Elternschaft: Beschäftigung unter unmenschlichen Bedingungen

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Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist Elternschaft eine absolute Katastrophe. So oder so ähnlich habe ich es neulich gelesen*. Nun, nach mehr als sechs Monaten im Dienst der Zwillbos kann ich das leider nur unterschreiben. Mich würde einmal interessieren, wie viele Stunden am Tag oder meinetwegen in der Woche ich mindestens 7,5 Kilo mehr mit mir herum schleppe – bestenfalls. Haben beide Zwillbos Laune, sind es – richtig! 15 Kilo. Mit 7,5 bis 15 Kilo ohne Flaschenzug aus dem Schneidersitz aufstehen – mittlerweile weiß ich ganz genau, wo sich meine Knie befinden. Besser gesagt, spüre ich tagtäglich deren Existenz. Denn sie schmerzen. Oberhalb meiner Knie verspüre ich seit geraumer Zeit so etwas wie einen Permanentmuskelkater. Ich schätze spätestens wenn die Kinder laufen können, habe ich Oberschenkel wie He-Man. Das sieht bestimmt spitze aus. 

Haltung bewahren. Mit Kind unmöglich.

Gehen wir mal davon aus, dass man die Kinder mittlerweile nach Möglichkeit einzeln trägt und dass es unterdessen selten geworden ist, dass beide gleichzeitig brüllen, als habe das letzte Stündlein geschlagen, dann stapft man also häufig mit 7,5 Kilo plus durch die Wohnung. Anders als beim Übergewicht, verteilen sich diese nicht auf den gesamten Körper. Nein, sie hängen irgendwo auf dem Arm. Ja. Sie hängen. Denn Babys haben oft eine Körperspannung wie ein nasser Sack. Zum Glück sehen sie entzückender aus. 

Weil man aber zuweilen trotz dieses kleinen Passagiers Dinge zu tun hat, veranstaltet man Bewegungen mit seinem Körper als wolle man demnächst als Frau ohne Skelett im Zirkus auftreten. 

Hausverbot in der Rückenschule

Und während man dann das holde Kind aus Ermangelung an dessen autarker Mobilität von A über B nach C schleppt, erklingt oft ein charakteristisches Geräusch. Pöck. Der Zögling hat das Vakuum im Mundraum gelöst und den Schnuller abgedockt. Prima. Schnullerkette? Fehlanzeige, benutzen wir zuhause selten, denn irgendwie hängt sie ja doch immer im Weg herum. Was macht das Muttertier? Bückt sich mitsamt Ladung oder geht in die Knie, um den Schalldämpfer aufzuheben. Spätestens jetzt würde man in jeder Rückenschule Hausverbot bekommen.

Nachts krümmen sich Eltern nicht selten wie ein Fragezeichen neben das halb schlafende Baby, halten dessen Ärmchen fest, damit der kostbare Schlaf nicht durch vehementes Augenreiben vorzeitig beendet wird. Oder sie streicheln im Liegen eine Stirn, um das Kind zum Weiterschlafen zu animieren – ausgesprochen bequem! Zumindest wenn man nach sechs Monaten Schlafentzug froh ist, überhaupt zu liegen. 

Mangelnde Ruhezeiten

Hält man den Nachwuchs zum Stillen oder Fläschchen geben im Arm, ist die Körperhaltung auch nicht unbedingt die einer Ballerina. Nein. Sie gleicht eher der eines speziellen Pariser Glöckners. Quasi. Ich halte fest: In naher Zukunft werde ich über He-Man-Oberschenkel und einen Buckel verfügen, das wird bestimmt prima aussehen. 

Apropos nachts. Die Pausen- und Ruhezeiten können sich unmöglich die Natur oder der Schöpfer ausgedacht haben! Die gehen doch garantiert auf die Kappe eines nordkoreanischen Diktators. 

Gefahren lauern für Eltern sowieso an jeder Ecke. Oder habt ihr euch noch nie den Fuß am pädagogisch wertvollen Holzspielebogen gestoßen oder seid barfuß auf eine Rassel getreten? Ich vermute auch, dass mein Gehör besser wegkommen würde, wenn ich als Fluglotse ohne Gehörschutz auf dem Rollfeld des Frankfurter Flughafens Jumbojets ihren Weg an Boden oder in die Luft weisen würde. Erst gestern Morgen wurde mir minutenlang stereo in die Ohren gebrüllt – das Fiepen hält noch immer an. 

Geruchsbelästigung

Auch die olfaktorischen Bedingungen werden im Laufe der Zeit nicht besser. Ergänzt erstmal Brei aus Gemüse oder gar Fleisch Babys Speisezettel, erscheint der Umgang mit kritischen Substanzen wie etwa beim Giftmobil oder die Tätigkeit in einem Klärwerk gar nicht mehr so dramatisch. Aber wie pflegen verzweifelte Eltern doch immer dreckig zu lügen: Wenn die Babys einen morgens anlächeln ist das alles vergessen.

*Eva Solmaz – Besucherritze: Ein ungewöhnliches Schlaflern-Buch. 

10 Kommentare Gib deinen ab

  1. 😂😂😂 Die Frau ohne Skelett (dafür im schwarzen Paillettenkleid!) mit ihren beiden verschobenen Möpsen Quasi und Modo. .. entschuldige bitte, der arbeitsmedizinische Dienst wird anhand dieses Gutachtens wohl eher kein Pflegegeld oder Hilfsmittel bewilligen, dann wäre deine Beschreibung nur noch halb so lustig! 😙

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh ja, Pailletten sind obligat!!!

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  2. Tabea sagt:

    Gerade musste ich herzhaft lachen. Habe ich doch vor 15 min einem der zwei Jungs erklärt, dass ich ihn nicht mehr ständig tragen kann, weil mir alles weh tut. Dass es aufhören muss mit seinen Extrawünschen bezüglich des Einschlafens auf den Arm gepaart mit dem Hüpfen auf den Gymnastikball… Er hat sich dann mal kurz erbarmt, und ist ausnahmsweise in der Federwiege eingeschlafen. Natürlich nicht, ohne dass ich die Wiege geschaukelt und gleichzeitig seinen linken Oberschenkel gestreichelt habe. Haltung lässt grüßen ☺️

    Mein Vorschlag für deinen nächsten Dienstag: Massage 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, diese Hüpferei kenne ich auch noch 🙈. Es ist besser geworden und manchmal schlafen sie einfach so im Liegen ein. Aber die Federwiege ist nach wie vor unentbehrlich!!!

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  3. C. sagt:

    Ich sehe es so: Andere gehen zum Crossfit,ich schleppe meine Zwillingsjungs 😂

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    1. doppelkinder sagt:

      😂 richtig, wozu Kursgebühren ausgeben!?

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  4. yeahnja sagt:

    Meine zwei sind erst 11 Wochen, und langsam verlassen mich die Kräfte bei der allzeit beliebten Kombi „Tragetuch und Fliegergriff“. Überlege schon fieberhaft, wie ich künftig beide gleichzeitig schleppen soll.
    Werde nun vermehrt Spinat essen (#inLovewithPopeyesUnterarmen) und nach menschlichen Tragehilfen googeln.

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    1. doppelkinder sagt:

      Ja, ich kann dir garantieren, es bleibt anstrengend – aber auch machbar! Ich finde es toll, dass du trägst, das ist so gut für die Kinder!!! Liebe Grüße!

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