Wie ich das Wimpern Tuschen zur olympischen Disziplin erhob

Wenn ich heute darüber nachdenke, mit welcher Hingabe ich mir früher im Badezimmer die Wimpern getuscht habe, kann ich nur den Kopf schütteln. Oder Tränen lachen. Denn oft würde mir dann mangels Mascara nicht einmal die selbige verlaufen. An manchen Tagen ist mir der bunte Reigen nämlich schlichtweg zu anstrengend. 

Früher habe ich mir die Wimpern getuscht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Manchmal habe ich – ja, wirklich – die Wimperntusche sogar wieder entfernt, wenn mir das Resultat nicht gefallen hat, und neu getuscht. Hahahaha, die Zwillingsmutter in mir haut sich unter schallendem Gelächter, das ins Hysterische changiert, aufs Knie. Heute gehe ich oft mit Gefolge ins Badezimmer. 

Das Bad ist ein magischer Ort

Theoretisch könnten die Zwillbos einfach in der angrenzenden Diele oder Küche weiterspielen, ich hätte sie zumindest akustisch unter Aufsicht. Aber das Badezimmer ist in dieser Wohnung offenbar ein magischer Ort. Dort stehen spannende Gerätschaften wie Waschmaschine und Trockner. Dort befindet sich die abgöttisch geliebte Badewanne. Dort kann man – wenn die Mutter nicht schnell genug interveniert – kilometerweise Toilettenpapier abrollen und verzehren, Damenhygieneartikel in die Wäschetrommel werfen oder die Bodendurchlüftung der einzig verbliebenen Grünpflanze im Haus (neben einem Kaktus und irgendetwas Unkaputtbarem im Flur) manuell fördern. 

Herzlich Willkommen im Kinderparadies!

Die Klobürste wurde bereits in Gefilde verbannt, die höher liegen als Zwillbo-Arme lang sind, und der Kosmetikeimer so vom Wäschekorb zugeparkt, dass ein unerwünschtes Nachsortieren des Abfalls durch Kinderhände nahezu ausgeschlossen werden kann. Gegen unsere Nasszelle – denn viel mehr gibt das Bad quadratmetermäßig nicht her – ist das Phantasialand wohl ein ödes Tal der Tränen, ein Ort des Kummers und der Langeweile. 

Kurzum: Sobald sich die Badezimmertür öffnet stürzen die Halblinge aus den entlegensten Winkeln der Wohnung herbei. Schließt sich die Tür vor ihren Augen wieder und bleiben sie davor zurück, bricht augenblicklich ein tränen- und gebrüllreiches Drama herein. Wenn also ein Elternteil mal eben allein zur Toilette verschwinden möchte und die Kinder bekommen Wind davon, ist hier mächtig was los. 

Badezimmer-Begleitung

Wenn ich also allein über die Brut wache und mir vor dem Verlassen des Hauses noch ein Gesicht malen möchte, tue ich das also in Begleitung der Kinder. Ich denke ernsthaft darüber nach, das Schauspiel einmal zu filmen und es beim Internationalen Olympischen Komitee einzureichen, auf dass das Schminken im Beisein von Kleinkindern alsbald Teil des Wettbewerbs zu werden vermag. 

Ich zücke also das Mascara-Bürstchen und fange an zu tuschen. Ich werfe schnell einen Blick über die rechte Schulter und sehe, dass Pepe beginnt, Bausteine in der Waschmaschine zu platzieren. Ich mache mir rasch einen mentalen Vermerk, vorm nächsten Waschgang die Trommel zu inspizieren. Beim Blick über die linke Schulter sehe ich, dass Mads beginnt, sich durchs Erdreich der Palme zu wühlen. Ich sage ihm, dass das nicht in Ordnung ist. Mads grinst und gräbt weiter. Ich lege die Tusche zur Seite, setze den Aggressor ein Stück vom Blumentopf entfernt auf die Erde und drücke ihm einen ausrangierten Schminkpinsel in die Hand. 

Ich beginne den Tuschvorgang erneut. Pepe kommt von rechts, offenbar findet er Gefallen an der Puderquaste und greift beherzt zu. Ich nehme an, Höflichkeit ist ein Feature, das Kinder erst bei einem sehr, sehr späten Update speichern. Mads hält den Pinsel fest als hinge sein Leben daran. Pepe hat zwar etwas mehr Kraft, dafür aber weniger Körperkontrolle als sein Zwilling. Das Zankobjekt flutscht seinem Bruder durch die Finger, Pepe verliert das Gleichgewicht und donnert mit dem Hinterkopf auf den Badezimmerboden. 

Atmen nicht vergessen

Beide Kinder brüllen. Ich lasse die Wimperntusche fallen und tröste. Pepe darf jetzt mit der Haarbürste spielen, Mads bekommt den Schminkpinsel zurück. Ich tusche noch mal kurz nach, versuche mich daran zu erinnern regelmäßig ein- und auszuatmen und werfe einen Blick auf meine Nachkommen, ob heute weitere Make-up-Optionen bestehen. Unterdessen stehen beide Kinder vor der Badewanne und haben begonnen, alles hinein zu werfen, was nicht niet- und nagelfest ist. Soll mir recht sein. 

Ich beginne, meine Augenbrauen nachzuziehen, und mache mir eine weitere gedankliche Notiz, sie demnächst mal wieder färben zu lassen, damit ich mir das schon mal sparen kann. Hinter meinem Rücken ist es verdächtig ruhig. Ich sehe, dass sich Pepe in die Lücke zwischen Waschbeckenunterschrank und Wanne zwängt und nach der Flasche mit dem Badreiniger angelt. Mist, ich dachte, der steht dort noch sicher. Mads beginnt indes, sich zum Toilettenpapierhalter durchzukämpfen. 

Ich habe die Kontrolle über unser Badezimmer verloren.
Ich wäge schnell ab, wen ich zuerst ausschalten muss. Pepe nimmt mir die Entscheidung ab, indem er losbrüllt. Ärgerlicherweise steckt er zwischen Schrank und Badewanne fest. Ich befreie den Langfinger, setze ihn vor die Waschmaschine und schnappe mir seinen Bruder, der gerade kopfüber in den Wäschekorb stürzt, der Toilettenpapier und Kosmetikeimer abriegelt. Mit dem Kind auf dem Arm werfe ich einen Blick in den Spiegel und mache mir die mentale Notiz, noch die Mascara-Reste um meine Augen herum zu entfernen, bevor ich das Haus verlasse. 

Tempo ist von Nöten

Ich setze Mads unter lautem Protest in der Diele ab und sprinte zu seinem Zwillingsbruder hinüber. Tempo ist von Nöten, da das abgesetzte Kind bereits wieder mit Vollgas auf die Badezimmertür zukrabbelt. Ich nehme Pepe hoch und stelle mich Mads in den Weg, der in dieser Sekunde den Türrahmen erreichte. Ich versuche, ihn mit sanfter Gewalt zurück in die Diele zu schieben und die Badezimmertür hinter mir zu zu ziehen, ohne ihm die Finger einzuklemmen. Pepe findet das so lange amüsant, bis ich ihn absetzt, seinen Bruder von der Tür entferne und selbige schließe. Immerhin brüllen jetzt beide Kinder und ich kann das Fass endgültig voll machen, indem ich sie noch einmal wickele. 

Gut 20 Minuten später rinnt mir der Schweiß den Rücken herunter, aber wir drei stehen halbwegs vorzeigbar unten vor der Haustür. Ich mache schnell noch ein Selfie, damit der Zwillbo-Papa unterwegs auch sehen kann, wie gut ich unser Leben im Griff habe. Als ich sehe, dass ich mit der überschüssigen Wimperntusche um meine Augen herum aussehe wie ein Waschbär, entscheide ich mich dagegen, das Bild abzuschicken. Stattdessen setze ich eine Sonnenbrille auf und schiebe los.

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. *haha* Treffender könnt ich es nicht formulieren 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      😃 unglaublich, dass man es doch irgendwie schafft!

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  2. Hanna sagt:

    *Lach, kreisch* ;-))))…und dabei haben sie, wenn ich das richtig interpretiere, ihre motorische Fähigkeiten noch gar nicht vollkommen ausgeschöpft… oder laufen und klettern sie schon?
    Liebe Grüsse von Hanna

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    1. doppelkinder sagt:

      Jap, richtig! Obwohl mir Pepe heute vom Klo gestürzt ist, als ich nicht hingeschaut habe, er klettert fleißig 🙈

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  3. danynoe sagt:

    Da gibt’s nur eins, Spiegel in der Diele anbringen und da tuschen 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Darüber habe ich auch schon nachgedacht, aber die Lichtverhältnisse…! 😃

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