Wurzeln, Flügel und dazwischen ein Mamaherz

Zerrissenheit ist mein zweiter Vorname seitdem ich Mama bin. Das ging in der Schwangerschaft schon los. Irgendwann war der Zwillingsbauch nur noch im Weg und störte bei sonst so alltäglichen unbeachteten Dingen wie Schuhe anziehen, Zehennägel lackieren oder beim halbwegs geruhsamen Schlaf. Aber raus sollten die Kinder irgendwie auch nicht. In die gefährliche, große, laute Welt? Bitte nicht! Mich damit zur Mutter machen, wo ich doch noch nicht einmal im ersten Anlauf die Führerscheinprüfung bestanden habe und das größte Schwimmabzeichen, das ich mein Eigen nennen kann, das Seepferdchen ist?!

Grenzen der Theorie

Und jetzt gab es noch nicht einmal eine Prüfung – geschweige denn irgendwelche Fragebögen, Fahrstunden oder Vorbereitungsseminare. Vom Geburtsvorbereitungskurs einmal abgesehen, doch hat der mir ohnehin nur vermittelt, wie ich Wehen wegatmen kann und welcher artistischer Höchstleistung es für ein Kind bedarf sich mit einem zweifachen Rittberger kopfüber ins Becken hinein zu schrauben. Aber Vorbereitung aufs Mama Sein? Da stößt die Theorie einfach an ihre Grenzen.

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Mit dem Zwiespalt geht es dann munter weiter: Stillen im Zwei-Stunden-Takt nervt, aber beim Abstillen fließen dann auch wieder die Tränen. Monatelang hofften und bangten wir um Zusagen für Betreuungsplätze. Doch hat mich kaum etwas mehr aufgewühlt in meinem Mamadasein als die Eingewöhnung bei der Tagesmutter.

Auf zur Tagesmutter! …mein Herz wird bang…

Was habe ich die ersten Zähne verflucht – schließlich wusste ich dann erst, dass noch etliche Male Tage und Nächte voller Gebrüll, Misstimmung und roter Babypopos auf mich warten würden. Als jetzt aber nun die letzen Backenzähne ihre Kronen durchs kleinkindliche Zahnfleisch drücken schleicht sich neben der Erleichterung, es bald geschafft zu haben, noch klammheimlich ein bisschen Wehmut mit ein: Auch das ist nun vorüber, meine Babys sind endgültig auf und davon.

Und wieder: Zerrissenheit

Am Sonntag erreichte ich wieder ein Gipfelkreuz der mütterlichen Ambivalenz. Die Zwillbos verbrachten den Nachmittag mit ihrem Onkel und ihrer Tante. Völlig ungebremst und mit heller Begeisterung. Und das, obwohl ein Teil von mir zunächst noch ein wenig skeptisch war und seine Zweifel hatte: „Was ist, wenn sich Trennungsdramen abspielen? Sooo oft sehen sie die Beiden ja auch nicht…ich weiß echt nicht, ob die Kinder das mitmachen…“, monologisierte Gevatterin Zweifel in mir. Die Energie hätte sie sich sparen können. Es brauchte vom Ertönen der Türklingel keine fünf Minuten, bis der Mann und ich abgeschrieben waren und in Ruhe Kaffee trinken gehen konnten.

Jetzt werden sich die ersten sicherlich fragen, was in aller Welt mit mir nicht stimmt. Wartet ab, es ist noch gar nicht so weit! Der Zwillingspapa und ich hielten uns nicht mit überflüssiger Analyse der Situation auf und machten uns schnell auf und davon. Schließlich ist es mit der Stimmung von Kindern immer so wie mit dem Wetter im Gebirge: Der Umschwung kann ziemlich plötzlich kommen.

Auswärts übernachten

„Mama, du kannst ruhig wegfahren!“ …seufz…

Der Kloß stahl sich dann am Abend nach dem Baden in meinen Hals. „Mama soll weggehen, die Tante soll wiederkommen“, erklärte der Erstgeborene. Ziemlich freundlich, aber bestimmt. Mama könne ruhig wegfahren und zu Hause warten, er würde bei der Tante schlafen und dann bald zurückkommen. Schluck. „Das können wir gerne mal so machen“, sagte ich. Und meinte es auch so. Aber: Puh.

Mein Herz freut sich über Kinder, die sich sicher genug fühlen, die Welt immer mehr zu erkunden. Die ihre große Familie lieben und immer eigenständiger werden. Aber es ist auch ein wenig seltsam. An solchen Tagen wird mir immer schlagartig bewusst, dass sie eigentlich mit der Durchtrennung der Nabelschnur von mir wegstreben. Dass ich Wegbereiterin und Wurzelgeberin bin, dass sie aber einzig und allein sich selbst gehören, Tag für Tag ihre kleinen Flügel stärken und erproben und dann irgendwann davonfliegen. Mal weiter weg. Mal nicht so weit. Aber eben doch weg.

Und deswegen nehme ich mir nun noch einmal auf Neue und noch einmal fester vor, die Zeit zu umarmen, die JETZT ist. Und mag sie oft noch so anstrengend sein, so ist sie doch so schnell an uns vorübergeweht.

2 Comments

  1. Ach ja – in einem Moment bist du stolz wie Bolle, weil sie auf eigenen Füßen losrennen (endlich, ich hab sie lang genug rumgeschleppt), im nächsten Moment willst du hinterher und rufen „Halt, stopp! Das geht MIR ein bisschen zu schnell! Werd nicht so fix grooooß!“ :'(

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