Unser Treppenhaus – Moloch und Kleinkind-Eldorado

Unser Treppenhaus ist ein Moloch. Es ist eine Mischung aus Durchgang, Abstellkammer, Wohnraumerweiterung und volkstümlichem Museum. Letzteres findet in der geschmacklichen Besonderheit einiger Hausbewohner bezüglich der im Treppenhaus zur Schau gestellten Dekorationsartikel seinen Ursprung. Wir wohnen unterm Dach. Das bedeutet, den Hauptverkehrsweg der Zwillbos säumen zwei Etagen voller Verlockungen. Treppab haben die Herrschaften meistens noch den nötigen Schwung, um nicht an jeder zweiten Stufe und jedem Absatz mindestens 15 Minuten lang zu verweilen. Treppab kann ich sie ködern, mit all den schönen Dingen, die es für sie in der aufregenden Welt da draußen zu entdecken gibt: Autos, Müllfahrzeuge, Bagger, Eichhörnchen, Hunde und der SPIELPLATZ. Aber der Alltag ist meistens keine Einbahnstraße und irgendwann müssen auch die härtesten Spaziergänger zurück in ihr postmodernes Domizil. Und da läuft es dann in der Regel etwas…anders.

Erster Halt: Erdgeschoss 

Wir erreichen unser Wohnhaus in der Regel mit dem Kinderwagen. Die Zwillbos thronen in ihren Sitzen, ich schiebe. Logisch. Ich ruckele den Zwillingskarren mit rund 25 Kilogramm Lebendgewicht die fünf Stufen zur Haustür herauf – soweit ist noch alles völlig unbeschwert. Im Hausflur dürfen die Herren dann aussteigen, und der bunte Reigen beginnt. Steht der Kinderwagen meiner älteren Schwester vor ihrer Wohnung im Erdgeschoss, habe ich manchmal Glück. Dann begnügen sich die Zwillbos damit, die Tasche ihrer Tante auszuräumen und vorzugsweise Handcreme und Kaugummies zu stehlen. Noch besser ist eigentlich, wenn meine Nichten vor der Türe aus ihren glitzernden und blinkenden Gummistiefeln gefallen sind. Sie können sich vielleicht nicht mehr vorstellen, welches Maß an Faszination derartiges Schuhwerk bei einem hervorrufen kann, doch seien Sie sich gewiss, es ist imens. Wenn die Brut aus dem Wagen ausgestiegen ist, muss ich das Gefährt wiederum vier Stufen herunter richtung Kellertreppe bugsieren. Denn dort ist die einzige freie Nische, die sich einigermaßen als Zwillingswagen-Parkplatz eignet. Ich zwänge selbigen tagtäglich an Schuhschränken und Kramkisten vorbei und bin derzeit noch froh, dass die Söhne noch nicht auf die Idee gekommen sind, das Aufbewahrungsmobiliar einer näheren Inspektion zu unterziehen.

Zugriff.

Es gab Zeiten, es waren leider nur wenige Tage, aber wenige Tage sind auch Zeiten, da nahmen die Zwillbos auf meine Anweisung hin auf der untersten Treppenstufe platz und warteten, bis ich ihre Kutsche verstaut hatte, und sie nach oben schaffen konnte. Doch nun haben die Kinder erkannt: Es sind der Möglichkeiten viele! Wenn ich Pech habe, macht sich eines von ihnen mit einem Affenzahn auf den Weg nach oben. Insbesondere Pepe sieht, seitdem er des aufrechten Ganges mächtig ist, nicht mehr ein, wieso er auf allen Vieren die Treppe herauf krabbeln sollte. Der Herr läuft lieber und hangelt sich am Geländer entlang. Das ist mir im Prinzip sehr lieb, denn so ist er motorisch bereits auf dem Weg zum eigenständigen Wechselschritt. Weil die Beine während dieser anstrengenden Ertüchtigung aber oft noch so wackelig sind wie die eines Rehkitzes kurz nach dessen Geburtsstunde, ist es mir lieber, wenn ich hinter ihm hergehen kann und quasi als menschlicher Lawinenbrecher fungiere, um einen all zu schweren Sturz abzufangen. Mads ist derzeit oft bequem und möchte lieber getragen werden, oder er krabbelt neben seinem Bruder nach oben. Das gewährleistet also oft einen unfallarmen Aufstieg.

Schuhtick.

In der Regel begibt sich Pepe allerdings bereits auf den Weg nach oben, während ich noch den Wagen parke und die Kellertür verrammele. Neuerdings klettert Mads gerne die vier Steinstufen, von denen er bereits einmal einen Köpper in den dort angesiedelten Schirmständer gemacht hat, hinter mir her. Das tut er nicht ohne Grund, denn vor der Kellertür wartet die nächste große Attraktion der alltäglichen Unterhaltungsmaschinerie: ein Straßenbesen und ein Bodenabzieher (diesen Begriff habe ich gerade gegoogelt). Nun stehen die Chancen für mich wieder 50:50 – entweder bekommt Pepe auf den Treppenstufen Wind von der unglaublichen Sause, die sein Bruder im Parterre gerade im Begriff ist zu veranstalten, und er begibt sich an den Abstieg, um mitzumischen. Oder ich muss einen der Beiden aus Sicherheitsgründen zwingen, es dem anderen gleich zu tun. Denn ich habe in den vergangenen 17 Monaten so einige neue Kompetenzen hinzugewonnen. Mich zweizuteilen gehört aber leider nicht dazu. Entweder brüllt dann also das ehrenamtliche Mitglied der Putzkolonne oder der verhinderte Treppensteiger.

Lösungsansatz: radikale Akzeptanz.

Als Zwillingsmutter habe ich allerdings gelernt, dass es verschiedene Abstufungen des Begriffs „Glück/Pech haben“ gibt. Also ist es nicht nur Glück, wenn beide Kinder artig warten, bis  wir kollektiv den Aufstieg beginnen können. Ich empfinde es auch schon als Glück, wenn sie sich gemeinschaftlich in die gleiche Richtung aufmachen – derzeit also gerne in Richtung Kellertür. Ich sitze dann auf Steinstufen neben dem Eimer mit den Regenschirmen und harre aus. Manchmal muss ich kurz zur Deeskalation beitragen, wenn die Zwillbos sich auf dem einen Quadratmeter vor der Kellertür mit den langen Stielen von Besen und Abzieher ins Gehege kommen. Manchmal muss ich mich aber auch nur ein bisschen darüber kaputtlachen, wenn sie vergnügt mit den Regenschirmspitzen ein stakkatoartiges Konzert auf dem Steinboden geben. Irgendwann hat es sich dann ausgespielt und die Herren lassen sich damit ködern, dass es auf dem Weg nach oben noch so einiges zu entdecken gibt. 

Nächster Halt: erste Etage

Vor der Wohnung in der ersten Etage verbringen wir dann wieder etwas Zeit. In der Weihnachtszeit stand dort ein Strauch aus Tannenzweigen, deren Errichter immerhin die Umsicht besaß, diesen mit Kunststoffkugeln zu behängen. Ich war schon immer froh, wenn die Zwillbos nicht die komplette Bodenvase umgeworfen haben, sondern wir lediglich abends diskret die gewaltsam entfernten Tannennadeln zusammenfegen mussten. Um uns eine besondere Freude zu bereiten, haben unsere Nachbarn neben ihrem Schuhschrank noch eine kleine Bank mit zwei Puppen aufgestellt, die eine Staubschicht auf sich tragen, die wohl bereits aus der Gründerzeit stammt. Es soll anscheinend ein Großelternpaar darstellen, das mit Pfeife und Strickzeug ausgerüstet ist. Die Brillen haben unsere Kinder bereits entfernt, nun stehen sie stets voller Begeisterung vor diesen Staubfängern und rufen lachend „Nein, nein!!!“, während ich versuche ihnen geduldig zu vermitteln, dass sie die beiden Puppen bitte nur streicheln und nicht werfen mögen, da sie nicht unser Eigentum sind. Kürzlich belauschte der Mann ein Gespräch zwischen unserem Nachbarn und dem Paketboten, in dem der Nachbar erklärte, man wolle die Puppen noch eine Weile dort sitzen lassen, weil die Zwillinge aus dem Obergeschoss eine solche Freude daran hätten. Danke. Für nichts. 

Haben sich die Zwillbos dann von den Polyester-Großeltern losgerissen, muss ich sie nur noch daran hindern, eine Schale mit Kerzen von der Fensterbank zu reißen, und sie bei der Bewältigung des nächsten Treppenabsatzes „unterstützen“. Dort steht mein Fahrrad. Manchmal holen sie sich an Kette und Federn noch eine Runde schwarze Finger vor dem Mittagessen. Manchmal schaffen wir es dann aber auch tatsächlich recht zügig bis in die Wohnung, wo ich die beiden dann mit mittelwenig Verständnis und Geduld ihrerseits aus Schneeanzügen, Mützen, Schals und Schuhen pellen darf. 

Ich halte es mittlerweile so: Ab- und Aufstieg sind einfach Teil unseres täglichen Bewegungsprogramms. Es dauert so lange wie es dauert. Ich versuche, dabei größere Verletzungen durch Stürze zu verhindern und die Jungs ansonsten einfach machen zu lassen. Irgendwie muss man ja schließlich lernen, alleine Treppen zu steigen – am besten nicht erst mit 14. Wenn wir irgendeinen Zeitplan einhalten müssen oder die beiden zu müde sind, habe ich die Trage dabei, dann schleppe ich einen Zwillbo auf dem Rücken und den anderen auf dem Arm direkt nach oben oder unten. Ich versuche, da nicht mehr nur in Erwachsenenkategorien zu denken, sondern nachzuvollziehen, was für die Kinder spannend und wichtig ist. Und wenn der Tagesablauf es zulässt, warum sollen wir dann nicht einfach ein bisschen Zeit in unserem sehr individuellen Treppenhaus verbringen?

Wie ich probiere, weitere „Kämpfe“ im Alltag zu umgehen, schreibe ich in einem der nächsten Beiträge. 

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mit euch möchte ich auch mal Treppensteigen! Ich frage mich, was du bloß für ein Problem mit den Polyestergroßeltern hast … einmal kurz das Zündhölzchen ungünstig fallen gelassen „Huch!“ und übermorgen sitzen dann da zwei Osterhasen 🐰🐰

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  2. melverenice sagt:

    Ich lasse Madita auch wahnsinnig gern ueberall rauf und runter klettern, weil ich hoffe, dass jedes klitzekleines bisschen Bewegung mehr, sie frueher schlafen laesst. Klappt meistens 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Seh ich auch so, immer hübsch bewegen! 😃

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  3. Anna sagt:

    Hach.. So schön beschrieben! 🙂
    Ich habe auch irgendwann beschlossen, es zu akzeptieren wie lange so ein Aufstieg mit Kind in den zweiten Stock dauert.
    In unserem Treppenhaus steht allerdings GAR NIX. Es ist schon unglaublich mit was man sich trotzdem eeeeeewig beschäftigen kann.. Schrauben im Geländer, Löcher im Fußboden, Lichtschaltern..
    In dem Sinne.. Halte durch 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielen Dank! Ja, seinen Frieden damit zu machen ist wohl die beste Strategie 😃. Und Schrauben sind sooooo spannend! Alles Liebe!

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