Aus dem sozialen Funkloch gesendet

Ich befinde mich derzeit in einem zwischenmenschlichen Funkloch. Dort herein katapultiert wurde ich von einer Horde unkontrollierter Bazillen, die uns bislang mehr als drei Wochen soziale Isolation beschert hat – von einem winzigen Zwischenhoch einmal abgesehen [ich weiß, es geht noch schlimmer. Aber.].

Schauerliches Erkältungsduett

Die Zwillbos begannen mit einem schauerlichen Erkältungsduett, das sich bei Mads alsbald zur Bronchitis auswuchs. Das bedeutete mindestens drei Mal am Tag Klammerblues mit dem Pari-Boy und Nächte mit noch weniger Schlaf als üblich, weil ein Bellkonzert dem nächsten folgte. Ich wundere mich immer wieder, dass elterliche Herzen es so lange infarktfrei mitmachen, über Monate immer wieder mit Dezibelstärken einer Hubschrauberstaffel aus dem Schlaf gerissen zu werden – ob Husten- oder Schreikrampf macht da keinen großen Unterschied. 

Unser Freund, die Nebelmaschine.

Als ich mich schon selbst für mein schier unbesiegbares Immunsystem feiern wollte, hat mir selbiges die Loyalität mit sofortiger Wirkung aufgekündigt und mich mit einem gezielten Tritt in die oberen Atemwege von meinem hohen Ross herunter geholt. Und da saß ich nun, umgeben von verrotzten Taschentüchern und Kleinkindern. In einer derartigen gesundheitlichen Schieflage kann man sich ja in keiner Spielgruppe blicken lassen, das mit der kollektiven Hausstauballergie kauft einem doch keiner ab! Also leidet man zuhause. 

Dann sah es tatsächlich einige wenige unbeschwerte übermüdete Tage so aus als hätten wir die finale Schlacht gegen die Erreger erfolgreich geschlagen. Doch offenbar waren wir in einen Hinterhalt geraten. Blitzkriegartig ging ein neuer Virenhagel mit hohem Fieber und dubiosem Hautausschlag auf uns nieder. Oder besser gesagt, auf die Zwillbos. Aber als Eltern hängst’e da ja mit drin. Das ist bei Infekten im Kleinkindalter wohl genauso, wie in der Pubertät, wenn sie auf dem Schulklo beim Kiffen erwischt werden. 

Weiterhin Einzelhaft 

Das ganze war zwar ungefährlich, aber zwei dauerkranke Kleinkinder sind nicht unbedingt die dankbarsten Gesellschafter – schon gar nicht wenn man selbst eigentlich noch ein Fall für die Tuberkulose-Station ist. Mindestens. Wir verschanzten uns also weiterhin Zuhause – von kleinen Ausflügen auf die umliegenden Spielplätze einmal abgesehen. Und bislang haben die Gespräche dort kein Feuerwerk in meinem Belohnungszentrum abgebrannt [„Sind das Zwillinge?“ „Ja.“ „Die sind aber eineiig!“ „Nein.“ „Wie alt sind die denn?“ „17 Monate.“ „Da haben Sie aber ’ne Menge Arbeit…“ „Ich hätte auch lieber einen Hund gehabt, aber mein Mann fand Kinder cooler.“ Ich wollte nur gucken, ob ihr richtig aufpasst.]. Kurzum: Ich mag Spielplätze, aber nicht jeden, den wir dort treffen und sprechen. 

Vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich eigentlich den ganzen Tag mit keinem erwachsenen Menschen gesprochen habe. Mal abgesehen von der Kassiererin im Netto [„Mit Karte, bitte. Danke, Ihnen auch.“]. Den Mann sehe ich morgens meist nur fünf bis zehn Minuten im Vorbeigehen, und die Laute, die ich dann von mir gebe, werden weder Linguisten noch Soziologen als Sprache durchgehen lassen. 

Na gut, abends sehen wir uns dann ein paar Stunden am Stück. Dann referiere ich kurz über den Grad meiner Erschöpfung, schildere die Entwicklungsschritte unseres Nachwuchses und versuche geistig nachzuvollziehen, welche Aufgaben er beruflich derzeit bewältigt. Danach widme ich mich noch kurz meiner Ausbildung als Assistenzärztin der Chirurgie im Grey Sloan Memorial Hospital (Seattle), und dann gehe ich schlafen. 

Durchhänger, mittelschwer.

Tagsüber sprechen die Zwillbos und ich natürlich viel, es liegt ja allerhand an: „Piep, piep!!!!“ „Oh ja, da sitzt eine Taube im Baum vor dem Fenster!“ „Baum!“ „Ja, genau, das ist ein Baum.“ „Bitte schieb deinem Bruder nicht deinen Schnuller in die Nase.“ „Genau, das ist dein Popo. Ja, Mama hat auch einen Popo. Genau, Mads auch.“ „Papa ist arbeiten. Der Bagger war draußen auf der Baustelle. Ja, der Hund auch. Richtig, Opa hat auch einen Hund. Nein, Opa sehen wir heute nicht.“ „Stell dich bitte nicht auf das Lenkrad des Bobbycars. Nein, du auch nicht.“ Und so weiter. Es ist eine interessante Form der nervlichen Über- und der kognitiven Unterforderung, die sich in Zeiten wie diesen breit macht. Ich degeneriere zu einer Art besser aussehendem Gollum in der Großstadthöhle, der gierig in jeder Minute, in der die Kinder schlafen, über seinem Smartphone hängt und mit beinahe sabberndem Eifer Sprachnachrichten in die Welt hinaus schickt. 

Als der Virus dann ausgestanden war, hatte ich eine richtig gute Nacht mit viel Schlaf und wenig Kind. Morgens fing Mads dann erneut an zu husten. Wir inhalieren also wieder. Weil das Kind das ungefähr mit einer Hingabe über sich ergehen lässt, mit der es sich Zehennägel ziehen lassen würde, macht das meinen Alltag jetzt nicht unbedingt angenehmer. Aber hey: Schön ist das, dieses Elternsein, schön, schön, schön [an allen anderen Tagen.].

13 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh puh…so etwas braucht kein Mensch. Wir stecken uns auch gerade reihum immer wieder an – furchtbar. Und ich finde es mit einem Kind schon anstrengend – zumal ich sogar noch arbeiten gehen „darf“ 😉 Gute Besserung euch allen!

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh wei, das wünsche ich euch auch!!!

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  2. Tabea sagt:

    Hey, ich leide mit dir 😦 Bei uns war es erst die Bronchitis mit unfassbar hohem Fieber. Eine Woche später kam der fieseste Magen-Darm-Virus, den ich je erlebt habe. Wo kommt nur die ganze Körperflüssigkeit her, wenn doch nüscht mehr rein geht? Ein Wunder! Besser als Wasser zu Wein 😀 Nur nicht appetitlicher.
    Erstaunlicherweise bringen solche Krankheitsphasen tatsächlich doch auch neue Entwicklungen mit sich. Plötzlich verstehen sie mich, essen alleine Brei, trinken selbstständig aus dem Becher, quatschen und singen in einer Tour… Mehr davon! Aber bitte das nächste Mal ohne Scheißerei 😀 Das muss doch nicht sein! BITTE. DANKE. 😉
    Halte durch!

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    1. doppelkinder sagt:

      Ach du liebe Zeit, das ist die mieseste Kombi überhaupt! Ich hoffe, es geht euch wieder besser!!!!

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  3. dashuhn85 sagt:

    Hier wird immer fleißig zu peppa wutz inhaliert. Oder alternativ Kuh – oder Fischvideos auf YouTube. Weiter fröhliches durchhalten 😉

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    1. doppelkinder sagt:

      Vielleicht sollte ich das auch einfach machen, bislang fand ich sie immer zu klein dafür, aber der Zweck billigt ja die Mittel, nech?!

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      1. dashuhn85 sagt:

        Versuch ist es wert denke ich

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  4. Vera sagt:

    Oh neiin. Gute Besserung! Tipp zum Inhalieren mit renitenten Kleinkindern : während des Schlafs. Geht das mit dem Pari Boy?

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    1. doppelkinder sagt:

      Dankeschön! …ich glaube, das ist nicht praktikabel, Mads würde davon wach werden. Und er schläft ja nur noch einmal am Tag. Ich müsste das ja sonst quasi abends nach dem einschlafen, während des Mittagsschlafs und morgens machen, bevor er wach wirdyyy

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  5. melverenice sagt:

    Ich will auch Juli Whatsapp Sprachnachrichten bekommen!!

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    1. melverenice sagt:

      Ich hab zwar kein krankes Kind, bin aber momentan alleinerziehend und brauch dringend Abwechslung 😉

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    2. doppelkinder sagt:

      Günge das über den großen Teich hinweg?!?!

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