Vater-Freundschaften: Eine verhängnisvolle Begegnung

Es war einer dieser späten Herbsttage, an denen man keinen Hund vor die Tür scheucht: kühl, feucht, windig. Die Dämmerung saß schon in den Startlöchern, rieb sich ihre klammen Finger und wartete darauf, dass es endlich losgehen würde. Was man einem Hund nicht zumutet, gilt aber noch lange nicht für einen Zwillingsvater. Der musste raus. Schon allein aus Therapiezwecken: Die AJs waren damals rund 18 Monate alt und kämpften harte, aufreibende Schlachten gegen das Zahn-Monster. Die Zufriedenheit der beiden Girls steckte somit tief unten beim Gefrierpunkt fest. Auftauen Fehlanzeige.

Lagerkoller im Zwillingsheim

Irgendwann war ich dann das dauernde Nörgeln und Heulen satt. Lagerkoller im trauten Zwillingsheim. Alle brauchten eine Auszeit. Also raus vor die Tür mit dem Kinderwagen! Vorher noch die Kids winterfest machen. Roald Amundsen dürfte auf seinem Weg zum Südpol nicht weniger vor Kälte geschützt gewesen sein – und beim Schlittenpacken am Morgen auch nicht länger gebraucht haben…

Tatort: Supermarkt.

Draußen dann die gleichen grauen Bürgersteige und braun-marmorierten Wege, die ich gefühlt schon 1.000 Mal während Jahr Nr. 1 mit den AJs abgelaufen war. Ein Wunder eigentlich, dass sich noch keine Rillen im Asphalt gebildet hatten. Immerhin, ich hatte damals ein Ziel: den Volg. Für alle von Euch, die nicht in der Schweiz wohnen: Der Volg ist ein kleiner Supermarkt. Und wer einen Volg bei sich in der Nähe hat, der wohnt nicht in der Stadt. Der ist ein Landei. Aber das nur am Rande.

Rund eine Stunde und gefühlte drei dreckige Dutzend Zwillingswagen-Kilometer später stand ich dann vor besagtem Volg. Und traute meinen Augen nicht. Was war denn das? Ein Zwillings-Kinderwagen? Ein Zwillings-Kinderwagen! In der Tat, das geschulte Zwillingsvater-Auge identifizierte diese ganz spezielle Gefährtgattung sofort. Leicht und monoton geschaukelt von einem wartenden, bemützten Mann mit leicht genervtem Gesichtsausdruck und alles andere als leichten Augenringen. Auch seine Kids gehörten zum Team «Amundsen-goes-Southpole», Alter und Geschlecht waren aus der Distanz dementsprechend schwer zu schätzen.

Hemmschwelle überwinden

Als gebürtiger Rheinländer hatte ich Jahre zuvor lernen müssen, dass das in der Schweiz ja nicht so einfach ist mit diesem «Fremde-einfach-mal-ansprechen». Machst Du das ganz frisch, fromm, frei von der Leber weg und vor allem ohne Vorwarnung, besteht beim Gegenüber leicht akutes Herzinfarkt-Risiko. Aber gibt es eine steilere Vorlage, als einen Zwillingsvater anzuquatschen, wenn man selbst einer ist?! Gedacht, getan.

Das war er dann also: Thomas. Vater ebenfalls von zwei Zwillings-Ladies, kaum jünger als die AJs. Und Vater von noch zwei älteren Kids, etwa im Alter unserer Grossen. Er selbst wiederum nur unwesentlich älter als ich. Aus dem Nachbardorf kommend. War das jetzt «Zufall» oder «Fügung», dass wir uns damals über den Weg liefen? Egal – und Homo Faber lese ich deswegen nicht noch mal. Eine Rolle spielt das sowieso nicht. Es zählt das Ergebnis.

Verbaler Befreiungsschlag

Die Viertelstunde, die wir uns unterhielten, war eine regelrechte Befreiung: Endlich einer in einer vergleichbaren Situation. Einer, der weiß, wie es in einem Zwillings-Zuhause abgehen kann. Einer, der auch den Anspruch hat, seinen Beitrag an der Heimatfront zu leisten. Einer der ebenfalls unter dem nicht selten schmerzenden Spagat zwischen Familie und Job leidet. Und vor allem halt: ein Mann!

Nachdem die Handy-Nummern ausgetauscht waren, dauerte es nicht lange und wir fanden raus, dass es noch viel mehr Gemeinsamkeiten gibt, die uns verbinden: Ähnliche Studiengänge in grauer, juveniler Vorzeit. Spaß als auf der Couch liegender passiver Fussball-Fan mit der Chipstüte in Reichweite. Freude an maximal bleihaltigen und minimal gehaltvollen Filmen; diese gern noch garniert mit Dosenbier und fettiger Pizza aus dem Karton. Ganz einfach: Es matchte. Bei einer Dating-App hätten wir wohl einen ziemlich hohen Übereinstimmungswert erzielt.

Utensilien eines Zwillingsväterabends.

Nein, wir sind heute keine «BMF», die täglich telefonieren oder sich regelmäßig sehen. Auch enden unsere WhatsApp-Nachrichten nicht mit «HDGGGGGDL», Knutsch-Smileys oder so was. Oft vergehen Wochen oder sogar Monate zwischen unseren Treffen. Macht aber nichts. Die Chemie stimmt ja schließlich. Und es ist einfach gut zu wissen, dass da einer ist, der direkt checkt, was Sache ist. Der mich versteht und mir seine Zwillingsvater-Meinung an den Kopf knallen kann, damit sie bei mir direkt ins Stammhirn kriecht und dort Anker wirft.

Haltet Ausschau!

Von daher, liebe Zwillingsväter da draußen: Haltet die Augen auf nach «uns anderen». Ihr müsst ja nicht gleich einen auf Winnetou und Old Shatterhand machen und Blutsbrüderschaft zelebrieren. Aber zumindest gelegentlich wie Waldorf und Statler von der Muppet-Show in einer fiktiven Loge abhängen, ein paar Bierchen zischen und sich untereinander darüber austauschen wie es ist, Zwillingsvater zu sein. Das macht schon Sinn. Und falls ihr generell meint, das Sprichwort mit dem Schweigen und dem Gold, das habe schon seine Berechtigung: auch gut. Dann sitzt ihr halt nur nebeneinander und schweigt Euch an. Aber ihr checkt auch dann zumindest eines: Ihr seid nicht allein.

Übrigens: Als ich damals vom Volg nach Hause kam, musste ich feststellen, dass ich vergessen hatte einzukaufen. Aber das war mir ziemlich egal.

 

>>> JULIS „HOCH AUF ZWILLINGSELTERN-FREUNDSCHAFTEN“ FINDET IHR HIER…

 

Über Tillmann Schulze

Tillmann Schulze ist (Zwillings-)Vater und Buchautor. Unter anderem. Sein „Ponyhof für Fortgeschrittene“*erschien 2014 – in zweiter Auflage gespickt mit Infos aus den Jahren 2 und 3. Auf dem Doppelkinder-Blog schreibt er jetzt regelmäßig als Gastautor über die Irrungen, Wirrungen und das Schöne, was das Leben mit seiner Frau und seinen drei Töchtern so mit sich bringt. Alles begann 1977 an einem Waldrand im Rheinland. Geprägt haben Tillmann zwei große Schwestern, Wetten Dass, Weißer Riese und Schwimmbadwasser. Es gab damals zwei Deutschlands, aber nur einen Kanzler. Später folgten fünf Jahre Westfalen sowie diverse Rufe von Kälte, Eis und Abenteuer, denen er wochen- und monatelang folgte. Bereits seit zwölf Jahren lebt er nun in der Schweiz. Erst zu zweit, dann zu dritt und jetzt zu fünft. Er sei ja eigentlich auch Schweizer, sagt Tillmann, nur das mit dem „Schwiizerdütsch“, das werde nie funktionieren. Aber das macht nichts, die Sprache der Zwillingseltern spricht er fließend. Seine „Zwillbos“ sind übrigens die AJs…
Tillmanns Seite: www.zwillingsvater.ch
Mehr erfahren? Tillmann leitet Info-Abende für werdende Zwillingseltern des Zwillingsvereins vom Kanton Zürich: www.zwillingsfamily.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.