Es ist aus und vorBrei! 

Kinder sind nichts für mich. Naja, oder sagen wir mal, sie sind nichts für den einen Teil meines ambivalenten Wesens. Für den Teil, der nicht so wahnsinnig gerne Veränderungen anstrebt und durchlebt. Aber wenn es hier mal Veränderungen hagelt, dann seitdem die Zwillbos auf der Welt sind. Wenn also jemandem mal ganz schwer nach Tapetenwechsel ist, der könnte Kinder bekommen, beispielsweise Zwillinge. Die sorgen schon dafür, dass man sich nicht all zu bequem in seinen Gewohnheiten einrichtet. Das Stichwort Tapetenwechsel bringt mich zurück zum eigentlichen Thema. Denn wenn man im Besitz knapp 14 Monate alter Zwillinge ist, kann man tatsächlich allmählich an Renovierungsarbeiten denken – insbesondere im Essbereich der Wohnung. 

Unsere Nachkommen haben vor ein paar Wochen ohne unsere Einwilligung begonnen, ihre Essgewohnheiten umzustellen. Brei? Das ist ganz klar eine Angelegenheit für Babys. So böse bin ich darum im Grunde nicht, schließlich hat es immer ein wenig mein mütterliches Ego gekränkt, dass die Herrschaften Glaskost lieber mochten als mein politisch korrekt gedünstetes Gemüse. Wenn sie denn nun zuvor Gemüsebrei verzehrten – egal, ob aus mütterlicher Herstellung oder dem Glas – dann bitte sehr den allerfeinst pürierten für vier Monate alte Minibabys. Ich habe tatsächlich schon Gläschenbrei mit Pürierstab nachbearbeitet, weil die Zwillbos alles, was nur annähernd an Stückchen erinnerte, entweder von vornherein verweigert oder sich beim Füttern aus den Mündern gepult haben. Keine sonderlich erfreuliche Angelegenheit. Ich verabscheue ja bis heute Joghurt mit Stückchen, ganz eventuell besteht also eine familiäre Disposition. 

Selbst isst der Zwillbo.
Aber auch Gemüse, so cremig wie Schlagsahne, wurde hier zuweilen boykottiert. Zumindest, wenn ich es gedünstet und püriert habe. Mads hat meistens ein paar Höflichkeitslöffel genommen, wohingegen Pepe in der Regel den Kopf angesichts des Löffels so vehement zur Seite gedreht hat, als würde ich seine menschliche Integrität mit diesem Fraß beleidigen. Währe er dazu in der Lage gewesen, hätte er ganz sicher Amnesty International informiert. Oft konnte ich die Jungs austricksen, indem ich ihnen erst ein bisschen Obstmus gefüttert und dann einige Löffel Gemüse untergejubelt habe und so weiter. Möglicherweise hatte ich damit Erfolg, weil die frisch verknüpften Synapsen etwas länger benötigten, um den Betrug zu registrieren. Irgendwann waren die Jungs aber auch für diese hinterhältige mütterliche Methode zu schlau. 

Zwillbo Mads zeigte schon vor einiger Zeit, dass ihm eigentlich alles schmeckt, was wir essen – insbesondere Nudeln mit Pesto. Und wir essen nunmal oft Nudeln mit Pesto. Vollkornnudeln immerhin, aber es ist so. Pepe hingegen schätzte an Nudeln insbesondere ihre besondere Eignung als Wurfgeschoss. Als die erste Spirelli restlos in seinem Mund verschwand und dort blieb, musste ich mir die Augen reiben und mich kneifen lassen. Pepe fand feste Nahrung also weitgehend unnötig, aber Mads wollte nichts mehr auf den Löffel bekommen, sondern selbst zupacken. 

Keine Lust auf Veränderung!

Mich hat diese Phase der eintretenden Breiverweigerung zunächst mal ziemlich gestresst. Bei der Umstellung auf Flaschennahrung und der Beikosteinführung war es allerdings genauso, wie gesagt, Veränderungen… Ich hatte keine Lust. Ich hatte keine Lust, zwei verschiedene Essgewohnheiten zu bedienen und obendrein noch über das elterliche Essen nachzudenken. Ich hatte keine Lust, auf hungrige Kinder, die sich nachts an Milch satt trinken. Ich hatte keine Lust, mich mit Familienkost auseinander zu setzen und mich darüber zu informieren, was Kleinkinder denn nu‘ zu sich nehmen dürfen und sollen. 

Ich hatte keine Lust, mir nach nur wenigen Monaten der Breiherrschaft schon wieder ein neues System drauf zu schaffen. Ich war schließlich so froh, als ich endlich geschnallt hatte, wann denn bitte schön welcher Brei mit oder ohne Milch mit oder ohne Fruchtsaft, Fleisch, Obst oder was auch immer wann gereicht werden sollte. Beikost gibt es doch garantiert irgendwo als Bachelorstudiengang! Ich kam mir in diversen Spielgruppen oft vor, wie die schlecht informierteste, desinteressierte Rabenmutter, weil ich wichtigeres zu tun hatte als den Themenabend „Von der Beikost an den Familientisch“ zu besuchen. Schlafen beispielsweise. Ist aber vielleicht auch so’n Zwillingseltern-Ding? 

Man muss sich das mal überlegen: Binnen weniger als zwölf Monate sind wir vom Stillen auf Zwiemilch auf Beikost auf Beikost und Flaschennahrung und nun auf die sogenannte Familienkost umgestiegen! Und das, wo ich persönlich seit Äonen immer gleich gekocht habe: Zwiebeln und Knoblauch andünsten, Gemüse dazu, Reis oder Nudeln kochen – fertig. 

Mutter, was nun?

Tja, was machst du nun als Mutter? Gläschen öffnen fand ich ja oftmals noch ok. Aber ein Sonnen-Bassermann-Menü für Kleinkinder? Da hört bei mir die Toleranz auf. Aber es hilft ja nichts, die Kinder müssen ernährt werden – und zwar halbwegs anständig, schließlich habe ich in 20 Jahren zu verantworten, worauf ich heute ihre Geschmacksknospen programmiere. Oder dass sie brüchige Knochen haben, weil ich es mit der Kuhmilch übertrieben habe. Oder dassdie Nieren nicht anständig arbeiten, weil ich beim Salz ein Auge zugedrückt habe. Was also tun? Nur wegen des Mittagessens die Kinder doch schon in die Kita schicken? 

Brötchen mümmeln geht immer.

Stattdessen hab ich getan, was wir postmodernen Menschen nun mal als ersten Schritt in allen Lebenslagen tun: Ich habe gegoogelt. Ich habe nach kleinkindgerechten Speisen gesucht. Fündig geworden bin ich beispielsweise bei ekulele. Da auch ich mich vegetarisch ernähre und die Zwillbos verhältnismäßig wenig Fleisch bekommen, fand ich die Ideen dort sehr inspirierend. Und es sollten ja schließlich Gerichte sein, die wir Zwillbo-Eltern ebenfalls essen, denn auf keinen Fall will ich hier noch öfter den Kochlöffel schwingen als ich es durch die ganzen Breimahlzeiten ohnehin schon musste. 

So habe ich mir zunächst einen Grundstock an Essensoptionen zusammengegoogelt, mit dem man für den Anfang ganz gut durch die Woche kommt. Weil ich mich in solchen – neuen – Dingen wirklich gut organisieren muss, hängt fortan eine Liste mit Mahlzeiten an unserem Kühlschrank, die ich in loser Reihenfolge abkoche. Die Liste wird nach Bedarf angepasst. 

Doch das brachte zumindest meinen Erstgeborenen nicht unmittelbar ans Essen. Ich war zudem auch etwas entmutigt, da mich kurz zuvor das gemeinsame Mittagessen bei einer Freundin an den Rande eines Nervenzusammenbruchs gebracht hatte. Die Kinder sollten Kürbis- und Süßkartoffelstückchen essen. Meine Söhne haben das Gemüse geworfen, mir die Löffel aus der Hand geschlagen und lautstark nach etwas in ihren Augen Anständigem verlangt. Ein Möhren-Kartoffel-Gläschen wirkte deeskalierend. Man muss allerdings nicht meinen, dass die Zwillbos selbstgekochten Möhren-Kartoffel-Brei essen – auf gar keinen Fall! 

Niedrigschwellige Kartoffelpuffer

Dennoch nahm ich all meinen mütterlichen Mut zusammen und entschied, fortan keinen Brei mehr zu servieren. Zum Einstieg gab es Kartoffelpuffer – niedrigschwellig und gut mit Apfelmus servierbar. Der Plan ging auf. Mads langte eh‘ erwartungsgemäß zu, und bei Pepe hatten wir ziemlich schnell raus, dass er das allermeiste isst, was man ihm entweder mit Obstmus serviert und/oder auf eine Gabel piekst. 

Nun versuchen wir also, das Mittagessen gemeinsam zu bestreiten. Die Jungs bekommen ein Schälchen und Besteck und dürfen selbst hantieren, während ich beziehungsweise wir im Wechsel ihnen und uns etwas auf die Gabeln spieße. Das läuft oft ganz gut. Nicht für unseren Küchenfußboden, aber für die Bäuche der Jungs. Pepe, der zuvor niemals auch nur ein Stückchen von irgendwas [Brot, Brötchen und Wiener Würstchen ausgenommen] gegessen hat, isst nahezu alles. Sogar manchmal ein bisschen Gemüse. Das muss ich den Herren nach wie vor unterjubeln. Etwa in Form von Kürbis-Gnocchi, Bulgur-Möhren-Frikadellen oder Zucchini-Kartoffelpuffern. Aber es funktioniert. 

Und völlig gegen meine Erwartung macht es mir zum ersten Mal in meinem Leben so etwas ähnliches wie Spaß, mir Mahlzeiten zu überlegen und diese zu planen. Ich habe mir sogar ein Kochbuch gekauft. Auch zum allerersten Mal! Bislang wurde mir derartige Literatur nur von äußerst hoffnungsfrohen Menschen geschenkt. Das meiste davon habe ich weiterverschenkt [entschuldigung], einige Werke, die ich für dekorativ befunden habe, stehen in unserer Küche herum. Nun geschieht also dank der Zwillbos wieder einmal etwas völlig Unerwartetes. Etwas Neues, in das ich hineinwachse und das mir gefällt. Es kann also auch ganz schön sein, zu Veränderungen gezwungen zu werden. 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. ekulele sagt:

    Ein super interessanter Beitrag! Danke fürs Verlinken!
    Mir macht das Kochen auch viel mehr Spaß, seit ich plane/überlege und dementsprechend einkaufe 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank – und: gerne! Manchmal geht die Planungs- und Inspirationsphase im allgemeinen Trubel etwas unter. Aber dennoch finde ich es oft irgendwie erfüllend.

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  2. viermalmeins sagt:

    Nudeln mit Pesto! Bei uns auch längst ein moderner Klassiker 😆
    Aber ja, verpflegungstechnisch steckt das Leben voller Herausforderungen und sie werden nicht weniger mit der wachsenden Anzahl an Mitbewohnern 😉 Schöner Text 😊

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    1. doppelkinder sagt:

      Dankeschön, das freut mich. Tja, immerhin sind es Vollkornnudeln 😂

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  3. danynoe sagt:

    Beikost als Bachelorstudiengang 😂😂😂 Wir beginnen auch gerade mit dem Master in Familienessen…und mir ging es ähnlich, schon wieder ein Thema mit dem frau sich auseinandersetzen muss, *seufz* Die Veränderungen im ersten Jahr bzw. den ersten zwei Jahren sind schon krass, und das in allen Bereichen; vor ein paar Monaten hat man noch drauf gewartet dass sie sich das erste Mal vom Rücken auf den Bauch drehen, und jetzt….

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    1. doppelkinder sagt:

      Ja, absolut, ich hätte mir niemals vorstellen können, wie viel Flexibilität Kinder erfordern! Aber ich denke, es ist gut sich darauf einzulassen und mit dem „Flow“ zu gehen 😃. Liebe Grüße!

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