Durchschlafen ist wie Australien 

Nach 15 Wochen Mama-Leben bin ich um einiges schlauer. Ich weiß etwa, dass Durchschlafen* das olympische Gold der Mütter ist. Je mehr Stunden die Kinder am Stück schlafen, desto höher klettert Mutti offenbar auf dem Treppchen. Versteht mich nicht falsch. Ich bin auch glücklich über Schlaf. Ich habe aber den Eindruck, dass es oft darum geht, „bequeme“ Kinder zu haben – eben solche, für die man seinen gewohnten Lebensstil nicht unterbrechen muss. 

Schlafen? Am liebsten körpernah.

Die Zwillbos sind jetzt 15 Wochen alt, also etwas älter als drei Monate. Vom Durchschlafen sind wir gefühlt so weit entfernt wie Dortmund vom Äquator. Durchschlafen ist für uns momentan wie ein fernes Land. Zum Beispiel wie Australien. Es ist weit weg und für uns in nächster Zeit schwer zu erreichen.

Nachtruhe.

Nachts melden sie sich im Schnitt alle drei Stunden, hin und wieder sind es vier. Dann trinken sie 10 bis 30 Minuten. Manchmal dauert das Wiedereinschlafen 2, manchmal 40 Minuten. So richtig viel Nachtruhe bleibt da nicht für die Eltern übrig, also für uns. Aber man wird ja bescheiden – ich freue mich über zwei Stunden Schlaf am Stück – bei dreien jubiliere ich. Irgendwie krebsen wir uns so unsere fünf bis sieben Stunden Schlaf zusammen. 

Haben wir früher abends Serien bis zum Abwinken geschaut**, liegen wir jetzt ebenfalls um 20 Uhr im Bett. Oder um 21 Uhr, wenn wir mal ganz wild drauf sind. Ich brauche jede Minute Schlaf, die ich bekommen kann. Klar, es bleibt gerade wenig Raum für die gute alte Bekannte namens „Mich“. Aber bevor ich mich für Kinder entschieden habe, wusste ich, dass es in der ersten Zeit wenig um eben diese „Mich“ geht. Gut, dass ich direkt mit zwei Kindern starten und „Mich“ lange Zeit nur zu Mini-Kaffeepausen und mal kurz vorm Schminkspiegel treffen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Doch ich wusste und weiß, dass diese Zeit der Entbehrung endlich sein würde. 

Olympisches Mami-Silber ist meiner Meinung nach Beikost. Kaum sind die Lütten auf der Welt, spekulieren offenbar viele Mütter schon darauf, wann sie endlich den Löffel abgeben dürfen – und zwar an den Nachwuchs. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, als könne es einigen gar nicht schnell genug gehen, bis zum Führerschein und der ersten eigenen Wohnung. Wozu bekommt man Kinder dann? Um sie ins Leben zu begleiten und ihnen das zu geben, was sie brauchen oder um eine gesellschaftliche To-do-Liste abzuarbeiten? 

Manchmal wünsche ich mir auch Babys, die für uns bequemer sind. Weniger wartungs-und betreuungsintensive Modelle, die auch mal im Arm des Autopiloten schlafen und nicht nur in meinem. Aber hey! Wie lange wird diese Zeit tatsächlich dauern? Die Zwillbos streben doch jetzt schon jeden Tag Millimeter für Millimeter hinaus in die Welt, ich möchte die Nähe genießen, die sie brauchen, und nicht davon genervt sein. Ich möchte nicht teilnehmen an diesem Wettbewerb, wer die unkompliziertesten Kinder hat – und doch wird man immer wieder mit der Nase darauf gestoßen. Ich möchte zunächst einmal die Antwort sein auf diese kleinen Menschen, auf ihre Bedürfnisse – natürlich nicht, um selbst komplett zu verwahrlosen. Irgendwann möchte ich ihre Leitplanke und ihr doppelter Boden sein – und ganz sicher immer ihr Zuhause. Deshalb dürfen sie in ihrem Tempo schlafen und essen lernen, und nicht in meinem. Und ob jetzt olympische Ringe oder Augenringe – so einen großen Unterschied macht das doch nicht.
*Ich weiß, durchschlafen heißt bei Babys fünf oder sechs Stunden am Stück. Komisch, diese Babys.
**Jetzt im Winter schauen wir oft morgens um 8 Uhr mal eine Folge irgendwas, wenn die Jungs nochmal ein Ründchen schlafen. Allerdings ohne Popcorn.

17 Kommentare Gib deinen ab

  1. kat+susann sagt:

    Du hast völlig recht, dieses Elterngetue, wann können sie in den Kindergarten, oder wir sparen auf einen Schüleraustausch, wenn sie 18 sind, hat mich immer erschreckt. Jetzt waren sie da und klein und anstrengend , aber bezaubernd, und jedes Kinderalter hat seine Besonderheiten und seine Kostbarkeiten. Die Zeit verfliegt so schnell, und auch die anderen haben keine perfekten Kinder. Und 3 Stunden am Stück! Wow! Das ist lang!

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    1. doppelkinder sagt:

      Oft kann es gar nicht schnell genug gehen bis zum nächsten Entwicklungsschritt und dabei verpasst man das hier und jetzt, das ist schade. Ich bin auch wirklich froh, dass sie bis auf wenige Ausnahmen nachts schon so gut schlafen und wiedereinschlafen.

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  2. dashuhn85 sagt:

    Ich sags dir, ab fünf stunden am stück fühlst du dich frisch wie nie, und nach irgendwann sechs stunden denkst du, du hättest ein wellnesswochenende hinter dir.
    Und ich finde, serien kann man immer gucken, egal zu welcher tages- und nacht zeit. Wie lange hat dein mann denn noch elternzeit? Oder ist die schon um?

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich bin auch richtig stolz auf meine Jungs, dass sie sich generell erstmal ziemlich gut ins Bett bringen lassen. Mein Mann hat bis zum Frühjahr noch ziemlich viel Zeit, er schreibt dann seine Bachelorarbeit und geht ab Sommer arbeiten. Das ist schon eine ziemliche Erleichterung!

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      1. dashuhn85 sagt:

        Ja es ist auch super, wenn sie schonmal gut ins bett gehen abends. Alles andere kommt auch irgendwann mit der zeit.
        Das mit deinem mann ist ja super! Es ist sooooo viel wert zu Beginn Unterstützung zu haben. Mein mann war drei monate zu hause und das war auch total wichtig, für uns alle vier. Habt einen schönen nikolaustag 😃

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      2. doppelkinder sagt:

        Danke, ihr auch!!!

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  3. Jana sagt:

    Durchschlafen wird doch total überbewertet liebe Juli – mein Exemplar hier hatte mit 3 Monaten mal ne kurze Phase „Durchschlafen“ und was hat es mir gebracht? Milchstau und ne dicke Brustentzündung, da war ich glatt froh dass wir bald wieder zum alten Nacht-Rhythmus (alle 3-5 Stunden wenn’s gut läuft) gefunden haben 🙂 Er ist jetzt 5 Monate und wird auch noch voll gestillt, finde diese Entwicklung (mit 3,5 Monaten Gläschen, mit 5,5 Leberwurstbrote) auch fragwürdig, aber muss ja jeder für sich wissen…
    Danke für diesen Beitrag! Ich verzichte auf Gold und Silber 🙂 LG, Jana

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    1. doppelkinder sagt:

      Die Zeit verfliegt ja eh schon so schnell und man verlangt viel von den Kindern, die ja doch erstmal mit ankommen und ihrer Entwicklung voll und ganz beschäftigt sind…

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  4. Kiki sagt:

    Du hast so recht! Jedes Kind sollte sich in seinem Tempo entwickeln dürfen! Wenn zwischendurch aus versehen mal durchrgeschlafen wird freuen wir uns- wenn nicht ist das auch ok!

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  5. Liebe Juli! Du hast das wirklich toll in Worte gefasst. Ich freu mich immer über Blogs, die mich zum Grinsen bringen. Ich habe auch Zwillinge, die sind schon 5 und ihre große Bruder 6, 1/2. Ich habe mich eben an diese intensive Zeit zurück erinnert… ändern kannste sowieso nix, also genieße sie. Ich hatte immer den Eindruck, genau die Leute, die den größten Druck aufbauen, in Sachen Wunderkinder, kochen auch nur mit Wasser. Und mein bestes Mantra für schwierige Tage funktioniert noch immer: Ist alles nur eine Phase!

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank! Meine Mutter sagt immer, es wird nirgends so viel gelogen wie bei der Kindererziehung- warum auch immer?! Und es stimmt, es ist immer nur eine Phase, das haben wir nach 15 Wochen jetzt auch schon spitz 🙂 viele Grüße

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  6. Das mit dem Schlafen ist ja schon mit einem Kind schwierig, aber mit zwei kleinen Babys ist das allein schon eine olympische Disziplin. Dafür meine Hochachtung. Natürlich freut man sich über jede Stunde Schlaf, weil damit ja auch wieder Normalität einkehrt. Das wird alles werden. Aber deshalb würde ich nicht sagen, dass man sich aus Bequemlichkeit „bequeme“ Kinder wünscht. Man wünscht sich nur einen geregelten Alltag. Also bei mir war das so.
    LG Anke

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke dir! Wenn alles glatt läuft, bekommen wir sie ganz gut ins Bett und sie schlafen relativ gut. Das System ist mit zwei Babys allerdings SEHR störanfällig 🙂 ja, das stimmt, man wünscht sich etwas Kraft, Verlässlichkeit und Normalität 🙂

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  7. Elisa sagt:

    Und wieder mal sprichst du das an, worauf es ankommt – ein Kind ist kein hübsches Accessoire, mit dem man sich dekorieren kann und dann einfach weitermacht, wie bisher. Das muss man sich nur immer wieder mal vor Augen führen, wenn man gerade dabei ist, das Kind in seinen Alltag reinzupressen, anstatt ihn nach den Bedürfnissen des Kindes auszurichten. Danke für den Boden der Tatsachen! 😙

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  8. juristin sagt:

    Ein wunderschöner Artikel! Ich finde es toll, dass Du die Kinder auch genießen kannst und das millimeterweise Streben in die Freiheit jetzt schon beobachtest – und es sehen kannst. Ja, jetzt brauchen sie viel Nähe, und später immer weniger. Das ist wirklich das beste, wenn man nicht darauf hofft, dass es immer einen Mittelweg gibt, sondern weiß, dass der Weg von ganz viel Nähe zu ganz wenig geht (und das sie mit 13-15 quasi losgelöst sind – und dann würden wir vermissen, was wir jetzt bedauern).

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke für deinen Zuspruch 🙂

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