Wieso ist am Ende der Kraft noch so viel Schwangerschaft übrig?

Ich bin nicht ins Sommerloch gefallen. Da passe ich nämlich nicht mehr rein. Vielleicht hat die Schwangerschaftsmoral einfach allmählich das Ende der Fahnenstange erreicht – obschon so eine Fahnenstange mit einer personifizierten Moral meines Umfangs abknicken würde wie ein Grashalm im Wind. Irgendwie ist das vorherrschende Gesamtgefühl der letzten Tage eher mies und zäh.

Ich würd mir gerne einfach nur die Decke über den Kopf ziehen und schlafen. Denn dann kann ich mich selbst ganz gut aushalten. Aber wenn Mama zu viel schläft, das finden offenbar selbst schon ungeborene Kinder doof. Der Zwillbo, der dann das Pech hat, unter dem Bauchberg und seinem Bruder begraben zu sein, fängt gern an, mit meiner Blase Armdrücken zu machen. Dass es sich dabei schlecht schläft, ist vielleicht vorstellbar. Schaffe ich es dann, mich ohne das Walfisch-Fachpersonal von Greenpeace umzudrehen, spielt der offenbar musisch begabte zweite Sohn auf meinen Rippen Klavier. Das kommt davon, wenn man die ganze Schwangerschaft über Fahrrad fährt und in Bewegung bleibt – der Nachwuchs möchte unterhalten und geschaukelt werden.

 

Viel Bauch. Wenig Kraft.
 
Mit der Geschwindigkeit eines adipösen Zweifingerfaultiers (das musste ich jetzt erstmal googlen, wer weiß schon aus dem Kopf, wie viele Finger die haben!?) schwinge ich mich morgens aus dem Bett und komme in einen ganz besonderen Genuss – am helllichten Tag sehe ich Sterne. Ein ausgesprochen seltenes Naturphänomen, das wohl nur in der Konstellation Kreislauf im dritten Mond des Kellers – Aszendent niedriger Blutdruck – auftritt. Bis zum Nachmittag, manchmal auch ganztags, scheint sich dann mein Blut vornehmlich in Bereichen unterhalb der Kniescheibe aufzuhalten. Dort befindet sich dann auch meist meine Stimmung. Denn weiche Beine, Schwindelgefühl und Watte im Kopf sind vielleicht schön, wenn man verliebt ist, aber in meiner persönlichen Erinnerung fühlt sich das angenehmer an.

Die Messe ist gelesen

Vielleicht hat es der ein oder andere Leser schon aus dem Subtext herausinterpretiert: Das Zwillingsmutterschiff hat allmählich die Faxen dicke. Der Kaffee (den man ja eh nur ganz begrenzt konsumieren darf) ist auf. Die Nase ist gestrichen voll. Die Messe ist gelesen.

Wieso ist am Ende der Kraft noch so viel Schwangerschaft übrig? Eine Frage, die mir im übertragenen Sinne bislang nur von meinem Kontostand vertraut war. Wahrscheinlich ein Trick der Natur, damit die werdende Mutter den notwendigen Enthusiasmus für so erquickliche Aktivitäten wie Presswehen aufbringt.

Willkommen im Jammertal

Ich weiß, Deutschland ist eine Nation der Zähne-Zusammenbeißer. Wir zeigen nicht gerne Schwäche, wir geben uns gerne stark und unbesiegbar. Moment – jetzt bin ich mir gerade nicht mehr sicher, ob ich von mir oder unserer Gesellschaft spreche (Herr Wagner, wie war das noch gleich mit dem Zeitgeist, den Smoothies und den Hosenanzügen?)… 

Ich mag nicht jammern. Und erst recht mag ich mich nicht danach fühlen, Gründe zum Jammern zu haben. Ich bin gerne das rundum sorglos Paket – für mich und für andere. Aber mit all diesen Kinderkilos vor der Brust, also besser gesagt unter der Brust, macht mir der Alltag allmählich keinen Spaß mehr. Ich. Bin. So. Langsam.

 

Flüssignahrung. Ungeliebt.
 

Für mich selbst ist kaum noch Platz in meinem Körper. Ich komm beim Essen nur noch schwer an Tisch und Teller ran – macht aber nix, es passt eh kaum noch Nahrung in meinen Magen. Den Teller auf dem Bauch abzustellen wäre anatomisch zwar im Bereich des Möglichen, allerdings kommt das bei den Zwillbos nicht gut an, ein Popo oder eine Schulter werden garantiert dagegen gerammt.

Ich hab einfach keine Lust mehr.
Die handelsüblichen Umstandsklamotten sind für Ottonormalschwangere genäht. Mein Bauch lugt allmählich aus sämtlichen Oversized-Shirts und Blusen heraus. Diesen Anblick kannte ich bislang nur von schlecht gekleideten übergewichtigen Herren. Ich liebäugele mit dem Gedanken, für die restlichen Tage bei Decathlon ein Wurfzelt käuflich zu erwerben.

Ich frage mich, wann der Mieter unter uns den Statiker kommen lässt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er noch keine Risse im Mauerwerk festgestellt hat. Oder würden wiederholte nächtliche Toilettengänge einer Elefantendame spurlos an tragenden Wänden vorübergehen?

Ich hab keine Lust mehr, auf meine Ernährung zu achten – ist das jetzt Rohmilch-Gedöns/zuviel Koffein/genug Vitamin A bis Z/förderlich für Sodbrennen oder die globale Erwärmung? Ich mag wieder wild und gefährlich leben und auch nach 18 Uhr Mahlzeiten zu mir nehmen ohne einen Atemstillstand befürchten zu müssen.

Was freu ich mich darauf, wieder auf dem Rücken liegen zu können, ohne eine Ohnmacht oder eine Übelkeitsattacke befürchten zu müssen. Oder gar mal auf dem Bauch vielleicht!

Atompilz-Tattoo

Apropos Bauch. Ich hatte ja in meiner „Jugend“ ’ne Menge Ideen, die nur semi-klug waren. Doch ich beglückwünsche mich derzeit dazu, dass ich schlau genug war, mir kein Tattoo am Bauch verpassen zu lassen. Am besten ’ne Sonne oder so, die jetzt aussehen würde, wie eine explodierte Galaxie oder eine Rose, die nunmehr die Gestalt eines Atompilzes angenommen hätte. Da war ich ausnahmsweise mal pfiffig…

In meiner Verwandtschaft gibt es derzeit eine bemitleidenswerte Frühschwangere. Mit Übelkeit und allem drum und dran. Ich möchte hysterisch lachen wenn ich sie sehe – vor Mitgefühl, aber auch vor Freude darüber, es bald geschafft und nicht mehr ihren Weg vor mir zu haben. Und ich bin froh, diejenige in meinem Freundeskreis zu sein, die als erste angezählt ist. Wenn die anderen Bald-Mamis dann den Walfischmodus erreichen, absolviere ich in meiner Fantasie schon wieder Marathonläufe – mit einem Kind an der Brust und dem anderen in unserem fancy Kinderwagen (ja, unrealistisch, ich weiß).

So. Genug gejammert. Für heute. Vielleicht.

12 Kommentare Gib deinen ab

  1. melverenice sagt:

    Bahahahaha!
    Ich träume davon, wieder auf dem Bauch schlafen zu dürfen!!! Allerdings hält mein Tattoo am Bauch noch gut durch. Mal sehen wie lange das noch gut geht.

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    1. doppelkinder sagt:

      Also bei meinem Umfang hätte es das garantiert schon zerrissen 😂. Aber das muss ja nicht passieren. Bin mal gespannt, was die Hebamme nächste Woche misst, vor zehn Tagen war ich bei 109 cm, tippe dann mal auf 112 – mindestens 🙈.

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      1. melverenice sagt:

        Ja, ich hab auch grad auf Instagram gesehen, welche Maße die Zwillbos haben. Meine Einzeldame ist ja noch nichtmal bei 2000. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es ist, zwei davon durch die Gegend zu schleppen.

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      2. doppelkinder sagt:

        Mittlerweile ganz schön anstrengend 😃. Eigentlich kann ich mich aber nicht beschweren, bis vor drei Tagen war ich noch ziemlich aktiv. Aber irgendwann ist dann wohl einfach eine Grenze erreicht. Mal gucken, wie die kommenden Tage werden. Mein armer Mann muss die schlechte Laune leider ertragen, aber noch trägt er’s mit Fassung.

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      3. ankeneckar sagt:

        12 Tage vor der Geburt hatte ich 112 – mit einem Kind! Oh Gott, ich war echt … nicht mehr schlank 😆

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      4. doppelkinder sagt:

        😂 erstaunlich, was der Körper so mitmacht, aber jetzt isses langsam echt nicht mehr feierlich. Die letzte Zwillingsschwangere meiner Hebamme kam auf 120 cm!

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      5. ankeneckar sagt:

        AUTSCH!!! Was man so alles für die lieben Kleinen aushält … irre!

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  2. *hihi* Wenn Du stillen möchtest, ist es noch ne Weile hin bis Du wieder auf dem Bauch schläfst 😉 Ich hab mich auch soooo sehr danach gesehnt *hach*

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    1. doppelkinder sagt:

      Haha, den Zahn hat mir meine beste Freundin heute auch schon gezogen! 😀 Aber ich werd mich wie wild auf dem Rücken wälzen!

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  3. Kerstin sagt:

    Ich bekomme den Link von meinem Mann zugeschickt mit dem Kommentar „Ich sehe gewisse Parallelen“. Ja, mir gings (und gehts interessanterweise ebenfalls) genauso.

    Viel Kraft wünsche ich dir.

    Können uns auch gerne zusammesetzen und gemeinsam bedauern. Du hättest mehr Grund dazu, ich mehr Übergewicht.

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    1. doppelkinder sagt:

      Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll! Ich mach einfach beides! Wenn ich jemals wieder hochkomme, sehr gerne 🙂 ich winke dir auch eine Portion Kraft in die Nachbarschaft rüber ✊🏻😊.

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