Der Mann und ich – wie ich Beziehung lernte

Der Mann und ich sind jetzt schon ein paar Jahre zusammen. Und wenn ich eines so sicher weiß wie das Amen in der Kirche, dann dass es keinen Menschen auf dieser Welt gibt, der besser zu mir passen, der mich besser ergänzen, der mich ganzer machen würde als er es tut. Das ist einfach so. Das ist eine Wahrheit, die untrüglich in mein Herz hingeschrieben ist. Manche Dinge weiß man einfach.

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Das bedeutet keinesfalls, dass wir immer einer Meinung sind, dass es hier vor lauter Harmonie kaum auszuhalten ist und der Himmel immer voller Geigen hängt. Das wäre ja auch blöd, dann würde die Sonne gar nicht durchkommen. Im Gegenteil.

Dauerhafte Belastungsprobe

Insbesondere seitdem die Kinder auf der Welt sind, unterzieht sich unser Ehe einer dauerhaften Belastungsprobe. Niemals waren wir so müde, niemals waren wir so gefordert und niemals hatten wir so wenig Zeit für einander oder für uns selbst wie seitdem wir Eltern sind.

Es gibt Tage und Wochen, da leben wir regelrecht nebeneinander her. Zuweilen noch nicht mal nebeneinander, weil wir dann quasi in Schichten antreten und uns gegenseitig die Klinke und die Zwillinge in die Hand drücken. Dann sitzt der Mann morgens um 6 Uhr schon im Büro, ich versorge die Kinder und wenn er nachmittags nach Hause kommt ist Dienstwechsel, dann fange ich an zu arbeiten. In diesen extremen Zeiten teilen wir noch nicht einmal das Schlafzimmer, damit er uns nicht weckt, wenn er im Morgengrauen das Bett verlässt.

Papa packt mit an.

Dennoch habe ich niemals zuvor mehr gespürt, wie sehr unsere Beziehung trägt, wie seit der Geburt der Zwillinge. In Phasen höchster Anstrengung mit anderthalbstündlichen Doppelstillsessions, durchbrüllten Tagen und Nächten, zweifacher Zahnungskrise und während Infektwellen merken wir, wie gut wir funktionieren.

Wir beißen uns dann einfach durch. Wir verlieren wenig Zeit mit Zickereien, weil wir dafür schlichtweg keine Energie übrig haben. Und wenn wir uns dann doch mal anblaffen, dann machen wir im selben Moment noch einen Haken dran, einfach weil wir wissen, dass wir uns gerade im körperlichen und geistigen Ausnahmezustand befinden und nicht wir selbst sind. Das Ego muss dann bitte draußen warten, bis wieder mehr Kapazität da ist.

Streiten kann man lernen

Doch habe ich mit diesem Mann erst richtig streiten gelernt. Ich kann so richtig die Sau rauslassen. Laut werden. Beleidigt sein. Heulen und wüten. Stets mit dem Versuch, nicht verletzend zu werden. Ich kann das, weil ich mich sicher fühle. Ich kann zu 100 Prozent ich sein, weil ich die Gewissheit habe, dass er nicht weggeht, dass er das aushält und weil er mich ganz liebt. Auch mit Wut und fieser Grimmigkeit. Und ich kann sehr fies und grimmig sein.

Dieser Lernprozess ist nicht abgeschlossen. Der dauert vermutlich lebenslänglich. Jedoch war ich früher noch sehr darauf bedacht, „zu gewinnen“ – was natürlich Selbstbetrug ist, denn es geht dabei nicht um Sieg oder Niederlage. Ich wollte gerne, dass mein Standpunkt als der richtige, der wahre, der einzig mögliche anerkannt wird. Bitte amtlich und mit Brief und Siegel und hochoffiziell. Gerne auch mit Zeitungsmeldung.

Zuhören üben

Einer, der mich erdet.

Aber mit dem Mann übe ich zuzuhören. Andere Meinungen nicht nur gelten, sondern mich gegebenenfalls sogar von ihnen überzeugen zu lassen. Ich habe aus dem Leben mit ihm gelernt, dass ein Einbeziehen seines Standpunktes für mich oft sehr gesund ist. Wenn ich mit dem Kopf komplett in den Wolken – oder im Sand – stecke, dann hat er Bodenhaftung. Oder die Flügel, die ich brauche, um mich aufzuschwingen.

Seine Fähigkeiten, die mich ergänzen, die mich mittragen und stark machen, wo ich schwach bin, kann ich aber nur nutzen, wenn ich sie zulasse. Es gibt Situationen, in denen bin ich einfach on fire. Dann brenne ich. Dann will ich jetzt sofort eine Weltreise machen, dieses alte Bauernhaus da vorne kaufen oder nach Uganda auswandern, denn da werden wir umgehend gebraucht. Dann ist er meine Abkühlung. Mittlerweile kann ich ihm das erlauben. Weil ich weiß, dass wir beide recht haben. Dass man einen Plan für eine Weltreise, ein altes Bauernhaus oder eine Umsiedlung nach Uganda braucht.

Kluge Einwände

Denn er sagt niemals „Nein, vergiss es!“ – was ich wohl an seiner Stelle häufig genug tun würde. Aber ich habe gelernt, nicht sofort voller Empörung auf die Barrikaden zu gehen, weil ich seine Einwände als arglistige Zerstörung meiner Träume empfinde. Er ist klug und seine Einwände sind oft berechtigt. Und mit einer Mischung aus Feuer und Einwänden schmieden wir dann Pläne, die für uns beide passen. Für uns alle, denn wir sind ja zu viert.

Papa und Partner.

Es gibt Tage, da würde ich am liebsten sofort laut lospoltern, wenn mir etwas nicht passt. Und oft genug tue ich das auch. Aber mit den Jahren unserer Beziehung wächst in mir auch das Vermögen, mich mal zurückzunehmen. Erstmal kurz durchzuatmen. Das kann ohnehin nie schaden. Atmen. Das eigene Ego vor die Tür schieben. Tür zu machen. Zuhören. Denn oftmals ist es ganz schön richtig, was ich dann zu hören bekomme. Und wichtig ist es ohnehin.

Ich kann das mit ihm lernen, weil er so wunderbar geduldig mit mir ist. Viel geduldiger manchmal als ich es mit ihm bin. Ich bin nämlich zuweilen eine kleine Ziege. Ein Ziege mit einem Fels, der ganz viel trägt und aushält. Einem Fels, der sich auch mal ein bisschen von der Ziege vorwärts stupsen lässt. Hach, schön ist hier mit so viel Halt und Hörnern…

 

Ich hoffe ganz doll, Du hast auch so jemand an Deiner Seite! Alles Liebe,

Deine

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