„Zwillinge? Wie schafft man das eigentlich?!“

Eine Antwort vorweg: Ich weiß es eigentlich selbst nicht genau. Aber plötzlich ist zwischen Windeln wechseln, stillen, füttern, verliebt und verzweifelt sein, mit anderen Eltern lachen und klagen das erste Zwillbo-Lebensjahr vorüber. So sehr unser Alltag auch immer wieder auf dem Kopf steht, ich denke, eines kann dem Zwillbo-Papa und mir niemand mehr nehmen: Das Gefühl, irgendwie ein riesiges Stück im Zwillingselterndasein angekommen zu sein.

Wir passen beim Wickeln auf wie die Luchse, damit der zweite Halunke die randvolle Windel nicht noch unter unabgewischten dem Hintern des Bruders wegmopst. Auf dem Spielplatz, in der Wohnung, wo auch immer können wir mit zwei kurzen Blicken binnen Sekunden abschätzen und entscheiden, welches Kind sich jetzt gerade in die fatalere Situation gebracht hat und dringender vor einem gesundheitsbedrohlichen Absturz bewahrt muss. Ebenso sehen wir sofort, wessen Tränen zuerst getrocknet werden müssen, und wir wissen, wie man im Zweifelsfall auch tandem tröstet. Wir wissen, dass zwei Kleinkinder beim Füttern eine unfassbare Dezibelzahl erreichen können – sowohl durch Freuden- als auch durch Protestgeschrei. Oder eine Mischung aus beidem. 

Es geht drunter und drüber. Aber es geht.

Ganz sicher werden uns Kita- und Schuljahre, Trotzphasen und Pubertät immer wieder Tage bescheren, an denen wir uns fragen werden, wer zum Kuckuck uns hoffnungslosen Dilettanten zwei Kinder auf einmal anvertrauen konnte. Dennoch erreicht man im Laufe der ersten zwölf Monate immer wieder gewisse Plateaus, auf denen zwar jedes Körperteil schmerzt vor Anstrengung, an denen neu über den gesetzlich erlaubten Koffeingehalt von Kaffeebohnen und explizite Menschenrechte für Eltern diskutiert werden müsste, die einem aber dennoch Atempausen verschaffen – und nicht nur die. Sie erlauben uns zwischen den nächsten Zahnungs- oder Erkältungsdramen Momente, in denen wir voller Stolz und Verwunderung auf unser neues Leben blicken und uns gut darin fühlen. Wir spüren, dass wir gut darin sind, Zwillbo-Eltern zu sein. Mal besser, mal schlechter, aber immer so gut wie es uns möglich ist und das ist sicherlich ausreichend gut. 

Mantra einer Zwillingsmama 

Dieser Tage denke ich oft an einen Satz, den mir in der Schwangerschaft eine wirklich elternlebenserprobte Zwillingsmama mit auf den Weg gab. Ich muss daran denken, weil ich mich als Doppelkinder-Mama oft angekommen fühle und wir unseren Alltag bewältigen, und weil mir über den Blog und diverse Social-Media-Kanäle viele werdende Zwillingseltern schreiben. Mir schreiben Frauen und Männer, die sich genau wie ich vor mehr als einem Jahr zwar auf ihre Kinder freuen, die – um sehr treffend eine Freundin von uns zu zitieren – aber gleichzeitig das Gefühl haben, auf einen Wasserfall zu zu schwimmen. Und mal ganz ehrlich? Wer hätte das angesichts des Lebens mit zwei nagelneuen Säuglingen nicht? Schließlich sind unser aller Ressourcen und Arme begrenzt. 

Der Satz, den die fabelhafte Kerstin von Chaoshoch2 mir schrieb, lautete: 

„Zwillinge suchen sich ihre Eltern mit Bedacht aus.“

Und ich habe mich während der gesamten Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres der Zwillbos daran geklammert und ihn mir wie ein Mantra immer wieder aufgesagt. Ich habe mir keinen Zweifel daran gestattet, sondern mir befohlen trotz innerlich nahezu permanent schlackernder Knie darauf zu vertrauen. Und nun, viele, viele Monate später kann ich immer mehr nachempfinden, was Zwillingseltern meinen, wenn sie sagen „das rockt!“ oder „es ist ein Privileg“. 

Es lässt das vom Leben übrig, was man braucht

Ja, es ist viel, es ist krass, es wird einem den Boden unter den Füßen wegziehen (und gegen einen Spieleteppich austauschen), es wird alle Karten neu mischen, einem das Herz auf links drehen und wieder zurück. Es wird einen an die eigenen Grenzen bringen und darüber hinauswachsen lassen. Liebe zukünftigen Zwillingseltern: Es wird euch schütteln und rühren und genau das vom Leben übrig lassen, was ihr braucht. Mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Aber es wird gut werden. Mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Dann kommen die Tage, an denen ihr staunend vor diesen Kindern sitzt, an denen ihr sie und euch selbst bewundert. Zu Recht. Und schon am nächsten Morgen werdet ihr nach einer gruseligen Nacht um euer altes Leben weinen. 

Das Leben mit Zwillingen fetzt. Tatsächlich.

Ich kann nur empfehlen, sich dann und wann die guten Momente zu notieren. Wenn die Kinder es zulassen, ruhig tagtäglich, eine kleine Notiz ins Handy mit dem, worauf man an dem Tag stolz sein kann, mit dem, was sich gut und richtig angefühlt hat – und wenn es nur bedeutet, dass man nicht den Verstand verloren hat. In Situation, in denen man dann den Verstand zu verlieren droht, kramt man schnell die Erinnerung an gute Kinderzeiten hervor. Nicht um sich selbst mit pseudopositivem Denken zu manipulieren, sondern einfach, um sich ins Gedächtnis zu rufen, dass es auch schon mal gut lief und dass diese Tage wiederkommen. Mir jedenfalls hilft das enorm, harte Phasen durchzustehen. 

Fast noch überlebensnotwendiger sind andere Betroffene. Eltern gleichaltriger Kinder – am besten andere Zwillingseltern. In unserem Fall kann ich glücklicherweise sagen, die finden sich irgendwie. Bei der Rückbildungsgymnastik oder sie laufen euch tatsächlich einfach schnurstracks über den Weg. Dann tut ihr gut daran, sie mit eurer Telefonnummer zu belästigen und euch zu verbünden. Ansonsten vermitteln zuweilen Jugendämter, Hebammenpraxen oder Mütterzentrum Kontakte zu anderen Zwillingseltern. Zudem existieren Facebookgruppen – die man allerdings mögen muss. Ich persönlich habe während der Schwangerschaft viele andere werdende Zwillingsmütter bei Instagram kennengelernt. Unsere Whatsapp-Gruppe war insbesondere in den ersten Lebensmonaten der Kinder unglaublich hilfreich, einfach nur, um immer wieder lesen zu können, dass es anderen genauso geht.

Kerstin hat übrigens vor einiger Zeit einen sehr ermutigenden Text für werdende Zwillingsmütter geschrieben. Ihr findet ihn hier.

32 Kommentare Gib deinen ab

  1. fraubpunkt sagt:

    Ach herrlich. Danke für diesen schönen Artikel 🤗😊 Meinste das Mantra ließe sich auch auf Drillinge übertragen. 😎🤗😊

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    1. doppelkinder sagt:

      Sag nicht, du erwartest Drillinge?! Heissa!!!! Ich bin mir sicher, für Drillinge gilt es erst recht!!!

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      1. fraubpunkt sagt:

        Doch, genauuuu das erwarten wir 😍😊💙💙💙

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      2. doppelkinder sagt:

        Yeah!!! Herzlichen Glückwunsch!!! Das wird garantiert troubelig, aber bestimmt auch ganz, ganz toll! Wie weit bist du jetzt?

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      3. fraubpunkt sagt:

        30+3 heute 🤗 ich hoffe ein wenig kommt noch dazu 🤗🤗🤗

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      4. doppelkinder sagt:

        Wahnsinn, das ist ja schon total gut und weit. Mensch, du bist zu viert in deinem Körper, meinen allergrößten Respekt und noch eine gute restliche Schwangerschaft. Ich würde mich sehr freuen, von euch zu hören!

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  2. Liebe Juli! Du triffst mal wieder den Nagel auf den Kopf 🙂 Wie so oft! Ich muss Deinen wunderbaren Beitrag gleich auf meiner Facebook-Blogseite verlinken – Echt lesenswert 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Danke und mit dem größten Vergnügen, du Liebe 😊😘

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  3. melverenice sagt:

    Mensch jetzt machste mich fast neidisch, dass ich „nur“ nen Einling hab. 😜

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach, wie ich deine Biene 🐝 einschätze, hat sie Temperament für zwei 😃

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  4. Ann-Kathrin Werner sagt:

    Wie wahr! Sehr schön geschrieben liebe Juli, sehr schöner Blog den ich gerne aus vollster Empathie mitverfolge…
    Und die liebe Kerstin hat es auch sooo toll geschrieben.
    Liebe Grüße, immer wieder schön von anderen Zwillis Eltern zu lesen,✌ Anni mit Jonathan & Leopold (15 Monate )

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, vielen Dank für deine Worte 😊 Du hast recht, ich lese und höre generell gerne von anderen Eltern, aber Erfahrungen mit Zwillingseltern zu teilen, kann noch mal mehr Mut machen, mehr schmunzeln lassen etc. Liebste Grüße an dich und deine Jungs mit den schönen Namen! 🙂

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  5. Schön zu hören, dass obwohl es alles andere als leicht für Euch war, ihr Euch so tapfer geschlagen habt 🙂 egal was noch kommt – im Doppelpack 😉 – ihr schafft das 🙂

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  6. Frau Stabel sagt:

    …und schon wieder bringst du es auf den Punkt! 😉 Danke dafür!!! Das Zwillings-Mantra hab ich mir direkt mal für „schlechte Tage“ abgespeichert 👍

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  7. mme ulma sagt:

    wieder so wunderbar ermutigend, hab tausend dank.

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    1. doppelkinder sagt:

      Mit Vergnügen 😃

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  8. Katya sagt:

    Wie wahr deine Worte doch sind. Und haben mir wirklich ein Lächeln ins Gesicht gezaubert… Vorallem das mit dem „Verstand verlieren“ trifft es wie den Nagel auf den Kopf
    Stolz teile ich diesen Artikel auf Facebook.
    GLG an deine Gang von meiner Gang
    Katya mit Joy & Patrick (3Jahre und 7Monate) – ohne Kindergartenplatz bis jetzt!

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank, liebe Katya, das freut mich sehr! Liebe Grüße!!!!

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  9. Tanja sagt:

    Danke ,tol geschrieben . 💖 meine Twins sind jetzt schon 5jahre und es ist ein tolles Abenteuer 😍

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    1. doppelkinder sagt:

      Dankeschön!!! Fünf ist auch ein tolles Alter, finde ich! Ganz liebe Grüße!

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  10. Tanja sagt:

    Mensch da sind die sind Zwillbos schon ein Jahr. Wird mal wieder Zeit für ein Treffen in der Turnhalle.
    Liebe Grüße Tanja mit den Raketen

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    1. doppelkinder sagt:

      Ja, unglaublich, oder?! Das stimmt, das würd jetzt bestimmt fetzen. Trefft ihr euch noch?

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  11. Pepe&3 sagt:

    Meine Zwillis sind jetzt 13, die Große ist 14 und ja, fraubpunkt, 3 Wickelkinder sind zu überleben und was Besonderes. Kenne auch ein paar coole Drillingsmamas … ich glaube, die Extraportion Kraft & Galgenhumor bekommt man gratis dazu!! Doppelkinder, dein Beitrag trifft es auf den Punkt und da kommt noch ganz viel Spaß und Liebe auf euch zu, freut euch drauf!

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    1. Ute Müller sagt:

      Das hört sich fast an wie bei uns: der Große ist grad 10 geworden, seine Zwillingsbrüder sind 17 Monate jünger als er 😉 Also hatten wir zu den Doppelbabies noch ein quirliges Kleinkind zu bewältigen. Das war eine heiße Zeit. Irgendwie sind wir wie in Trance da durch, zumindest fühlte es sich nach 2 Jahren so an, als endlich der Streß weniger wurde, die Atempausen etwas öfter und länger und man endlich ein wenig zur Ruhe kam bei dem ganzen Kinderchaos. Als endlich alle mal im Kindergarten angekommen waren und Mama herausfinden musste wie man diese ungewohnte und verlernte freie Zeit nutz. Jetzt ist es schön, die drei können viel miteinander machen und sind ein tolles Team. Aber diese ersten 2 Jahre mit 3 so Zwergen haben viel abverlangt und ich bin froh aus der Zeit heil rausgekommen zu sein.

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      1. doppelkinder sagt:

        Wow, Hut ab! Toll, dass ihr das so geschafft habt. Wenn die beiden Raketen hier in die Kita gehen, wird das bestimmt reichlich komisch für mich! 😃

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    2. doppelkinder sagt:

      Wow, dann ist es definitiv zu überleben 😃 jetzt noch die Pubertät! 😂 ganz liebe Grüße!

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  12. Hanne sagt:

    Sooooo schön geschrieben 😍
    Wahre Worte..unsere Zwillinge sind 11 Monate und wir sind unheimlich stolz Zwillingseltern zu sein😍😍

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank!!! Und das könnt ihr auch sein! Alles Gute für euch!!

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  13. Elfchenmom sagt:

    Super Text! 👍🏻👏🏻 Meine Drillis sind jetzt 3 1/2, der Satz meines Arztes: Sie bekommen die 3 weil sie das schaffen hat mich durch so manchen Moment gerettet. 😆 Jetzt sind sie im Kiga, was mache ich nur in der Zeit? 😅

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank! Drillinge?! Meinen allergrößten Respekt!!!!!! Ganz liebe Grüße!

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