Schnuller- oder Angstentwöhnung?

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Kleinkinder im Alter von zwei Jahren und älter mit Schnuller im Mund? Am helllichten Tag? Das geht ja gar nicht! Total unansehnlich. Da haben die Eltern aber gehörig etwas schleifen lassen. Peinlich. Also bei uns gibt’s das nicht.

…schön, mit welcher halsbrecherischen Mischung aus Arroganz und Naivität ich mich durchs Leben bewegt habe, bevor die Kinder geboren wurden oder als sie noch strampelnde, robbende und krabbelnde kleine Würstchen waren. Bereits im Alter von wenigen Tagen haben wir den Zwillingen die Schnuller quasi aufgedrängt. Sie hatten Bauchweh, mussten erstmal in der Welt außerhalb der Gebärmutter ankommen, und bei beidem ist Nuckeln und Saugen nunmal eine ziemlich effektive Beruhigungsstrategie.

Beruhigungsstillen?

Außerdem war ich eh‘ schon im Zwei-Stunden-Takt als Milchausgabestelle abkommandiert. Wenn die Beiden noch öfter an den mütterlichen dafür vorgesehenen Körperteilen herumgeschnullert hätten, wären mir diese vermutlich binnen weniger Wochen abgefallen [Entschuldigung, auch ich hatte früher einmal romantischere Vorstellungen vom Stillen].

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Schlafen ohne Schnuller? Erst recht nicht.

Also gab’s Schnuller. Da waren die Zwillbos auch nicht sonderlich zimperlich: Brust, Nuckel, Flaschen, elterliche Finger – sie nahmen stets, was kam. Obschon wir mit den Fläschchen noch länger gewartet haben, da wir nicht riskieren wollten, dass sie irgendwann aus Bequemlichkeit die Brust verweigern.

Dann waren die Schnuller – beziehungsweise der Gedanke an eine Entwöhnung – lange kein Thema. Denn sie waren halt Babys und es dauert ja eine gewisse Zeit, bis das Repertoire an zu erwartenden Zähnen vollständig im Mund versammelt ist. Zudem ist man als Zwillingsmama ja froh um jedes Mittel, um das Auftreten von Stereo-Gebrüll irgendwie möglichst gering zu halten.

Bedarf weiterhin groß

Als die Jungs älter wurden – also um den ersten Geburtstag herum – habe ich die Schnuller immer fleißig eingesammelt, wenn sie sie irgendwo liegen gelassen haben und nur nach Bedarf ausgeteilt. Aber der Bedarf war nach wie vor relativ hoch. War mir egal, ich war mir sicher, dass das bestimmt bald schon wie von selbst aufhört.

Um einer langen Dramaturgie vorweg zu greifen: Es wurde NICHT von selbst weniger. Im Gegenteil. Irgendwann in ihrer Schnuller-Karriere kamen die Kinder auf die Idee, dass es etwas gibt, das noch besser ist als ein Nuckel. Zwei Nuckel!!! Kind Eins bewahrt einen im Mund auf und streichelt mit dem Sauger des anderen seine Nase. Kind Zwei spielt mit dem Reserveschnuller gerne oder pult damit an seinem Auge herum, wenn es müde wird. Sie haben damit ihre Beruhigungsstrategien offenbar upgedatet.

Die Monate nahmen ihren Lauf und die Schnullerei nervte mich zunehmend. Die Gründe dafür waren aber irgendwie erstmal eher diffus und ich hinterfragte mich dabei nicht großartig. Schließlich hört man ja an jeder Kinder- und Zahnarztecke, dass man dem Genuckelt bei voller Bezahnung und so früh wie möglich Einhalt gebieten soll. Menschen mit gefährlichem Halbwissen werfen mit Begriffen wie „offener Biss“ und „Kieferfehlstellung“ um sich.

Angst und Unwissenheit

“Man“ soll ja immer auf so vieles achten als Eltern. Und bloß so viel wie möglich richtig machen. Ach herrje, was, wenn ich mir hier zwei oral komplett Abhängige heranziehe, die sich ihr Leben lang irgendwie stimulieren müssen, um runter zu kommen? Vielleicht merkt ihr an dieser Stelle schon, was der eigentliche Antrieb für meine Genervtheit war: Angst und Unwissenheit. Und das sind immer ziemlich schlechte Berater.

Wir gingen auf den zweiten Geburtstag der Zwillinge zu, und ich geriet innerlich zunehmend in die Zwickmühle. Verzichteten doch schon so viele Kinder in unserem Umfeld zumindest tagsüber auf das geliebte Gummiteil! Also, wer ganz sicher gehen möchte, dass er sich mit seinem Lebenswandel unwohl fühlt, dem empfehle ich es ganz dringend, sich zu vergleichen! Hab ich gemacht. Hat geholfen. Ich war noch genervter.

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Was ist besser als ein Schnuller? Zwei Schnuller!

Wir setzten die beiden Junkies tagsüber auf Entzug und versuchten, sie anderweitig abzulenken und zu beruhigen, die Schnuller sollte es nur noch im Bett geben. Das war total anstrengend für alle Beteiligten. Es wurde laut. Es flossen viele Tränen. Ich fühlte mich aber irgendwie dazu berechtigt, das durchzuziehen, weil es ja schließlich ihrem Besten dienen sollte. Oder vielleicht eher meinem Besten? Damit ich als Mutter vor mir selbst am Ende eine weiße Weste habe, weil meine Kleinkinder keinen Schnuller mehr brauchen…?

Eltern entscheiden

Die Jungs arrangierten sich aber irgendwie mit dem neuen Gesetz. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Zum Kofferpacken und Ausziehen sind sie ja noch zu klein, also müssen sie mit dem leben, was wir entscheiden. Es ging so lange gut, bis unser gemeinsamer Urlaub zu Ende war und ich wieder allein mit einem gesunden und einem kranken Kind zuhause saß. Den Krankenstand hatten wir eh zur Ausnahme erklärt. Aber ich hatte auch einfach zunehmend den Eindruck, dass die Jungs ihre „Nuja“ wirklich immer noch doll brauchen. Ungeachtet dessen, was Ärzte und Klugscheißer empfehlen.

Und jetzt? Jetzt schnullern sie also weiterhin. Und es stört mich manchmal weiterhin. Weil es einem Teil von mir manchmal unangenehm ist. Wegen der Leute. Komplett frei bin auch ich nicht davon. Aber ich stelle das nicht mehr in den Vordergrund, sondern konzentriere mich auf uns und unsere Bedürfnisse. Alle möglichen Tricks wie eine kesse Dose als Schnullergarage und ähnliches haben wir schon durch. Einmal mehr zeigt mir das, wie sehr sie ihn noch brauchen.

Vormittags bei der Tagesmutter geben sie ihre Schnuller in der Regel ab. Aber auch dort gilt: „Seele geht vor Zähne“. Und das finde ich wichtig und richtig. Zuhause und wenn wir draußen unterwegs sind, versuchen wir es auch so gut es geht. Aber ohne Druck. Immer auf Freiwilligkeit basierend.

Zum Sprechen bitte rausnehmen

Wenn die Zwillbos mit „Maulsperre“ sprechen und nuscheln – und zumindest einer der Söhne ist quasi dauerhaft sehr kommunikativ – sagen wir ihnen, dass wir sie gar nicht gut verstehen können, wenn sie einen Schnuller im Mund haben. Aber das tun wir nicht genervt oder herabwürdigend, sondern liebevoll und freundlich.

Herabwürdigung. Genau das geschieht nämlich, wenn wir es als Erwachsene ins Lächerliche ziehen, das Kleinkinder noch schnullern. „Du bist doch schon sooo groß!“ „Das ist doch was für Babys!“ „Den Schnuller brauchst du doch gar nicht mehr!“ Doch. Offensichtlich schon. Und wenn sie permanent solche Sätze hören, werden sie sich als falsch empfinden, weil man ihnen ihr innerstes Bedürfnis abspricht und sie dafür obendrein noch beschämt.

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Manche Objekte brauchen kleine Kinder sehr.

Unsere Kinder sind noch keine zweieinhalb Jahre alt. Sie sprechen gut. Doch sie befinden sich mitten in der kleinkindlichen Dauerkrise namens Autonomiephase. Sie haben längst noch nicht die gleichen Möglichkeiten zur Selbstregulierung wie ein Erwachsener. Sie haben ja noch nicht einmal ein vollkommen ausgereiftes Selbst! Sondern Unmengen an schwer emotionaler Affekte. Mit denen umzugehen müssen sie lernen. Noch über Jahre hinweg.

Kluge Kleinkinder

Während dieser Zeit werden sie zunehmend Strategien entwickeln, sich anders selbst zu beruhigen als mit dem Schnuller. Und jetzt schon zu wissen, dass Nuckeln sie runterfährt und dieses Wissen anzuwenden ist ganz schön kompetent. Außerdem haben wir ihnen das beigebracht, als sie Babys waren. Und nun sollen sie sich gefälligst von jetzt auf gleich andere Wege dafür suchen, weil es mir peinlich ist, dass sie auch mal tagsüber oder in der Öffentlichkeit schnullern? Irgendwie mies…

Die Zwillbos sind einfach noch kleine, affektgesteuerte Zwerge, deren Gehirne sich mit einem Bein im Höhlenmenschenmodus befinden. Zwar können sie gut sprechen und sich in entspannten Situationen gut mitteilen. Doch wenn die Gefühle wegen einer vom Bruder entrissenen Lokomotive hochkochen, dann hauen sie halt er mal drauf. Total normal. Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Wie gesund regulieren wir uns selbst?

Gefühlstürme von Kleinkindern sind noch so stark, und dennoch erwarten wir von ihnen, sich in den Griff zu bekommen wie Erwachsene. Mit dem Gebrüll aufzuhören und sich zu beruhigen. Sich zu entschuldigen etc. Weil wir es nicht besser wissen oder können, beschämen wir sie und grenzen wir sie dafür aus. Das ist nicht besonders liebevoll und fürsorglich. Und wie gut können wir Erwachsenen uns eigentlich selbst regulieren? Indem wir rauchen, Medien konsumieren, Fingernägel oder Kaugummi kauen, Alkohol trinken oder Schokolade essen?

Ich habe eingesehen, dass wir wohl noch einige Zeit mit den Schnullern leben werden – Gras wächst bekanntlich auch nicht schneller, wenn man daran zieht. Bevor sie in die Fahrschule kommen, werden sie wohl freiwillig darauf verzichtet haben. Ich weiß mittlerweile, dass sie trotz inniger Nuckelei nicht zwangsläufig zum Kieferorthopäden oder in die Sprachförderung müssen. Und wenn schon? Krumme Zähne sind mir lieber als krumme Seelen.

Aufschlussreiche Details zu diesem Thema findet ihr übrigens auf Elternmorphose.de.

18 Comments

  1. Danke. Wir haben hier ein ähnliches Hot-Topic mit dem Daumenlutschen. Ich gehe schon gar nicht mehr gerne zu Familienfeiern etc, weil alle meinen, meine 2jährige anschreien zu müssen. “Daumen raus! Bah! Du bist doch so ein großes Mädchen! Oder willst du noch ein kleines Baby sein?” Das geht mir auch sehr auf die Nerven.

  2. Ich habe das gleiche Gewissenschaos mit dem Stillen hinter mir. Meine Tochter ist drei und hat den Schnuller nie akzeptiert, leider. Mir ist auch irgendwann klar geworden, dass Kinder in dem Alter halt noch ein ausgeprägtes Saugbedürfniß haben, ganz gleich ob Schnuller oder Brust. Völlig normal.

  3. Ich finde es toll, dass Du ihnen die Zeit gibst und es nicht erzwingst. Wir haben das auch so gemacht. Und dann, mit 3,5 Jahren, haben meine Zwillingsjungs einfach so abends vergessen, den Nuckel zu verlangen. Und das war’s. Keine Träne, kein Gejammer, einfach ein natürliches Loslassen. Das wünsche ich Euch auch!

  4. Ach ja. *Wir” sind seit Oktober 2017 schnullerfrei. Also das Wunschkind (3 1/2 Jahre) hat durch Kindergarten und gut zureden vom Papa dem Schnulli Adios gesagt. Ohne “Schnullerbaum” und ganz ohne Zeromonie . Leider haben wir besagte altbackene Redewendungen wie “du bist doch schon soo groß” und “Schnuller sind was für Babys” benutzt. Wir wussten es nicht besser. Fakt ist wir haben immer wieder mit ihm gesprochen aber dennoch das nuckeln bis zum Schluss zugelassen. Da er es noch brauchte. Der Druck Schnullerfrei zu werden kam vom Zahnarzt, von den Erzieherinnen und meiner Mama und Schwiegermutter. Was im Kindergarten gesprochen wird und wurde darauf haben wir leider keinen Einfluss. Es kam beim Kleinen Schlag auf Schlag: Schnuller weg, Windel weg. Dafür loben wir ihn immernoch. Täglich. Druck von außen ist fies.

    1. Weißt du, ich kann es nachvollziehen, dass man sowas sagt. Ich habe das anfangs auch nicht hinterfragt und oft weiß man es einfach nicht besser und möchte bestmöglich für seine Kinder handeln. Wir machen das ja schließlich alle irgendwie zum ersten Mal! Ich dachte anfangs auch, ich könnte sie so überzeugen…aber dann hatte ich den Eindruck, dass es irgendwie fies ist. Mal sehen, wo wir am Ende damit rauskommen…

  5. Oh, wie ich die Gedanken verstehen kann, haben wir sie doch auch. Fast genauso, nur eben mit Daumennuckelkind. Seufz.
    Sie ist 2,5 Jahre alt und schon bei der U7 mahnte die Ärztin, es müsse so langsam ohne gehen, die Zähne verschöben sich. Hat sie auch recht, eine minimale Fehlstellung kann ich schon sehen (oder erahnen?).
    Ich hab versucht sie davon zu überzeugen, dass sie nur noch zum Einschlafen nuckelt, aber das reicht ihr nicht. Auch tagsüber braucht sie es immer mal wieder. Bei der Abgabe im Kindergarten, beim Kuscheln, in neuen oder ungewohnten Situationen… Es ist wie es ist und irgendwann wird es hoffentlich anders. Aber solange sie ihn noch braucht… Zumal ich ihr den Daumen ja auch schlecht “wegnehmen” kann. 😀
    Bei der großen Tochter war es damals viel einfacher. Sie nahm auch den Schnuller, kurz nach ihrem 2. Geburtstag hat der Nikolaus ihn mitgenommen und es war okay. Er fehlte ihr nicht sonderlich. Aber so sind Kinder eben unterschiedlich.

    1. Ich kann deine Gedanken und Gefühle total verstehen. Beim Daumen ist irgendwie vielleicht noch schwieriger. Andererseits: Ich habe auch am Daumen genuckelt – echt lange! Ich hatte zwar eine Zahnklammer, die ich allerdings kaum getragen habe (Sorry, Dr. Walter!!!) – und meine Zähne sind echt gut in Schuss. Natürlich sind ärztliche Hinweise nicht einfach abzubügeln. Auf der anderen Seite MÜSSEN sie ja darauf hinweisen. Mir hat eine Leserin übrigens geschrieben, bei ihrem Sohn habe sich die Fehlstellung in kurzer Zeit von selbst reguliert. Ganz liebe Grüße!

  6. Das bestärkt mich irgendwie noch mal. Danke dafür. Meine Tochter ist 3 und benötigt den Nuckel theoretisch nur zum schlafen und Auto fahren…theoretisch.😉 Ich habe mir von einer Zahnärztin erklären lassen,dass man auf die passende Größe der Nuckel achten sollte. Das hat mich innerlich auch schon beruhigt. Aber danke dir ,für die Erinnerung, dass es einfach ist,wie es ist und so auch in Ordnung ist.

  7. Da hast du mal wieder die richtigen Worte gefunden, für ein „Problem“ das sicherlich viele Mütter beschäftigt. Hier wird der Nuni auch noch heiß und innig geliebt (ich lieb mein Nuni, sagt er immer) und ich akzeptiere es einfach und gebe ihm die Zeit der er braucht. So habe ich es mit der Windel auch gemacht und so geht er seit 2-3 Monaten (mit 2 Jahren und 3 Monaten) selbstbestimmt und aus freier Entscheidung tagsüber auf das Töpfchen oder die Toilette. Ich bin der Meinung je mehr Druck man aufbaut desto weniger klappt es am Ende 🤷🏻‍♀️

  8. Meine Tochter hatte auch Nachts und zum Mittagsschlaf auch mit drei noch einen Schnuller und dadurch eine Zahnfehlstellung. Nachdem der Schnuller weg war (Dank Schnullerfee ohne Tränen) bildeten sich die Zähne ganz alleine wieder zurück. Hör einfach weiter auf Deinen Bauch. 😊

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