Nightmare on Dorfstraße – der Dunkelheit begegnen

Und, was lebt bei euch so im Kinderzimmer, wenn es dunkel wird? Drachen? Räuber? Schlangen? Bei mir selbst waren es Krokodile. Die fiesen Echsen lauerten ständig direkt unter meinem Bett, sobald die Nachttischlampe ausging. Unzählige Male musste ich mich jeden Abend von ihrer Nicht-Existenz überzeugen, bevor ich Gewissheit hatte und beruhigt einschlafen konnte.

Das mit der Dunkelheit ist so eine Sache. Haben wir Menschen ja tendenziell nicht so gern. Ist ja auch kein Wunder: Waren die Höhlenmenschen draußen unterwegs, wurde es schnell gefährlich, besonders nachts. Da kam schon mal der Höhlenbär vorbei – oder der Säbelzahntiger. Haste den getroffen, dürfte das ziemlich unter die Haut gegangen sein. Im wahrsten Sinne des Wortes… Hätten wir Menschen dann nicht insgesamt die vom Feuer erhellte Höhle der finstren urzeitlichen Erlebniswelt vorgezogen, würde ich das hier heute wohl nicht schreiben. Ende der Evolution.

Hexen im Kinderzimmer

Die meisten Erwachsenen mögen die Dunkelheit nicht. Aber sie sagen das dann nicht. Kinder sind hier anders. Sie spüren Ängste – stehen zu diesen und drücken diese aus. Nicht selten halt dann, wenn sie gerade einschlafen sollen. Oder auch gern mitten in der Nacht, wenn sich mal wieder Hexen und Diebe tückisch ins verdunkelte Kinderzimmer geschlichen haben…

Es waren aber keine dunkelheits-pädagogischen Überlegungen, die mich vor vielen Jahren dazu brachten, mit den „Nachtspaziergängen“ anzufangen. „Nacht“ klingt dabei nicht gerade kleinkind-kompatibel. Diese kleinen Märsche waren es aber: De facto war es ein Spaziergang nach dem Abendessen während der dunkleren Monate. Sie waren für mich eine gute Möglichkeit, nach einem langen Bürotag noch etwas frische Luft und «quality time» mit dem Nachwuchs zu bekommen. Und seit den Pfadfinderzeiten macht mir Dunkelheit eh Spaß. Lilja, unsere Große, war ein riesiger Fan dieser Spaziergänge. Sie hatte ihren Papi dann ganz nah bei sich und erlebte außergewöhnliche Sachen, während sich andere Kinder das weniger abenteuerliche Sandmännchen reinzogen.

Spielplatz am Abend
Im Dunklen eine andere Welt.

Start war direkt an der Haustür. Unsere Runden gingen durchs Dorf, zum Teil am Waldrand entlang und manchmal auch durch den Wald. Bewaffnet waren wir mit der größten Taschenlampe, die es gibt oder auch mal mit einem ganz schön schief geträllerten Lied auf den Lippen. Soll ja bekanntlich auch die finstersten Gestalten verjagen! Und wenn es Lilja gar zu mulmig wurde, nahm ich die kleine „Miss Nehberg“ auf den Rücken. Sie liebte diese Abenteuertrips. Nicht nur, aber vermutlich auch wegen diesem speziellen Nervenkitzel.

Als die Zwillinge, unsere „AJs“, kamen, gab es zunächst keine Nachtspaziergänge mehr. Warum? Keine Ahnung. Vielleicht lag es daran, dass Carina und ich im ersten Jahr mit den Beiden nicht selten schon bald nach dem Abendessen selbst ins Bett gingen. Vielleicht auch daran, dass es lange Zeit so wenig Freizeit am Abend gab, dass gar keine Zeitfenster für solche Touren vorhanden waren. Aber dann, mit den besseren Nächten, entstanden wieder neue Freiräume. Wir konnten all die dahinvegetierenden coolen Aktionen wie eben solche Nachtspaziergänge an den Defibrillator anschließen. Als die beiden drei Jahre alt waren, gelang schließlich die Wiederbelebung: Es gab sie wieder, die Nachtspaziergänge. Und es gibt sie bis heute.

Bei Wind und Wetter

Keine Frage, Annika und Janina lieben diese Wanderungen. Ganz egal ob es „nur“ dunkel ist oder sie im Level für fortgeschrittene nächtliche Spaziergängerinnen bei Regen den Schirm einpacken oder bei Minusgraden dick vermummt durch die Nacht stapfen. Und auch Lilja ist immer noch gern mit dabei. Dabei laufen wir weiterhin einfach nur vielfach bekannte Routen und besuchen Orte, die unsere Kinder tagsüber bestenfalls als langweilig bezeichnen würden: den Weg zum Kindergarten, den dortigen Spielplatz, ihren Hort, den unzählige Male beschrittenen Weg zum nächsten Bauernhof.

abends unterwegs draußen mit Kindern
Verwunschene Wege.

Doch bei Dunkelheit ist alles ganz anders. Es ist dieser latente Schissfaktor, dieses Adrenalin im Ponyblut, das alles ganz besonders macht. Und wenn wir mal richtig in den Wald gehen, gruseln sie sich schon ein wenig. Aber es macht sie auch stark. Denn sie sind ja zusammen, nicht selten Hand in Hand, alle drei. Da ist der Gänsehautfaktor gleich mal ein paar Level niedriger. Ein Knacken! Das Reh? Ein Krächzen! Der Fuchs? Alle Ponysinne sind geschärft. Und Freddy Krüger, Chucky, das mordende Püppchen, oder auch ES kennen sie zum Glück noch nicht – so können sie sich vor denen auch gar nicht fürchten.

Schaurig schön

Aber nicht nur der Wald und Feldwege versprechen Abenteuer. Auch nächtliche Straßenzüge verfügen über Gänsehaut-Garantie. Das Ganze hat dann allerdings mehr etwas von Privatdetektiv-Mission: In bekannte und unbekannte Fenster spähen, ohne selbst gesehen zu werden. Besser als jedes Verstecken spielen! Und wusstet ihr schon: Im Dunkeln ist jede Rutsche steiler, jede Schaukel schwingt höher! Zweifel? Pfff! Wenn dies Ponys das sagen, dann ist das so.

Fazit: Am Ende solcher Touren treten Princess of the Dark I, II und III immer stark beschwingt und lautstark schwatzend wieder in Licht und Wärme. Mit einem Grinsen, das jedes Honigkuchenpferd neidisch werden lässt. Und einem Quäntchen Stolz auf der Brust, der Nacht getrotzt zu haben. Ein klein wenig Schiss vor dem Dunkeln geht mit jedem Mal mehr verloren. Die Kids erobern die Nacht. Gut so!

Gut so? Nun ja, jetzt finde ich das wirklich noch gut. Fragt mich in zehn Jahren noch mal, wenn die Ponys so richtig anfangen die Nacht zu erobern. Wenn ich, der Vater, dann selbst mit ’nem gewissen Schissfaktor im Bett liege und warte bis sie wieder alle zu Hause in ihren Betten sind und friedlich schlummern…

Über Tillmann Schulze

Tillmann Schulze ist (Zwillings-)Vater und Buchautor. Unter anderem. Sein „Ponyhof für Fortgeschrittene“*erschien 2014 – in zweiter Auflage gespickt mit Infos aus den Jahren 2 und 3. Auf dem Doppelkinder-Blog schreibt er jetzt regelmäßig als Gastautor über die Irrungen, Wirrungen und das Schöne, was das Leben mit seiner Frau und seinen drei Töchtern so mit sich bringt. Alles begann 1977 an einem Waldrand im Rheinland. Geprägt haben Tillmann zwei große Schwestern, Wetten Dass, Weißer Riese und Schwimmbadwasser. Es gab damals zwei Deutschlands, aber nur einen Kanzler. Später folgten fünf Jahre Westfalen sowie diverse Rufe von Kälte, Eis und Abenteuer, denen er wochen- und monatelang folgte. Bereits seit zwölf Jahren lebt er nun in der Schweiz. Erst zu zweit, dann zu dritt und jetzt zu fünft. Er sei ja eigentlich auch Schweizer, sagt Tillmann, nur das mit dem „Schwiizerdütsch“, das werde nie funktionieren. Aber das macht nichts, die Sprache der Zwillingseltern spricht er fließend. Seine „Zwillbos“ sind übrigens die AJs…
Tillmanns Seite: www.zwillingsvater.ch
Mehr erfahren? Tillmann leitet Info-Abende für werdende Zwillingseltern des Zwillingsvereins vom Kanton Zürich: www.zwillingsfamily.ch

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