das beschreibst du alles ziemlich gut. Ich bin auch manchmal verunsichert. Und längst nicht immer leise. Aber das ist okay. So lange die Basis stimmt. Und ich kenne auch so eine Frau. Sie sagt immer, „Mal gewinnen die Erwachsenen, mal die Kinder – dann ist alles gut.“

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  5. Viermalmeins sagt:

    Die übermüde und viel zu oft von Eigenständigkeit genervte Vielfachmutter muss weinen – und denkt an ihre eigene Mama, die das alles, ganz untypisch für ihre Generation, sooo richtig gemacht hat und leider keine phantastische Oma mehr sein konnte …
    Vielen Dank für diesen schönen und wertvollen Beitrag!

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach danke für deine gefühlvollen Worte. Was für eine wunderbare Mama du gehabt haben musst! Es ist unbegreiflich, warum ausgerechnet diese Frauen so oft keine Oma mehr sein dürfen, hier ist es genauso. Ich weine eine Träne mit. Alles, alles Liebe!!!

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