Alltag mit Zwillingen: Draußen ist die Schweiz

Es gibt sie, diese Wochen Tage. Für gewöhnlich beginnen sie so: Es ist 6.27 Uhr, ich werde wach und beglückwünsche mich selbst dazu, neben mir noch regelmäßige, tiefe kindliche Atemzüge zu vernehmen. Um 6.30 Uhr bringe ich den Mut auf, mich mit lautlos wie eine Mischung aus Phantom und Ninja-Kämpfer aus dem Bett zu rollen. Hinter meiner Stirn dröhnt es nur „Kaffee, Kaffee, Kaffee!!! Alleine, alleine, alleine!!! Yeah, Yeah, Yeah!!!“. Um 6.31 Uhr vernimmt einer der Zwillbos mit dem Hörvermögen einer Fledermaus, wie sich bei meinem morgendlichen Stunt die Atome des Spannbettlakens verschieben. Doch anstatt eines freudigen „Mama!!!“ erschallt Gebrüll aus dem Bett hinter mir, noch während ich meine Hand nach der Freiheit Türklinke ausstrecke.

Morgens bitte keine Menschen 

Manchmal schaffen wir diesen fulminanten Auftakt auch ohne große Umschweife, nämlich indem ich direkt mit Geschrei geweckt werde (an dieser Stelle möchte ich meine Herzklappen grüßen und ihnen für ihre Tüchtigkeit danken!). Ich kann ja morgens eigentlich nicht so gut. Ich kann gut früh aufstehen, aber ich kann eigentlich bis ca. 10.15 Uhr nichts mit Menschen machen. Zumindest nichts, was die Kommunikation und den direkten Kontakt mit Menschen betrifft. Kinder sind da eigentlich eher ungünstig – zumindest meine Kinder, die mit Aufschlagen ihrer Augen sofort ihre mentale Höchstflughöhe und ihre übliche Reisegeschwindigkeit erreicht haben (es sei denn, sie schlagen die Augen verfrüht nach einem Mittagsschlaf auf, aber das ist eine andere Geschichte).

Gute Aussichten.

Wenn die Brut vergnüglich den Tag beginnt, ist sie erstmal damit beschäftigt, durch die Wohnung zu stürmen und unter lautstarkem Gequieke Spielzeug-Inventur zu betreiben. Das erlaubt es mir dann zumindest, mein sich im Ruhe-Modus befindendes Gehirn mit einer hohen Dosis Koffein zu versorgen und ihm so vorzugaukeln, der Tag sei unlängst fortgeschritten. Beginnt der Morgen allerding bereits mit kleinkindlicher Verzweiflung darüber, dass man den Schlafsack gerne ausziehen, aber andererseits doch auch gerne anbehalten möchte, oder dass der Keks, den man mit Mühe aus der Sofaritze gepuhlt hat, unwiederruflich in zwei Teile gebrochen ist, wird es wirklich…schwierig. Da wünsche ich mir manchmal eher einen frühen Termin zur Zahnsteinentfernung, da kann man wenigstens schweigen. Und Zahnärzte brüllen einen erfahrungsgemäß auch selten an. Zumindest nicht, weil sie gleichzeitig mit ihrem Zwillingsbruder auf den Arm wollen.

Schweiß und Tränen

Solche Vormittage kosten uns alle hier – also die Zwillbos und mich, denn der Zwillbo-Papa darf muss sich ja dann alsbald ins Büro verabschieden – viel Schweiß und Tränen. Im Grunde hilft mir dann nur eins: Ich arbeite unter größtmöglichem Koffeineinfluss und tiefen Atemzügen darauf hin, dass wir uns halbwegs schadenfrei durch Frühstück (Die Kinder wollen Brot, aber nicht DAS Brot. Die Kinder wollen Joghurt, aber nicht DEN Joghurt. Die Kinder wollen Gurke, aber um Himmelswillen soll die doch nicht SO schmecken!), Wickeln, Anziehen der Kinder, Wickeln, Anziehen der Mutter, Umziehen der Kinder – weil Badezimmer unter Wasser gesetzt, Wickeln bugsieren, um schlussendlich zur Krönung unter den Privilegien einer Erziehungsberechtigten von schlecht gelaunten Mehrlingen zu kommen: dem Anlegen der Straßengarderobe. Doch es muss sein, denn das einzigen, was uns an Wochen Tagen wie diesen hilft, ist, das Haus zu verlassen.

Kleinkinder ankleiden ist ein großes Vergnügen. Nicht.

Draußen gibt es Menschen, die uns möglicherweise daran hindern, uns an den Kragen zu gehen. Es gibt Bagger zu inspizieren (manchmal ruft mich der Leiter des Tiefbauamtes an, weil er den Überblick über die Bauvorhaben im Stadtgebiet verloren hat; ich helfe da gerne weiter, ich kenne mich aus), die Arbeit der Müllabfuhr zu beaufsichtigen, Eichhörnchen aufzustören und es gibt allerhand Gullis, in die man kleine Stöcke hinein werfen kann (Entschuldigung, liebe Stadtentwässerung, aus diesem Grund helfe ich gerne mit meinem Baustellenwissen aus…). Draußen sammeln wir Steine und amüsieren uns über die Fenster-Dekorationen der Menschen im Viertel (die Zwillbos mögen Porzellan-Gänse und -Katzen sehr).

Wutanfall-Zähler zurück auf Null

Ich kann mich nicht entsinnen, in meiner Karriere als Kleinkind-Mutter mal einen richtig miesen Tag im Freien verbracht zu haben. Draußen scheint der Boden neutral und der Wutanfall-Zähler zurück auf Null gesetzt zu sein. Draußen kann man zwar auch wütend werden, aber irgendwie sind die Zwillbos da zu beschäftigt, um große Dramen abhandeln zu können. Draußen wird das mütterliche Gehirn mit Sauerstoff versorgt. Draußen ist irgendwie immer alles anders. Draußen zu sein wirkt wie Aktivkohle auf die vergiftete Stimmung. Draußen ist unsere persönliche Schweiz. Es sei denn es regnet in Bindfäden und die Schweiz verhängt ein Einreisestopp wegen schlechten Wetters. Dann, liebe Leute, dann…was dann helfen kann, davon erzähle ich ein anderes Mal.

Ende gut, alles gut.

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. Elena sagt:

    Super Beitrag . Genau so ist es. Habe herzhaft gelacht;@))))

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke! Das freut mich sehr!!! 🙂

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  2. Sonja Diedrich sagt:

    Tränen gelacht..! Danke!!

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    1. doppelkinder sagt:

      Gerne!!! Das freut mich, Sonja 😃

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  3. supakaya sagt:

    Draußen ist alles gut – es sei denn, das Kleinkind will auf dem Arm.
    Genauso geht es bei uns immer zu! Vielen Dank für den amüsanten Start in den *hust* Arbeitstag…

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    1. doppelkinder sagt:

      Hahaha, danke! Ach, wenn nur einer auf den Arm möchte, geht’s ja noch 😂

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  4. Sara sagt:

    Du darfst bis sechsUhrSiebenundwanzig schlafen???? 😳
    😂😂😂

    Ich bin zwar eine relativ Schnellstarterin morgens, aber der Kaffee ALLEINE ist mir so, so wichtig… dafür stehe ich sogar um 5 Uhr irgendwas auf. Und wenn ich mich dann leisestillundheimlich zurückschleiche, um den Kaffee in der Bettwärme zu genießen, spätestens dann wird die Brut wach. Immer das Gleiche!

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    1. doppelkinder sagt:

      Hach, bis vor wenigen Wochen durfte ich meist bis 7.15 Uhr schlafen. Von jetzt auf gleich sind wir bei 5.50/6.15 Uhr so in dem Dreh 🙄. Ich müsste mal eher schlafen gehen und dann auch früher aufstehen, um alleine zu sein. Aber die Jungs schlafen meist erst gegen 20 Uhr, da ist dann der Abend auch wieder ratzfatz vorbei. Ach ja…irgendwann 😃

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  5. Sehr schön 😉 — und ich wüsste nicht, was wir ohne Kaffee machen würden…

    Liebe Grüße
    Sven

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke! Ohne Kaffee wären wir verloren! 😊

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