Drei-Personen-Körper

Manchmal frage ich mich, ob Frauen früherer Zeiten oder anderer Kulturen – oder vielleicht auch nur andere Frauen als ich – mehr Vertrauen in ihren Körper hatten oder haben. Bei mir ist das gerade oft so, als hätte jemand einen Schalter in meinem Kopf umgelegt. Vor der Schwangerschaft kannte ich mich aus mit meinen physischen Grenzen. Ja nun, und wenn ich die mal überschritten habe, war das entweder gewollt und/oder nicht weiter beängstigend. Wenn es mal wenig Schlaf gab, habe ich mir dem Verhältnis zum Ruhe-Defizit entsprechend Kaffee in den Kopf gekippt. Wenn ’s beim Sport zu viel war, hab ich halt beim Treppen steigen die Zähne zusammengebissen (und mich heimlich über Muskelkater gefreut). Und was Grippe und Co mit einem anstellen, war mir auch vertraut. Im Großen und Ganzen habe ich mich ziemlich unbesiegbar gefühlt.

Jetzt. Ist. Alles. Anders. Meistens. 

Insbesondere zu Beginn der Schwangerschaft macht der Körper ja allerhand abgefahrene Sachen. Für Schwangerschafts-Rookies wie mich war quasi alles neu und anders und oft gruselig – aber man groovt sich ein. Doch der Bauch wächst und an manchen Tagen sinkt der Pegel der verfügbaren Kraft (Die Energie, die Sie für den heutigen Tag benötigen, ist vorübergehend nicht zu erreichen, bitte versuchen Sie es später noch einmal). So selbsternannten Superheldinnen wie mir passt das ganz und gar nicht. Ich mag nicht gerne zum Langsam-Machen und Ausruhen verurteilt sein – hey, ruht der Wind sich jemals aus?! Aber es kommen Tage, da ist gefühlt die einzige Superkraft, die mir bleibt, dass ich mit links schreibe.

Wir wohnen gerade zu Dritt in diesem Körper.
Neulich – als ich noch gearbeitet habe – hatte ich noch so eine Grenzerfahrung der schwangeren Art. Wenn ich abends nach Hause komme und der Supermann hat so lecker gekocht, fällt es mir meist schwer, nicht nochmal zuzulangen. Aber mittlerweile toben zwei mehr als 37 cm große und 900 Gramm „schwere“ Kinder durch meine Körpermitte. Das bedeutet, das meiste, was sich an Organen vormals da herumgetrieben hat, ist Richtung Norden in die Nähe meines Kinns gerutscht. Der Magen lässt meist viel weniger Platz als das Essen lecker ist und dank diverser Hormone ist Verdauung derzeit ein Prozess, der ungefähr Äonen dauert.Kohlenhydrate werden von meinem Magen ohnhin nur noch höchst ungern und bitteschön nicht mehr nach 16 Uhr gesehen.

Übeltäter: Gemüsepfanne

Mir kam hier also eine Gemüsepfanne unter die Nase. Mit Zwiebeln, Knoblauch, Feta-Käse und Olivenöl. „Hey, keine Kohlenhydrate!“, jubilierte es in mir. Verdammt. Ich musste ja die ganze Portion essen. Noch während des Verzehrs bekam ich das dringende Bedürfnis, mich hinzustellen, damit alles schneller irgendwo hinrutscht und ich noch weiter essen kann. Blöd ist, wenn es dann bereits gegen 21 Uhr geht (das war meinen Arbeitszeiten geschuldet) und man sich, statt zwölf Kilometer wandern zu gehen, ins Bett legt.

Nicht im Bild: Olivenöl und Fetakäse.
Mein Magen hatte offenbar schon Feierabend und beschlossen, die restliche Arbeit liegen zu lassen – morgen ist schließlich auch noch ein Tag (muss klasse sein, so auf Entspannungshormonen zu sein). Meine Lunge, die freundlicherweise den Magen in ihrer Etage aufgenommen hat, war allerdings noch im Dienst und hatte zumehmend Schwierigkeiten, sich angesichts der jüngsten Völlerei zu entfalten. Widerwillig begab sich dann, als eigentlich Schlafenszeit war, der Magen zurück an die Arbeit. Allerdings forderte er meine uneingeschränkte Loyalität. Wenn er also nicht ruhen durfte, war es auch mir versagt. Zudem verbreitete er ziemlich üble Stimmung. Im wahrsten Sinne des Wortes und irgendwie tat mir alles weh.

Im Nachhinein ist das alles fast ein bisschen lustig. Aber wenn ich mich früher über Übelkeit und andere körperliche Beschwerden einfach nur geärgert habe, bin ich jetzt offensichtlich bereits im Mama-Modus: Ich mache mir Sorgen. Was ist, wenn ich jetzt ohnmächtig werde oder keine Luft mehr bekomme? Habe ich vielleicht ein Lungenödem oder einen Hirntumor und die Behandlung würde meinen Kindern schaden? Ich kann mich da – insbesondere nachts im Bett-  ziemlich effektiv reinsteigern. Was ist, wenn ich heute Nacht nicht schlafe? Was ist, wenn ich überhaupt nie wieder schlafe???

Endlos Kaffee is‘ gerade nich.
Die beiden Zwerge kann ich derzeit noch nicht vor meinen körperlichen Querelen in Sicherheit bringen. Wenn es mir gerade überhaupt nicht gut geht, ist das ein sehr fieser Gedanke, der mir ziemliche Angst einjagen kann. Schließlich gehören sie gerade noch total in meinen Bauch. Zum Glück hat mein Magen mich nicht völlig im Stich gelassen und eine Nachtschicht eingelegt. Unter munterem Gestrampele der Zwillinge übrigens. Irgendwann war es dann gut.

Am Tag darauf allerdings habe ich mit Erschöpfung, einem immer noch etwas wehleidigem Magen und Kreislaufproblemen die Quittung bekommen. Aber vielleicht merke ich mir das einfach mal für die noch kommenden Wochen. Mein Magen hat halt derzeit das Naturell eines Verwaltungsangestellten. Er macht gerne pünktlich Feierabend und Überstunden sowie schwierige Sonderaufgaben sind unerwünscht (mitlesende Verwaltungsangestellte sind selbstverständlich über diese überspitzten Klischees erhaben – ich hoffe, ihr lest das während der Arbeitszeit). Ich werde mich künftig bemühen, ihn nicht mehr so zu verärgern, ihm kleinere Aufgaben zukommen zu lassen und ihm regelmäßig seinen Fencheltee zu servieren.

Ist das der Mutti-Modus?

Vielleicht macht man sowas im Mutti-Modus einfach. Genauso wie sich beim Treppen-Steigen am Geländer festzuhalten, aus Angst auf die Zwerge zu stürzen, oder das Telefon beim Vollbad neben der Wanne zu platzieren, es könnte einem ja schwindelig werden! Tja, solche Sorgen begleiten mich mittllerweile oft. Das ist anstrengend, aber okay. Denn so wird mir bewusst, wie wahnsinnig ich jetzt schon an unseren Kindern hänge. Und ganz vielleicht werde ich ja doch gar nicht so eine üble Mutter, wie ich es manchmal befürchte.Aber wenn die Zeit gekommen ist und ich wieder alleine in meinem Körper bin, dann lebe ich mordsgefährlich – dass das mal klar ist!

PS: Mein Magen ist morgens ins aller Herrgottsfrühe übrigens der erste, der Radau macht, wenn er nichts zu tun bekommt. 

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