Vermissen Mädchen-Papas Abenteuer? Von „Luusmeitlis“ und Bausteinen

Warum ist das so? Warum erwartet gefühlt eigentlich jeder Zweite, dass sich ein werdender Vater unbedingt einen Sohn wünscht? Beziehungsweise: Warum erhält man als Vater fast schon Mitleid, wenn man drei Töchter hat? Oftmals schwingt so etwas mit wie „Du Armer, jetzt kannst du dir deine Männer-Sachen mit dem Nachwuchs abschminken.“

Meine Antwort  lautet dann immer: „Hey, wo ist das Problem? Drei kleine Ladies, das ist doch super, mit denen kannste locker Jungs-Zeug machen!“ Aber, ist das jetzt die Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Oder muss ich es eher als Selbstbeschiss deklarieren? Zeit, mich auf Spurensuche zu begeben.

Das Stammhalter-Argument

Ich habe ja mal Geschichte studiert, so am Rande zumindest. Also bemühe ich den Historiker in mir. Der könnte diagnostizieren, dass Männer immer einen Stammhalter benötigen. Sonst isses fertig mit dem Stammbaum. Für Könige mag das blöd sein, für so manchen Durchschnitts-Blaublüter auch. Dann gibt’s nämlich keine Titelfotos mehr auf der Gala. Aber ich trage weder ein „von“ im Nachnamen, noch ist dieser so besonders, dass es ein Verlust für die Menschheit wäre, würde der Schulze-Stammbaum nach mir ein jähes Ende nehmen.
Fazit: Unbedeutendes Argument, abgehakt.

Das Abenteuer-Argument

Zelten im Winter.

Ich habe es mal hochgerechnet: Mit 22 Jahren hatte ich mehr als zwei Jahre im Zelt übernachtet. Zwischen 13 und eben 22 fanden eigentlich alle Ferien und unzählige Wochenenden im Zelt statt. Entsprechend emotionsgeschwängert war die Vorstellung, mit dem Nachwuchs das Abenteuer draußen zu suchen. Und wer den „Ponyhof“ gelesen hat, der weiß: Die erste Zeltnacht mit unserer Großen, die werde ich nie vergessen!

Seitdem gab es schon viele Zeltnächte. Und die Begeisterung ist groß – bei allen. Längst nennen alle Familienmitglieder Schlafsack, Isomatte und Stirnlampe ihr eigen. Ich will ehrlich sein: Am liebsten würde ich jetzt schon für die Kids Ausrüstung anschaffen, mit der sie auch in der Arktis oder im Himalaya nächtigen können. Aber es gibt da ja leider noch die Vernunft. Immerhin: Für’s Sommer-Zelten in Schwiegervaters Garten reicht’s. Und: Im Winter kann man das Zelt schon mal im Wohnzimmer aufschlagen. Die drei kleinen Damen stehen zumindest voll auf die kleinen roten Behausungen.
Fazit: Abenteuer mit Mädels? Geht immer! Argument nichtig!

Das Spieltrieb-Argument

Drehen wir das Rad der Zeit 35 Jahre zurück. Da waren Baukastensysteme mein Leben. Unzählige Stunden pro Tag und das unzählige Tage hintereinander? Kein Problem! Das musste also in die Gene meines Nachwuchses übergehen. Stand außer Frage. Also sah ich mich gedanklich mit den Kids Feuerwachen aufbauen und Piratenschiffe konstruieren. Das Resultat ist, nun ja, gelinde gesagt: ernüchternd. Oder, nein. Es ist ehrlich gesagt: eine Katastrophe! Die Große konnte ich mit sanftem Nachdruck gerade mal für diese grauenvolle „entschärfte“ Kunststoff-Klötzchen-Variante gewinnen. Feuerwache? Piratenschiff? Fehlanzeige. Schlimm!

Und die AJs? Bei denen steht Playmobil extrem hoch im Kurs, Feen und so ein Kram. Hilfe! Ich war schon kurz davor zum Psychologen zu gehen. Seine Nummer wählte ich dann, als ich letztes Jahr meine alten geliebten Kunststoffbausteine zurückbekam, die ich für rund 15 Jahre meiner großen Schwester für ihren Nachwuchs ausgeliehen hatte. Hach, was war das für eine Zeitreise, als die Riesenkiste wieder zu mir kam: die gelbe Ritterburg von 1983, als man die Pferde noch selbst zusammenbauen musste. Das Piratenschiff von 1989, das ich ausbaute und mit 128 Kanonen bestückte.

Und meine Mädels? NULL Interesse. Katastrophe im Quadrat! Jetzt stehen diese rund 15 kg auf unserem Speicher, verstauben und warten. Worauf eigentlich – frage ich mich und wische mir verschämt eine Träne der Enttäuschung aus dem Augenwinkel.
Fazit: Schnüff, meine Ritterburg, mein Piratenschiff… Argument zählt.

Das Action-Argument

Limits kennen die Ponys eigentlich nicht – weder horizontal, noch vertikal.

Schneller, höher, weiter – eine Devise, der ich durchaus was abgewinnen kann. Wettkämpfen und sich vergleichen? Voll mein Ding! Entsprechend verspürte ich eine gewisse Enttäuschung, da die Große so gar nicht kompetitiv unterwegs ist – und eher vorsichtig dazu. Aber ich habe ja noch meinen Patensohn. Der macht jegliche Competition- und Action-Defizite locker wett. Während seiner bisher zehn Lebensjahre gab es von mir zum Geburtstag schon gemeinsame Zeit im Seilpark, auf dem Downhill-Roller oder auf dem Rafting-Boot.

Und mit dem Ponyhof sieht die Welt jetzt eh anders aus: Die AJs haben gegen einen kleinenWettstreit dann und wann durchaus nichts einzuwenden. So freue ich mich immer still und leise, wenn sie sich auf die ausgezogene Couch im Wohnzimmer verziehen zu ihrem persönlichen „Fightclub“, begleitet von einem „Komm, wir gehen kämpfen!“ oder „Lass uns Prügeli machen!“ Eine Karriere in Mixed Martial Arts wünsche ich mir für die beiden zwar nicht, aber das Herz des ehemaligen Kampfsportlers, geht dann schon auf.

Doch eigentlich sind mir die AJs fast schon zu kompetitiv. Beleg gefällig? Kürzlich auf dem Weg zum Schwimmbad ein Wettlauf: AJ#2 merkt beim Bergabrennen, dass AJ#1 schneller unterwegs ist als sie. Es folgt ein gezielter Bodycheck, AJ#1 stürzt. Resultat: Blut, Schweiß, Tränen.
Fazit: Ich befürchte die AJs werden noch für deutlich mehr Action sorgen als mir lieb sein wird. Deren Bandagen sind mindestens so hart wie die von kleinen Kerlen. Argument also auch null und nichtig

Das Lausbuben-Argument

Michel aus Lönneberga, wer kennt ihn nicht?! Den Schalk im Nacken, die Flausen im Kopf. Auf die Gefahr hin, dass ich jetzt die Vergangenheit verkläre: So richtig lausbübisch war ich nie. Ausgenommen vielleicht an dem Tag, als ich in meinem Zimmer Silvester-Böller testen wollte und meine Familie kurz davor war, 112 zu wählen… Ich wunderte mich daher nicht, dass unsere Große ebenfalls keinen großen Mist machte. Vielmehr begrüßte ich dies sogar, denn für meinen Blutdruck war dies sehr positiv.

Vielleicht sollte ich mir mit den AJs jetzt aber ne Euro-Palette Beta-Blocker zulegen. Warum? Nun, zum Beispiel weil die beiden es schon geschafft haben, die Kindersicherung vom Schrank mit all den giftigen Putzwässerchen zu knacken. Oder weil sie mal ausprobieren wollten, wie das ist, wenn man sich eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Oder weil sie schon Kopfsprung vom Hochbett ausprobiert haben – ohne Matratze unten. Oder weil ich schon von der Hortleiterin in aller Klarheit darüber informiert wurde, dass es nicht in Ordnung sei, wenn AJ#1 zusammen mit einer Freundin in den Putzeimer rotzt oder ihre Schwester mit dem Hausschuh vermöbelt. Noch Fragen?
Fazit: In der Schweiz haben wir den Begriff des „Luusmeitli“. Davon habe ich einen Doppelpack, der es mit jedem Lausbub aufnehmen kann. Und bei den ganzen Michel-mäßigen Aktionen, die es bis jetzt schon gab, graut mir ein wenig vor dem, was da noch so kommt… Argument also ebenfalls wertlos.

Gesamtfazit: Die Farbe Rosa den Kinderkleiderschrank dominieren zu lassen, Hello-Kitty-Puzzle zu legen und Zöpfe zu flechten – das alles war nie mein Traum vom Vatersein. Aber mit meinem Ponyhof kommen „Jungs-Dinge“ definitiv nicht zu kurz. In allen Girls steckt genug kleiner Kerl. Fragt mich einfach, ob ich das noch genauso sehe, wenn die drei dann mal in der Pubertät sein werden…


Über Tillmann Schulze…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.