Größere Augenränder, kleinerer Freundeskreis

Vieles hat sich seit Geburt der Zwillbos vor einem Jahr geändert. Die messbare Tiefe meiner Falten, der Radius meiner Augenringe, die Anzahl der Küsse, die ich tagtäglich verteile, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine der tiefgreifendsten Veränderungen hat sich jedoch in dem sozialen Gefüge vollzogen, in das wir eingebunden sind. 

Irgendwie sind langjährige Freunde in der Versenkung verschwunden, noch bevor ich überhaupt das Vergnügen hatte, ihnen Optik und Konsistenz der Ausscheidungen meiner Kinder zu erläutern. Und über Stillprobleme, Bäuerchen und Zäpfchen gegen Koliken konnte ich auch nicht ausschweifen. Darum fühle ich mich ein wenig betrogen, ich hätte diese Menschen schon gerne verdient und höchst persönlich vergrault. Oder ich hätte einen der Zwillbos mal auf exklusives Kleidungsstück spucken lassen. Aber so?! 

Grund für Freundesschwund unbekannt

Vielleicht befürchtete der eine oder andere stundenlange Referate aus oben angeführten Themenkreisen. Oder aber man bangte, selbst einmal eine Nachtwache übernehmen zu müssen. Ehrlich gesagt, kenne ich den oder die Gründe für den eklatanten Freundes- und Bekanntenschwund nicht. 

Ich hatte immer viele nähere und fernere Menschen um mich herum. Ein gewisser harter Kern ist geblieben. Selbstverständlich sehen wir uns in anderen Intervallen, zu anderen Uhrzeiten und untermalt von einem vollkommen anderen Geräuschpegel – obwohl die Zwillbos einem gutbesuchtem Rockfestival durchaus gleichkommen. Aber wir sehen uns, und dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich weiß, dass es anders ist als früher. Dass es viel um die Jungs geht. Dass wir weniger flexibel sind. Dass ich weniger gut zuhöre, weniger konzentriert bin und manchmal weniger nachfrage. Doch ist es für diesen harten Kern offenbar in Ordnung. 

Freunde sind wie Sterne, manche verglühen (Bild via Pinterest).

Andere sind irgendwie einfach von unserem Horizont gestürzt, schöne Freundschaftssterne, die unerwartet im sozialen All verglühten. Doch sind auch noch nie zuvor so viele neue Freundschaftsplaneten in unsere Umlaufbahn getreten wie seit der Geburt der Kinder. Menschen, die hilfsbereit, ermutigend, loyal und zuverlässig sind, wie man es selten zuvor erlebt hat. Das lässt uns staunen und ebenso dankbar sein. 

Digitale Freundschaften sind möglich
Da sind auf einmal Menschen um einen herum, die man kaum ein paar Monate kennt. Und dennoch löst man die Treffen mit ihnen eigentlich nur auf, weil man irgendeine Breispeise zubereiten und füttern muss oder weil man – aus Erfahrung vernünftig geworden – an pünktlichen Schlafenszeiten festhalten möchte. Zudem gibt es – Blog sei Dank! – auch Menschen in meinem Leben, die mehr oder weniger nur schriftlich kenne. Aus ausgetauschten Mails, Whatsapp-Nachrichten und -Bildern oder sozialen Netzwerken wie Instagram. Auch das hätte ich niemals zuvor für möglich gehalten! Es gibt digitale Freundschaften, ohne die ich vermutlich die ersten Monate des Mutterseins nicht ohne diverse Adoptionsanträge überstanden hätte. Auch haben sich bestehende Freundschaften intensiviert und die Beziehung zu meiner Familie ist jetzt noch von viel mehr Herzensnähe gespeist. 

Natürlich bin ich traurig über verlorene Freunde. Das tut mir manchmal weh, piekst gelegentlich meine Seele und meinen Stolz. Doch das, was seit der Schwangerschaft und der Geburt der Zwillbos erblüht, wiegt vieles davon auf. 

Ich bin noch ich, mit meinem alten Leben, an das ordentlich angebaut wurde. Und um neue Räume zu schaffen, müssen wohl manchmal alte Wände einstürzen. Weil ich mir jetzt aber selbst gerade zu metaphorisch werde, sage ich einfach „Danke“! Danke, meine Söhne, dass ihr unser Leben so sehr schüttelt, dass ihr alte Strukturen aufbrecht und auch uns ein ganz neues Leben schenkt. 

Und auch Danke an so viele gute Menschen in unserem Leben!

14 Kommentare Gib deinen ab

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich bin selber Zwillingsmutter, und kann alles was du sagst sehr gut nachvollziehen!

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    1. doppelkinder sagt:

      Mit Vergnügen 🙂

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  2. Kathi sagt:

    Kenne ich in Teilen…. Neulich großes Unverständnis, dass wir nicht mit auf eine Tour mit gechartertem Segelboot kommen wollen, mit dann 4,5 Jähriger und 1,5 Jährigem.

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    1. doppelkinder sagt:

      Koooomisch, warum denn nur?! 😉 jetzt mal im Ernst: Es gibt weiß Gott bessere Orte für Kleinkinder!

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  3. Karolin sagt:

    Hallo Juli,
    Ich wollte Dir schon längst Danke sagen für viele laute Auflacher die ich unlängst hatte als ich mich rückwärts durch Deinen blog gepflügt habe. Ich befand mich beim Lesen gerade in der Beim-essen-verstehe-ich-keinen-spaß-übelkeits-phase und konnte die Tränen über ungefragt gegessene letzte Nudeln sehr gut nachvollziehen. Tröstend war das!

    Jetzt bin ich im vierten Monat und mache mir Gedanken darüber wie sich mein Freundeskreis wohl verändern wird. Es ist gerade wirklich sehr überraschend wie unterschiedlich auf die Schwangerschaftsnachricht reagiert wird. Menschen von denen ich das nie erwartet hätte reagieren mit wirklich allerliebsten Freudentränen und es ist so schön zu fühlen wie sehr sich für uns gefreut wird. Leider gibt es auch einige wenige andere Reaktionen (für die ich alles Verständnis habe, war ich doch selbst lange diejenige die eher verhalten-traurig-sehnsüchtig auf ebensolche Nachrichten reagiert hat), und ich frage mich was die Zukunft für diese Freundschaften bringt. Dass neue Freundschaften dazu kommen werden ist auf jeden Fall zum Freuen!

    Ich schick Dir und Euch liebe Grüße und nochmal: Ein dickes Danke fürs Lesevergnügen!
    Karolin

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  4. Karolin sagt:

    Oh Gott ist das lang geworden, tschulligung!

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    1. doppelkinder sagt:

      😂 danke für deinen ausführlichen Kommentar, ich liebe diesen Austausch und freue mich immer wahnsinnig zu lesen, wie es anderen Schwangeren und Müttern ergeht und wie meine Texte aufgenommen werden – klasse!!!! So, nun aber endlich mal herzlichen Glückwunsch zu deiner Zwillingsschwangerschaft, gib bloß nichts zu essen ab!!!! 😂 In Bezug auf die Freunde kann ich nur sagen, dass es natürlich traurig ist, dass einiges auseinander gegangen ist, die Menschen, die mein „neues“ Leben ausmachen, das aber hundert Mal wieder gut machen – und dazu gehören alte und neue Freunde. Alles Gute für die kommenden schwangerschaftsmonate und die Zukunft mit euren Kindern. Ich freue mich, von euch zu hören! Alles Liebe, Juli

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      1. Karolin sagt:

        Danke für die Glückwünsche! Is nur ein kleines Wesen in meinem Bauch, aber ich freu mich mindestens doppelt! 🙂

        Happy Day!
        Karolin

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      2. doppelkinder sagt:

        Uah, na, das hab ich ja prima geschnallt! 😂 egal, so oder so ist es toll!!!

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  5. mme ulma sagt:

    es ist so herrlich erfrischend, hier zu lesen – und lässt meinen mut, was die zwillingsbubenmamaaufgabenbewältigung betrifft, durchaus erfolgreich wachsen; und nebst mut auch auch die vorfreude.

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, das freut mich aber zu lesen! Ich glaube, ich kann deine Stimmung ein wenig erinnern, ich war auch arg in sorge, angesichts der Aufgabe, die auf uns zukommt. Doch es wird werden! Versprochen!

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  6. Jessica sagt:

    Liebe Juli,

    Ich lese jetzt seit etwas über einem Jahr deinen Blog und habe immer sehr viel Spaß dabei 🙂
    Immer finde ich deine Geschichten authentisch und lustig, oft bewegend, aber dieser Artikel hat tatsächlich einen wunden Punkt bei mir getroffen und ich habe die letzten Tage vermehrt über das Thema nachgedacht. Ich bin jetzt seit 5 Monaten Mutter einer süßen Tochter, ja, und auch mir sind Freunde abhanden bekommen, bzw. habe ich auch solche „Freunde“, die die kleine noch nicht gesehen haben. Gut Hamburg ist groß, aber sooo groß dann halt auch wieder nicht…
    War ich bei früheren Ferundesverlusten (scheinbar gibt es das ja immer mal wieder im Leben) immer sehr verletz, stört es mich – zumindest momentan – eher weniger. Ich denke das es daran liegt, dass ich wahrscheinlich einfach wenig Zeit habe darüber nachzudenken, aber auch daran, dass ich auf der Habenseite ein wahnsinniges Plus habe. Zum einen das Baby an sich, aber auch durch neugewonnene Freundschaften und alte Freundschaften die sich verändert und weiterentwickelt haben.
    Danke, dass du uns an deinem Leben teilhaben lässt und auch immer mal wieder zum nachdenken bringst.

    Liebe Grüße, Jessica

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    1. doppelkinder sagt:

      Hallo Jessica, es freut mich total, dass dir mein Blog so gefällt und ich freue mich immer, wenn mir Menschen auch von sich erzählen – schade nur, dass es unter dem Gesichtspunkt einer solchen Erfahrung sein muss, wenn du verstehst, was ich meine. Fünf Jahre! Das sollte man ja wirklich meinen, dass innerhalb der selben Stadt eine Möglichkeit gewesen wäre. Das ist echt traurig und schmerzhaft. Ich muss sagen, dass es mich mittlerweile auch nicht sonderlich stört, und dass tatsächlich kaum Zeit bleibt, darüber nachzudenken. Ich hoffe, du konntest durch deine Maus ein paar patente Eltern-Freunde hinzugewinnen. Ganz liebe Grüße! Juli

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