Ist doch nicht so schlimm? Ist es doch!

Mads, der zweitgeborene Zwillbo, ist ein kleiner Draufgänger. Allerdings im Schafspelz. Er stellt sich auf sein Rutscheauto, um an die Arbeitsplatte zu kommen. Jedoch bereitet mir das bei ihm kaum Sorgen, weil er in dem, was er tut, für gewöhnlich sehr überlegt und sicher vorgeht. So überlegt, wie ein 16 Monate altes Kleinkind eben vorgehen kann. Er verunfallt relativ selten im Gegensatz zum Erstgeborenen. Doch auch er hat seine Achillesferse. Oder besser gesagt sein Achillesohr. Denn auf laute oder unbekannte Geräusche reagiert das Kind sehr ängstlich. 

Das Kind sucht verängstigt das Weite

Als er kürzlich mit dem Handstaubsauger ins Wohnzimmer durchbrannte, waren der Zwillbo-Papa und ich gleichermaßen erstaunt. Denn Mads fürchtet sich unheimlich vor diesem äußerst lauten Gerät. Vielleicht benutze ich es deswegen verhältnismäßig selten. Denn sobald ich es anschalte und es laut losröhrt, sucht das Zwillingskind angstvoll das Weite. Auch bei dem Wohnzimmerausflug war es mit der Courage sofort vorbei, als wir den Kippschalter betätigten. Aber es hätte ja sein können… 

Nun sind hoffentlich die allermeisten Eltern geneigt, ihre Kinder ermutigen, trösten, beruhigen und beschwichtigen zu wollen. Und wie gehen wir dabei häufig vor? Wir sagen „Ist doch nicht so schlimm!“, „Ist doch nichts passiert!“, „Du brauchst keine Angst haben!“ und so weiter, der Phrasen sind da viele. Das Motiv dahinter ist mir klar. Es ist in der Regel wohl gut gemeint [unauslöschlich erscheint an dieser Stelle in meinem Gehirn in Leuchtbuchstaben – in großgeschriebenen Leuchtbuchstaben – einer der Lieblingssätze meiner Mama: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.]. 

Stuntman Mads. Ein echter Journalist fotografiert, bevor er deeskaliert.
Aber für Mads ist es in dem Moment schlimm. Er hat Angst. Und wer sagt denn überhaupt, dass er sie nicht zu haben braucht, wenn etwas dermaßen laut ist? Vielleicht ist er ja der einzige von uns, der diesbezüglich richtig tickt! 
Was geschieht, wenn wir nach einem Sturz behaupten „Nichts passiert, war gar nicht so schlimm!“? Schließlich sind wir da eben nicht beim 185. Versuch, aufrecht zu gehen, gestürzt, sondern unsere Kinder. Ich nehme an, für sie ist es in diesem Moment schlimm. Sonst würden sie nicht weinen. Sei es vor Schmerz, vor Schreck, vor Angst oder vor Wut, weil es mit dem Laufen eben immer noch nicht so klappen will, wie sie es gerne möchten. Aber wer sind wir, ihnen ihre Gefühle abzusprechen? Denn genau das geschieht an dieser Stelle. Und es wird zu ihrer Erlebenswelt. So wie ich empfinde, ist es nicht richtig. Meine Angst, meine Wut, meine Enttäuschung, mein Schmerz sind übertrieben. Sind nicht angebracht. Eh man sich versieht, hat man das lebensnotwendige Emotionsrepertoire eines kleinen Menschen in diktatorischer Manier zensiert. 

Regulieren heißt nicht wegmachen 

Natürlich möchte ich ermutigen, trösten, beruhigen. Es ist eine meiner zentralen Aufgaben als Mutter, diese kleinen Emotionsvulkane dabei zu unterstützen, ihre Gefühle regulieren zu können. Gesund regulieren zu können. Das bedeutet eben nicht, sie abzutrainieren. 

Um mal kurz unter meinem Heiligenschein hervor zu treten: Erst eben beim Abendessen habe ich den quengelnden Pepe angeherrscht, dass er jetzt eben warten müsse, mir seien bei Durchtrennung der Nabelschnur keine Zauberkräfte verliehen worden. Er wollte auf den Arm. Und kein Butterbrot. Er brauchte gerade etwas ganz anderes von mir. Mir gelingt es auch nicht immer, das Richtige zu geben. Zu sagen. Lautstärke, Stress, Übermüdung sägen an den hohen Idealen meiner Mutterschaft. Aber so ist das Leben. Dennoch bin ich bemüht. Um Empathie. Was tut mir denn gut, wenn ich gerade total wütend bin? Oder enttäuscht oder ängstlich oder schmerzerfüllt? Sicherlich nicht zu hören, dass gar nichts passiert ist. Dass das alles nicht so schlimm ist. Im Gegenteil. Das macht mich noch wütender. Oder verletzter. Und irgendwann irre, weil man seinen eigenen Empfindungen ja nicht mehr über den Weg trauen mag, wenn alle Elternwelt einem sagt, dass das, was man da spürt, eigentlich gar nicht da ist. 

Also versuche ich, die Zwillbos wütend sein zu lassen. Oder traurig. Oder ängstlich. Das Gefühl darf sich austoben. Und dann sage ich, dass ich verstehen kann, dass es einen ärgert, wenn man nicht mit dem Klostein spielen darf. Dass es aber eben hier keine Möglichkeit eines Kompromisses gibt. Oder ich warne Mads vor, wenn ich die Küchenmaschine anwerfe. Seit er ein Baby ist, hüpfen mein Mann und ich dabei albern auf und ab und machen lustige Geräusche. Deshalb findet Mads es jetzt meistens lustig, wenn es laut wird. Aber eben mit Ankündigung und Begleitung. 

Wir müssen aufpassen

Klar ist es nervig und für Erwachsene voraussehbar, dass man sich wehtut, wenn man einen Flachköpper vom Bett macht. Und warum? Vermutlich, weil wir es selbst erlebt haben, weil wir über einen Erfahrungsschatz verfügen, der im Verhältnis zu dem unserer Kinder steht wie die British Library zu einem halb mit Büchern gefüllten Billy-Regal. Aber dann zu sagen, „Da musst du aufpassen!“ ist Humbug. Denn wir müssen aufpassen. Weil wir es besser wissen. Und wenn wir nicht aufgepasst haben, was eben nicht immer hundert prozentig möglich oder nötig ist, dann ist es unser Job, zu trösten. Und dann zu zeigen, wie es klappen kann. Vielleicht 185 Mal und mehr. 

Möglicherweise müssen wir uns aber auch zugleich um unsere eigene Angst kümmern. Um unseren Schmerz und unsere Wut. Uns selbst öfter mal zu sagen, dass man sich versteht und dass es okay ist, sich so zu fühlen. 

7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Diana sagt:

    Ganz.Genau.So. ❤

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  2. 😘😘😘 wieso ist man (also ich) eigentlich oftmals so verblendet, dass man diese wesentlichen und simplen Zusammenhänge nicht packt??? DU HAST VÖLLIG RECHT! Wenn ich mir beim Sprung über einen Fahrradständer das Knie demoliere, hilft mir ein „Siehst du! Hab ich dir doch gleich gesagt. Sowas macht man nicht!“ oder „Ach, bis zur Hochzeit isses wieder verheilt“ absolut gar nicht! Ich will mich dann ärgern, meinen Schmerz bemitleidet haben und hoffentlich aus meiner Unerfahrenheit/ Blödheit/ Faulheit lernen!

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    1. doppelkinder sagt:

      Und ich glaube, bei Mitgefühl verfliegt das entsprechende Gefühl viel schneller…

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  3. Annafu sagt:

    Ich tue mich sehr schwer daran, ein eine andere Formulierung für „ist ja schon guuut“ zu finden wenn das Kind weinend auf meinem Arm hin und her gewiegt wird. Es ist eben nicht schon gut, sonst würde es ja nicht mehr weinen. Hast du dafür eine Idee?

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    1. doppelkinder sagt:

      Das geht mir ähnlich mit „alles ist gut“, das sage ich nämlich, wenn die Kinder abends oder nachts weinen. Ich weiß es nicht genau. Ich versuche gerade auf „ich bin da, ich bin bei dir“ zu switchen. Andererseits kann „ist ja schon gut“ auch aussagen, dass es gut ist, das rauszulassen? So nach dem motto „wein ruhig, wenn dir danach ist“..? 🤔

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  4. muellerin sagt:

    Hmmm…als seit sechs Jahren tröstende Mutter und weitere 15 Jahre „Berufströstende“ (in unterschiedlichsten sozialen Bereichen mit Kindern und Familien arbeitend) würde ich dafür plädieren hier nicht allzu streng mit sich zu sein. Ich denke, ein Kind behält vor allem die Wärme und weniger den Sinn der Worte im Gedächtnis. Ich für meinen Teil kann mich noch ganz genau an den Tonfall meiner tröstenden Mutter erinnern…Hat mich auch viele Jahre später noch ganz besonders erwischt, als ich um mein sehr krankes Kind geweint habe, dieses tröstete und gleichzeitig von meiner Mutter getröstet wurde. Keine Ahnung, wer da was gesagt hat, aber es hat geholfen.
    Viele Grüße!

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    1. doppelkinder sagt:

      Zunächst einmal mag ich den Ausdruck „Berufströstende“ sehr 😊! Du hast ganz sicher recht, indem du sagst, wie wichtig der warme Tonfall ist. Und auch ich denke, man darf da nicht zu viel von sich verlangen. Gleichwohl weiß ich, wie unverzichtbar es ist, auf seine Wortwahl zu achten. Für das eine Kind vielleicht mehr, für das andere weniger. Aber auch uns selbst gegenüber ist es wichtig. Was wir denken, sagen, wie wir es formulieren ist von Bedeutung. Alles Liebe!

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