Freigang: Vorsicht, freilaufende Zwillinge!

Der Podcast zum Text:

 

Die Zwillbos laufen jetzt. „Herzlichen Glückwunsch“, denkt ihr euch nun wahrscheinlich, „wurde ja auch mal Zeit mit zwei Jahren!“ Sie laufen natürlich schon etwas länger auf zwei beziehungsweise vier Beinen durch die Welt [zwei Mal zwei und so, ist klar]. Doch neuerdings sind sie mehr oder weniger zu permanenten Freigängern herangewachsen. Das bedeutet: Der Kinderwagen ist meistens nur noch schmückendes Beiwerk. Er darf zwar mit auf unsere Ausflüge kommen, aber meistens brauchen wir ihn nur noch, wenn allgemeine Ermüdungserscheinungen auftreten. Also entweder, wenn ich einen Zwilling nicht mehr länger schleppen kann und/oder beide Kinder gleichzeitig getragen werden möchten. Bei aller zwillingselterlicher Stärke schaffe ich das nämlich nicht mehr über all‘ zu weite Strecken.

Lieber auf Nummer sicher gehen

Die Zwillbos haben im Laufe der vergangenen Monate ihren persönlichen Herrschaftsbereich sukzessive ausgeweitet. Wir begannen mit Teiletappen zum Spielplatz hinterm Haus. Wo es absolut sicher und autofrei war, habe ich sie schon länger der Anschnallgurte entbunden. Auf dem Bürgersteig an der Straße war ich damit noch etwas zögerlich. Schließlich sind jede Pfütze, jedes Blatt, jeder Käfer und jede Ameise für kleine Menschen dermaßen spannend, dass man die Warnrufe des Muttertiers schon mal überhören kann. Oder vergisst, dass man durch eine Straße vom Objekt der Begierde getrennt wird. Bis vor Kurzem waren mir die Jungs zuweilen immer noch zu unkontrolliert, um sie wirklich überall alleine laufen zu lassen. Zweiteilung ist mir körperlich nämlich leider immer noch nicht möglich, also bin ich lieber auf Nummer sicher gegangen. Aber wenn es eben ging, dann durften sie.

Zwillinge laufen alleine in der Stadt
Auf freiem Fuß: Zwillbos in der Stadt.

Ich fand es anfangs irgendwie einfacher, wenn sie auf ihren „Vierrädern“ (einer Art pedalenlosem Dreirad, nur eben mit vier Rädern – Insider werden sie kennen) unterwegs waren. Da hatte ich das Gefühl, ich kann sie im Zweifelsfall schneller festsetzen, und sie waren eher aufs Fahren fokussiert und nicht so sehr darauf, in unterschiedliche Richtungen davon zu laufen. Kleine klappbare Puppenbuggys sind übrigens auch bestens geeignet, um frische Freiläufer bei der Stange zu halten. Da kann man dann auch praktischerweise Steine, Moos und Tannenzapfen drin bunkern. Oder mal ein angekautes Brötchen. Ich habe unsere für zehn Euro erstanden, als sich die Beiden sicher auf zwei Beinen halten konnten. Denn als Lauflernwagen sind die Dinger eher ungeeignet, dafür sind sie einfach zu leicht.

Auf sicherem Terrain üben

Richtig viel üben, „kinderwagenlos“ spazieren zu gehen, konnten wir in umliegenden Parks und auf dem großen Friedhof hier in der Nähe. Denn auch dort fahren schon mal Autos oder Mini-Kipper durch die Gegend. Davor hatten die Jungs stets einen Heidenrespekt, und sie wussten gleich, dass man den am besten an Mamas Seite durchsteht. Mal abgesehen davon, dass ich es ebenfalls total mag, wenn die Kinder die Welt immer wieder neu für sich entdecken und ihre Fähigkeiten ausbauen, haben sie es selbst mit der Zeit auch immer mehr eingefordert. Irgendwie spüre ich meist schon intuitiv, dass jetzt so ein Augenblick kommen könnte, an dem die Zwillbos beispielsweise nicht an der Schranke in den Kinderwagen klettern, sondern den Rest des Weges auch noch allein zurücklegen möchten. Ich sehe es ihnen an der Nasenspitze an. Oder sie äußern ganz klar, was sie möchten.

Erste Gehversuche
Üben auf sicherem Gelände.

Meistens ist es der Erstgeborene, der neue Regeln aufstellen möchte: „Pepe ‚leine laufen!“, fordert er dann. Was natürlich bedeutet, dass er alleine laufen möchte, und nicht dass er angeleint wird – obwohl mir das manchmal lieber wäre. Ich atme dann stets tief ein und aus und höre mal kurz in mich hinein, ob ich mich gerade dieser Herausforderung gewachsen fühle. Denn für mich bedeutet das, was dann folgt, Adrenalinausschüttung pur. Ich muss aufpassen wie ein Luchs – und am besten ebenso schnell sein. Denn auch wenn die Jungs ihre Sache meistens ziemlich souverän machen, weiß ich nie genau, was gleich passiert und wem ich im Zweifelsfall zuerst hinterher hechten muss.

Die Kinder kurz ins Gebet nehmen

Bevor der Startschuss zum Zwillingsrennen fällt, nehme ich mir das abenteuerlustige Volk immer noch mal kurz zur Seite. Ich gehe in die Hocke und stelle die Regeln klar: „Ihr wollte alleine laufen?“ „Jaaaaaaaa!!!“ „Okay, könnt ihr machen. Aber! Wenn ich ’stoppen‘ rufe, müsst ihr stoppen. Und wenn ich ‚warten‘ rufe, müsst ihr warten. Hier sind überall viele Autos/Menschen/Fahrräder unterwegs, da müssen wir gut aufpassen, dass uns nichts passiert, klaro?!“ Das nicken sie ab. Mir ist dabei echt wichtig, auf ihre Augenhöhe zu gehen – was man eh‘ viel zu selten tut – und sicher zu gehen, dass sie mich bei aller Euphorie über die neueste Ausdehnung ihrer Befugnisse auch tatsächlich angucken, wenn ich kurz und verständlich erkläre, wie der Deal dafür aussieht.

Zwillinge auf der Straße
Bauaufsicht – zumindest bleiben sie so zusammen.

Ausbrüche aus dem Pakt leistet sich für gewöhnlich nur der Zweitgeborene. Das hat unterschiedliche Gründe: Entweder hat er gerade einen solchen Tunnelblick und ist nur auf das Ziel fixiert, das er gerade für sich ins Auge gefasst hat, so dass er meine Stimme überhaupt nicht wahrnimmt. Oder er hört zwar, dass ich rufe, ihm ist sein Vorhaben aber wichtiger. Beides reicht eigentlich aus, um mich innerlich ziemlich auf die Palme zu bringen. Ich versuche dann allerdings, das Ganze nicht persönlich zu nehmen. Denn Mads‘ Erkundungsdrang hat nichts mit Rebellion, Trotz oder Gleichgültigkeit zu tun – auch wenn das natürlich so im mütterlichen Gemüt ankommt. Ihm ist es halt nur gerade wichtiger, sich mitten auf die Straße zu hocken, um die Spinne anzugucken, die da sitzt.

Überleben ist wichtiger als gucken

Auch wenn ich eine große Freundin davon bin, Kinder ihr Ding machen zu lassen, ist da bei mir logischerweise auch eine Grenze erreicht. Dann räume ich die Straße – natürlich unter lautem Protest der lebenden Blockade, und erkläre anschließend warum. Manchmal auch etwas energischer. Überleben ist nämlich wichtig. Jedoch ist es ja auch nicht so einfach, wenn das Gehirn zwar voller Entdeckerdrang steckt, aber man von Gefahren und möglichen Konsequenzen aufgrund mangelnder Erfahrung und/oder minimalem Vernunftvermögen keine Vorstellung hat. Interessanterweise funktioniert das Unterfangen „freilaufene Zwillinge“ in der Regel besser, wenn ich alleine mit den Kindern unterwegs bin. Irgendwie sind wir dann alle konzentrierter. Ich habe den Eindruck, dass die Jungs sehr wohl registrieren, wenn das Betreuungspersonal in der Gleich- oder Überzahl ist, und mehr Kapazitäten zur Intervention hat.

Ich bemühe mich, konsequent durchzuhalten, dass die Kinder beim Überqueren von Straßen entweder meine Hand oder den Kinderwagen festhalten. Ich gestehe aber, dass ich sie gelegentlich auch so rennen lasse. Insbesondere Ampeln finde ich selbst noch ziemlich aufregend. Die Zwillbos wissen zwar, dass da irgendeine Regelung mit rotem und grünen Licht existiert. Allerdings gibt es an den meisten Kreuzungen so viel zu gucken, dass das schon mal in Vergessenheit geraten kann. Zumindest ist das mein Eindruck. Im Zweifelsfall muss dann manchmal doch wieder kurz der Kinderwagen herhalten, denn bei aller Freiheitsliebe ist es mir doch sehr recht, am Ende des Tages mit möglichst unversehrten Nachkommen Zuhause anzukommen.

Zu Fuß einkaufen gehen

Unsere neueste Errungenschaft in Sachen Eigenständigkeit ist übrigens ein wagenloser Einkauf im Drogeriemarkt. Also der Wagen war schon mit dabei, aber nur damit ich bei Bedarf eine Möglichkeit hatte, die Kinder bei totaler Eskalation festzusetzen. Doch die Eskalation blieb aus. Vermutlich unter anderem, weil die Arme der Jungs ziemlich schnell die Arme mit Quetschies und Badezusätzen belegt waren. Das fand ich aber nicht schlimm, ich wäge stets ab, ob mir die 50 Cent oder ähnliches jetzt das Theater wert sind, das Ganze zu untersagen. Und schließlich darf Einkaufen ruhig ein bisschen Spaß machen. In Lebensmittelgeschäfte habe ich mich jetzt allerdings auch noch nicht mit beiden zu Fuß hineingetraut, da warten doch einige Verlockungen mehr auf Augenhöhe und zu viele Gläser, deren Inhalt ich während des Wocheneinkaufs ungern aufwischen möchte. Die Jungs müssen dann am Eingang in den Wagen einsteigen. Wenn ich ihnen erkläre, dass es für mich leider etwas zu schwierig ist, alleine in dem Geschäft auf sie aufzupassen, klappt das meistens auch ziemlich schnell und protestfrei. Ich warte lieber ab, bis die Zwillbos ein Einsehen haben und selbst hineinklettern. Alles andere ist mir echt zu anstrengend und ich als Zweijähriger würde es auch ziemlich ätzend finden, in einen Sitz gezwungen zu werden, nur weil jemand gerade anderer Meinung und stärker ist als ich. Für gewöhnlich funktioniert es.

Einkaufen mit Zwillingen
Alle Hände voll zu tun.

Ich habe das Gefühl, dass die Zwillbos gerade einmal mehr innerlich unheimlich daran wachsen, dass wir ihnen etwas zutrauen und sie ihr Umfeld noch eigenständiger unter die Lupe nehmen dürfen. Bei nur einem Freiläufer wäre da sicherlich längst mehr drin gewesen. Ich beobachte allerdings auch, dass die Kinder dadurch viele neue Eindrücke sammeln – eine vertraute Welt aus neuer Perspektive, aktiveres Erleben des Umfelds und ihrer selbst. Das macht mitunter ganz schön müde und empfindlich. Solche Neuerungen im Alltag der Kinder sind nicht zu unterschätzen, auch wenn sie uns zunächst nicht weltbewegend erscheinen mögen.

Für mich persönlich bedeutet das natürlich erstmal einen Anstieg des Stresslevels, weil ich höllisch aufpassen, schnell reagieren und am besten überall gleichzeitig sein muss. Aber auch für mich ist es ein Zugewinn an Freiheit, an Möglichkeiten, die wir gemeinsam haben – selbst wenn die Erprobungsphase wie immer etwas anstrengend ist. Und ich liebe es einfach, die Jungs dabei zu beobachten, wie sie ihren Platz in der Welt einnehmen und immer selbstsicherer werden, weil wir ihnen zutrauen. Wenn ihr also demnächst auf der Straße eine schwitzende, Zwillingsmutter seht, die versucht, ihre wilde Brut unter Kontrolle zu halten, könnte ich das sein!

 

PS: Ich möchte noch einmal betonen, dass ich bei aller Freiheitsbefürwortung keine Risiken eingehe. Wenn ich mir irgendwo unsicher bin oder den Eindruck habe, die Jungs sind heute komplett anderer Meinung über Regeln im Straßenverkehr als ich, dann wähle ich entweder andere, sichere Wege oder den Kinderwagen.

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karen sagt:

    Unser freilaufendes Wil – KIND ist zwar Einzelkind, trotzdem war ich lange vorsichtig, sie alleine losrennen zu lassen, weil ich stets den Mini im Buggy noch dabei habe – und bis ich den im Notfall ischer abgestellt und angebremst habe, ist die Große über alle Berge. Aber mittlerweile funktioniert es ganz gut – eine kurze Ansage „Hand!“ reicht meistens, wenns gefährlich werden kann, daher steht ausführlichen Touren (zum Bagger!!) meist nichts im Wege 😀

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Kann ich gut verstehen, nicht zuletzt steht die Sicherheit ja auch immer an erster Stelle! Ganz liebe Grüße!!!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s