Spielplatz für Fortgeschrittene – und Bewegungsfreudige

Bereits meine Grundschullehrerin attestierte mir seinerzeit gute Eignung, vor Publikum aufzutreten. Schriftlich. Auf dem Zeugnis. Sie konnte es zwar leider nicht sonderlich schmeichelhaft formulieren, doch die Botschaft war unverkennbar: Die kleine Juli hat das Zeug dazu, anderen die Langeweile zu vertreiben. Im Unterricht war ihr das allerdings nicht so recht. Mit Ende der Schulzeit ist mir dieses Talent irgendwie etwas aus dem Bewusstsein geraten. Kürzlich konnte ich es wiederentdecken – auf einem öffentlichen Spielplatz.

Gestaltung des Freigangs

Der Freigang der Zwillbos gestaltet sich wie folgt: Da wochentags für gewöhnlich nur ein Erziehungsberechtigter mit den Nachkommen unterwegs ist – in der Regel ich – suchen wir uns zwillingstaugliche Lokalitäten: wenig Ein- und Ausgänge, wenig Verkehr, wenig andere Eltern [ok, das hat weniger mit der Zwillings- als mit der Juli-Tauglichkeit zu tun]. Ich benötige Orte, die gut zu überschauen sind, an denen kein Kind ohne weiteres verloren gehen oder überfahren werden kann. Es gibt ein paar Parks und Spielplätze in der Nähe unserer Wohnung, die diesbezüglich Eignung aufweisen. Dort treiben wir uns vormittags rum.

Schön, wenn sie…

Neulich war ich auf einem Spielplatz verabredet, auf dem wir das letzte Mal waren, als die Zwillbos noch die Geschwindigkeit zweier Schildkröten aufwiesen und sich auch recht reptilienartig fortbewegten. Nun haben sie unterdessen ordentlich Evolution in eigener Sache betrieben und sind sind auf zwei Beinen ziemlich schnell unterwegs. Besagte Freizeitstätte liegt am Rande eines Parks. Es gibt drei Spielbereiche, die durch Hügel von einander abgegrenzt sind. Es gibt Treppen, die zu einer Straße führen, und es gibt Hasen. Viele Hasen. Menschen mit Zwillingserfahrung haben möglicherweise bereits eine Ahnung, wie sich der Nachmittag gestaltete.

Während alle anderen Anwesenden maximal ein Kind überwachen müssen – manche auch nur ein halbes, denn sie sind gleich zu zweit mit dem Zögling angetreten – bin ich alleine mit den überaus bewegungsaffinen Söhnen zugegen. Die Eltern und Elternteile stehen oder sitzen am Sandkastenrand, plaudern entspannt oder unterhalten sich angeregt. Ich setze die Brut ab und das Spektakel beginnt.

Expressfunk der Synapsen

Während Pepe versucht, die zwei Meter hohe Rutsche zu erklimmen, macht sich Mads direkten Weges auf in Richtung Treppen und Straße. Meine Synapsen funken in Expressgeschwindigkeit und kommen zu dem Schluss, dass der Sturz von einer Leiter zwar gefährlich, jedoch nicht so lebensbedrohlich wie der Zusammenstoß mit einem Auto ist. Ich sprinte los, schnappe mir Mads und düse mit ihm zur Rutsche, wo ich gerade noch Pepes Bein zu fassen bekomme, bevor er ins Leere tritt.

Ich atme kurz durch, versuche meine Bekannten über den aktuellen Stand unseres Lebens in Kenntnis zu setzen, da sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich der Zweitgeborene wieder davonmacht. Ein Hase. Mads betrachtet es als seine Aufgabe, den Puls des Tieres in die Höhe zu treiben und nimmt Verfolgung in die Weiten des Parks auf. Pepe hat unterdessen die Besteigung einer Holzhütte für sich entdeckt, die mir aber weitgehend sicher erscheint. Ich suche mir einen Ort, an dem ich beide ungefähr gleich gut im Blick habe, was in Anbetracht der ganzen Hügel und des sich fortbewegenden Mads‘ gar nicht so einfach ist. Ich winke meinen Krabbelgruppenfreundinnen, die sich fröhlich unterhalten, von Weitem zu.

…an der gleichen Stelle spielen…

Pepe findet jetzt auch Tiere interessant, allerdings andere als Mads, so dass sich die zu beschützenden Subjekte nun in unterschiedliche Richtungen in Bewegung setzen. Als ich sie aus den Augen zu verlieren drohe, renne ich los, fange Pepe ein und setze ihn in der Nähe seines Bruder ab. Vielleicht einigen sie sich ja auf die gemeinsame Verfolgung eines Eichhörnchens. Ich habe mich leider geirrt, Pepe ist verärgert und düst wieder davon, während Mads erneut die Treppen anpeilt. Ich lasse ihn kurz gewähren, in der Hoffnung, er dreht vielleicht am oberen Absatz um und kommt zurück. Doch straft die Realität meine mütterliche Naivität Lügen, und er marschiert weiter Richtung Straße.

Dysfunktionaler Klebeeffekt

Nun werde ich sehr schnell und pfeife den Sohn zurück. Das findet dessen Bruder so interessant, dass er die soeben in die Hand genommene Schaufel fallen lässt und zu uns stößt. Er muss direkt mal überprüfen, ob das Verkehrsunfallverbot auch für ihn gilt. Tut es, und ich schleppe zwei sich windende, wütende Zwölf-Kilo-Pakete zurück Richtung Sandkasten. Dort versuche ich mit Apfelschnitzen und Keksen einen Klebeeffekt auszulösen. Dieser funktioniert – allerdings leider nur bei fremden Kindern.

Als sich die Zwillbos wieder rennend aus meinem Sichtfeld entfernen, drücke ich einer Mutter neben mir die Verpflegung in die Hand und verlasse die Bank. Ich spüre die Blicke der anderen Eltern genau. Sie sind eine Mischung aus Bewunderung, Mitleid und Erleichterung. Erleichtert darüber, nicht in meiner Haut zu stecken. Ich kann sie verstehen. In manchen Situationen stecke ich selbst nicht fürchterlich gerne in meiner Haut. Diese ist eine davon.

…aber nicht immer die Regel.

Pepe möchte jetzt schaukeln. Ich entspreche seinem Wunsch. Selbstverständlich möchte der Junge dies naleine tun. Ich platziere ihn auf der Schaukel, schärfe ihm ein sich GUT festzuhalten und gebe im leichten Anschwung. Unterdessen macht Mads es sich zur Aufgabe, einer Taube das Leben schwer zu machen und stürmt hinter dem Tier her, das sich ein paar Kekskrümel unter der Spielplatzbank zu Gemüte führen wollte. Ich behalte den Aggressor von der Schaukel aus im Auge und beobachte, wie irgendwas am Boden seine Aufmerksamkeit erregt. Bitte keine Kippe, flehe ich in Gedanken, und werde erhört – es ist ein abgesplitterter Flaschenboden.

Wackelkandidat und Windeldesaster

Pepe lässt die Schaukel nicht los und kreischt als ich ihn ruckartig zu entferne versuche, also muss ich den Wackelkandidaten dort sitzen lassen, während ich losrenne, um den Zwillingsbruder vor entstellenden Schnittverletzungen zu bewahren. Ich komme rechtzeitig bei Mads an, der die Beute, die seine Mutter so aufregt, sind kampflos aus der Hand geben will. Ich entwinde sie ihm, ohne einen von uns zu verletzen, was mit wütendem Gebrüll quittiert wird. Als ich mich umdrehe, sehe ich gerade noch, wie Pepe von der Schaukel rutscht und auf dem Rindenmulch landet. Immerhin brüllen nun beide Kinder. Mir ist ziemlich warm, trotz einsetzenden Nieselregens.

Das Desaster nimmt seinen Höhepunkt in Pepes voller Windel und seiner Unentschlossenheit, ob er jetzt gewickelt werden möchte oder nicht. Es gibt noch mehr Tränen und eine anstrengende Open-Air-Wickelaktion. Ich bin froh, als beide Kinder irgendwann im Wagen sitzen und ich nach Hause schieben darf. Ich werde den Verdacht nicht los, dass bei einer Wiederholung die anderen Spielplatzbesucher Popcorn und Eiskonfekt mitbringen.

23 Kommentare Gib deinen ab

  1. supakaya sagt:

    Puh das hört sich anstrengend an. Sowohl für dich als auch für die Kinder, die sich ja nun garnicht frei entfalten dürfen 😉 .
    Bei uns gibt es einen eingezäunten Spielplatz, der ist im Moment unser Favorit. Er ist etwas weiter weg als die anderen, dafür eben EINGEZÄUNT… Das ist soviel entspannter…

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, die entfalten sich aber sowas von 😂. Ich gehe auch nur an Orte, an denen es entspannter für mich ist.

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  2. weepixie sagt:

    Echt, du bist eine Super Mama. Ich hätte nach 20 Minuten gesagt: sorry, ohne mich und wär heim. Sowas tu ich mir echt kaum noch an. Chapeau!

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    1. Janina sagt:

      Da schließe ich mich zu 100% an…. Respekt! (Auch, dass du alles noch so schön beschreiben kannst. 😉)Mein Deo und ich sind für solche Situationen einfach zu schwach.

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      1. doppelkinder sagt:

        Man wächst ja mit seinen Aufgaben 😂

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    2. doppelkinder sagt:

      Ich gehe dort auch nicht mehr alleine hin, ist mir zu stressig!

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      1. Monja sagt:

        Ich habe auch zwei sehr „Lebendige“ Zwillingssöhne. Mittlerweile sind die beiden 4 1/2 Jahre alt und es geht tatsächlich entspannter auf dem Spielplatz zu, aber ich erinnere mich noch SO gut an solche Situationen. Besonders diese blitzschnellen Analysen, welche Gefahr die schlechteren Überlebenschancen hat… ich fühle mit Dir und kann Dir nur das allseits beliebte Zwillingsmsmamantra schicken: „Ja, es wird leichter…oder eben anders.“

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      2. doppelkinder sagt:

        Zum Glück gibt es Orte, an denen es wesentlich entspannter ist. Und das ist es jetzt auch schon im Vergleich zu vor ein paar Monaten. Immerhin können sie schon alleine schaukeln! 😂

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  3. Das klingt ja traumhaft…. da kommt ja noch was auf mich zu mit unseren Zwein…

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    1. doppelkinder sagt:

      Aaaach, dann suchst du dir Orte, die zwillingsmamafreundlicher sind, die gibt es 😊 alles Liebe!

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  4. Nika sagt:

    Ich weiß genau wovon du schreibst, allerdings gönne ich mir dieses „Vergnügen“ immer mit 4 Kindern (4,5J, 3J, 2x 20Monate)… Aber irgendwie kommen immer wieder alle heil und vollzählig mit mir zu Hause an.

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    1. doppelkinder sagt:

      Das finde ich unfassbar! Meinen allergrößten Respekt!!!

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  5. Twinmom sagt:

    Das könnte auch ich geschrieben haben.
    Vorallem mit den Blicken der Muttis 🙈
    Ich hoffe jeden Tag, dass sie endlich mal hören und nicht weg laufen🙏🏻

    Tut gut zu wissen, dass ich nicht allein bin 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Der Erkundungsdrang ist einfach so groß 😃😃😃. Viele Grüße und viel Kraft!

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  6. Sina sagt:

    Hallo, ich habe selbst Zwillinge etwa im Alter deiner beiden. Ein Junge und ein Mädchen, vermutlich ähnlich aktiv wie deine Zwillbos.
    Alle Erzählungen und ganz besonders der jetzige, treffen zu fast 100% auf mich zu. Ich erkenne mich immer selbst. Und eine Mama mit „nur“ einem Kind, kann das niemals so gut verstehen.
    Tut gut, zu wissen, dass man nicht allein auf der Welt ist mit dieser Anstrengung! Und trotzdem positiv bleibt.
    Danke für deine Berichte!!!

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deine Worte! Ich schätze den Austausch mit anderen Zwillingseltern auch sehr und bin für alle Kommentar hier sooo dankbar, denn man lebt mit gleichaltrigen Babys und Kleinkindern einfach anders. Alles Liebe für euch!

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  7. Ari sagt:

    Ich verstehe dich jetzt schon sooo gut! Und meine Jungs sind erst 13 Monate alt aber bereits sehr flinke Krabbler. 😅 habe neulich nach einer halben Stunde auf dem Spielplatz kapituliert, nachdem Sohn 1 sich unbedingt auf dem Karussell umbringen wollte, während Sohn 2 heulend im Sandkasten saß, weil ich ihn alleine ließ um Sohn 1 vom frühen Freitod abzuhalten. Mal schauen wie wir das in Zukunft handhaben 🙈

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    1. doppelkinder sagt:

      😂😂😂 DAS wird dann tatsächlich etwas unkomplizierter, wenn sie sicherer klettern oder beispielsweise alleine schaukeln können – nicht mehr lang, liebe Ari, bleib tapfer!

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  8. Nadja sagt:

    Das könnte ich geschrieben haben vor vier Jahren (außer dass ich es nicht so gut schreiben kann 😉). Jetzt ist mein Pärchen sechs. Die Situation wird sich bald umkehren für dich: so ab zwei einhalb, drei Jahre werden deine Zwillinge ganz viel miteinander spielen. Dann sitzt du gemütlich beim Kaffee, während die anderen ihre Einlinge bespaßen 😉

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    1. Ari sagt:

      Das klingt wie ein schöner Traum! 😍

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    2. doppelkinder sagt:

      Wow, schon so große Kids. Ich kann mir immer kaum vorstellen, dass meine auch bald schon so groß sind! Ich bemerke die Veränderung jetzt schon oft. Denn die Einlinge ziehen ihre Eltern oft an der Hand hinter sich her gen Sandkasten – ich bin da meistens nicht gefragt 😅🙌🏻.

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  9. Das klingt so lustig – und ich glaube, wir haben ein Exemplar (14 Monate), das so ist, wie Deine beiden – doppelt ist natürlich die größere Freude 🙂 Unsere Kleine mischt auch jede Kleinkindveranstaltung auf und ich bewundere immer die Mütter/Väter, die entspannt neben ihren Kindern sitzen, während unsere Kleine mindestens versucht, eine Handvoll Steine zu essen, sich die nächste Treppe hinunter zu stürzen, auf eine wackelige Wippe zu klettern oder einfach nur wegzulaufen. Im Nachhinein bin ich dann aber immer froh, so ein Energiebündel zu Hause zu haben – was anderes würde zu uns auch nicht passen. Viel Spaß weiterhin mit Deinen zwei neugierigen Energiebündeln!

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