Ein Morgen mit den Zwillbos – oder wie ich einmal für einen Marathon trainierte

am

Es ist 4.56 Uhr. Neben mir dreht sich jemand, nimmt den Schnuller aus der Schnute und macht leise „Blappblappblapp“. Wo der Schnuller jetzt schon mal aus der Schnute ist, kann man ihn auch ruhig mal über den Holzrahmen des Betts ratschen, denkt sich das Kind offenbar. Die Augen muss man dazu nicht öffnen. „Shhhhhhshhhhhshhhhhhhhhhhhhh“ mache ich im Halbschlaf und versuche, den Nachwuchs daran zu hindern, sich auf den Bauch zu drehen und den Tag einzuläuten. Ich bin selbst kaum wach und wandle schon mit Mads auf dem schmalen Graz zwischen Tagesbeginn mit kollektiver schlechter Laune und Wiedereinschlafen. 

5.10 Uhr, es scheint zu gelingen. Die Taktik aus in den Arm nehmen, fixieren und shhhhhhhhhhhhhhhhhen befördert das Kind zurück ins Traumland. Ich versuche es ihm gleich zu tun und döse ein. 

6.07 Uhr, das Kind rödelt wieder. Ach nööööö, mit einer sieben vor dem Punkt würden wir alle uns besser fühlen. Ich liebe meine Kinder, aber so viel Zeit müssen wir jetzt auch nicht wach miteinander verbringen. Vor allem nicht, wenn man wegen Hustenanfällen, Phantomzahnen – denn da kommt nichts- und Updates eh‘ im Stundentakt wach war. 

Schnell wird meinem unterschlafenen Hirn klar, mit Shhhhhshhhhhhhhh und Komastreicheln ist hier kein Blumenpott mehr zu gewinnen. Ich schustere den vorbereiteten Milchpulver-Wasser-Fläschchen-Bausatz zusammen und hoffe, ich bin schneller damit als das erwachende Bewusstsein des Babys. Temperatur checken, Flasche rein. Ich linse schon mal auf die Augen meines Zweitgeborenen. Bleiben die Lider schön schwer und halb geschlossen, habe ich Glück? 

Ich fülle das Kind mit Milch ab und lege es vorsichtig neben mich in den „Ich hab dich lieb, aber wehe, du rührst dich“-Griff. Das Kind säuselt irgendetwas vor sich hin und spielt mit seinem Schnuller. Poker und Blackjack sind ein Scheiß dagegen. Heute habe ich Glück, plötzlich halten die kleinen speckigen Fingerchen inne und die Atmung wird tiefer. Ok, sage ich mir, auch wenn ich nicht wieder einschlafe, so hab ich jetzt doch noch ein paar Minuten Ruhe. Und werde um 7.12 Uhr wieder wach, weil mir jemand einen Finger in die Nase rammt. Ein ziemlich kleiner jemand, einen ziemlich kleinen Finger, aber dafür ziemlich doll. 

Liebe oder Überlebenskampf?

Ok. Mit einer Sieben vorne kann ich leben. Müsste ich mich nicht eigentlich ausgeschlafen fühlen? Ich überschlage, wie viele Stunden Schlaf ich abzüglich diverser Zwischenstopps aus Futterpausen, Hustenattacken und Schnullerverlusten ich möglicherweise bekommen habe und gleiche das ganze mit meinem Körpergefühl ab. Hmmm. Könnte besser sein. Egal. Das Kind neben mir riecht unangenehm, aber grinst. Im Autopilotmodus richte ich mich auf, pelle den kleinen Stinker aus seinem Schlafsack. Das kommt nicht gut an, bei jedem Arm, den ich hinauswinden muss, reicht er lautstark Beschwerde ein. 

Prima. Schlafanzug und Body sind nass, also geht das Pulen weiter. Unterdessen brüllt mich das Kind wütend an und strampelt mit den Beinen. Das ist kein niedliches kleines Babystrampeln, das sind waschechte Känguru-Angriffstritte. Ich werfe dem Aggressor ein Tuch über den Kopf: „Kuckuck!!! Wo ist denn der Mads?“ rufe ich mit feinster Doris-Day-Freundlichkeit. Mads lässt sich halbwegs darauf ein. Jetzt ziehe ich das Kind weiter um und spiele obendrein noch Kuckuck-da. Gar kein Problem. 

Ich öffne die Windel, auf einmal wachsen dem Sohn offenbar weitere Arme und Hände. Jetzt muss ich ihn wickeln, bei Laune halten und obendrein dafür sorgen, dass er nach Möglichkeit nicht in den Windelinhalt greift. Ich bin mir nicht sicher, ob das vollständig gelingt und feudele mich und das Kind vorsichtshalber mit Feuchttüchern ab. Mads beginnt unterdessen, weiter zu turnen und streckt munter den Popo in die Höhe. Die saubere Windel lässt sich unfassbar gut positionieren und verschließen, wenn das zu wickelnde Objekt dabei eine Brücke macht oder sich zur Seite wirft. 

Gegen 7.30 Uhr sitzt die Pampers. Zwar krumm und schief, aber immerhin am Kind. Ich atme tief ein und beginne, den Zögling in trockene Kleidung zu kämpfen. Body, Hose, Shirt, Socken – das Unterfangen gleicht einem Ringkampf und erreicht den Lautstärkepegel einer Schlacht im „Herrn der Ringe“. 

Um 7.36 Uhr treffen wir im Wohnzimmer auf der Spieledecke ein. Hallo Kind zwei! Oh, der Zwillbo riecht unangenehm. Ich stehe auf, um Windeln zu holen. Die Kinder hatten das offenbar nicht so vorgesehen und brüllen los. So wie sie sich momentan gebärden, kann ich kaum glauben, dass ihnen meine Anwesenheit so viel bedeutet. „Jahaaaaaa, ich bin soooooofooooort zurück“, trällere ich. Atmen. Atmen. 

Zurück auf der Decke, versuche ich den anderen Stinker auf den Rücken zu legen. Protest. Ich fixiere ihn so gut es geht zwischen meinen Knien und beginne die Druckknopfparade: alles in Windeseile aufratschen und unter lautstarkem Gebrüll das Kind aus den Klamotten schälen. Ich reiche Pepe den Deckel einer Tupperdose, er hört kurz auf zu brüllen, dreht den Deckel zwei Mal in den Händen und feuert ihn dann in die Ecke. Hoppla. Ich reiche ihm die Packung mit den Feuchttüchern, die knistert doch so schön. Das verschafft mir kurz Luft, die Windel zu öffnen. 

Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe das Gefühl, im Gen-Pool meines Zweitgeborenen haben sich Haifisch-Doppelhelix verirrt. Kaum klappe ich bei seinem Bruder die Pampers auf, kommt er angestocht um ein Handgemenge zu eröffnen. Er muss eine unfassbar gute Nase haben. Schon rangeln wir um den Verschluss der Windel, um die Feuchttücher, um das Augenlicht seines Bruders, denn notfalls kneift man dem Zwilling einfach beherzt in die Lidfalte. 

Ich packe Mads und lege ihn einen halben Meter entfernt von mir wieder ab. Das nutzt Pepe, um sich auf den Bauch zu drehen. Als ich ihn zurückdrehen will, fasse ich ins Nasse – und sehe, wie sich unter ihm ein kleiner See ausbreitet. Ich schnappe mir erst ein Spucktuch, werfe dem Bruder ein neues Spielzeug hin, fische dann den strampelnden Pepe aus der Pfütze, lege ihn ins Trockene und das Mulltuch über das Malheur. 

Der Erstgeborene hat ganze Arbeit geleistet, er braucht einen trockenen Body. Ich vergewissere mich, dass keine lebensbedrohlichen Gegenstände in Reichweite sind und wetze ins Nebenzimmer. Unterdessen ertönt Gequieke und Gebrüll aus dem Wohnzimmer. Mads hat Pepe irgendein Spielzeug entrissen, der Bruder wehrt sich offenbar und als ich nach knapp sieben Sekunden zurück im Zimmer bin, liegen die Zwillbos ineinander verkeilt auf dem Boden und kreischen. 

Ich separiere die Streithähne, versuche Mads davon zu überzeugen, dass eine leere Plastikflasche ein prima Spielzeug ist und beginne, Pepe aus dem bepieselten Body zu pellen. Der hat dazu natürlich eine Meinung – und zwar keine positive. Ich beschwöre ihn wie einen wildgewordenen Stier, werfe ihm hin und wieder sein Shirt über den Kopf und wiederhole die Kuckuck-Nummer. Zumindest glättet sich die Zornfalte zwischen den Augen und Pepes Gesicht nimmt wieder einen natürlicheren Farbton an.

Ich versuche, möglichst ohne Knochenbrüche und Verstauchungen zwei kampfbereite Ärmchen in die Ärmel zu stecken und die Hose über die strampelnden Beine meines Sohnes zu ziehen. Währenddessen der versucht, sich zur Seite zu schmeißen, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie Mads vollmundig kaut – und der Outdoor-Zeitschrift des Zwillbo-Papas eine Ecke fehlt. Ich zupfe ein letztes Mal an Pepes Hose und stecke schon einen Finger in Mads‘ Mundwinkel, um das sorgsam gekaute Pappmaché zu entfernen. Der Zweitgeborene beißt mir dabei mit seinen beiden Tackernadeln in den Finger und brüllt mich an. Egal, die Masse ist entfernt. 

Es ist 7.48 Uhr. Ich brauche Kaffee. Viel. Kaffee. 

18 Kommentare Gib deinen ab

  1. dreiplus2 sagt:

    Hahah! Das kenne ich! Sieht (Sah) bei uns ähnlich aus! 😉 Gerne zum nachlesen unter http://dreiplus2.de/entspannt-in-den-tag/ Viel Spaß morgen früh 😉

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  2. Pingi3107 sagt:

    Ich musste gerade so lachen …mir kommt das so bekannt vor :-).
    An einem Kind den Body etc abfummeln,mit der anderen Hand Kind zwei bespaßen.aaah!Ruhe!der Schneebesen ist spannend.Rummms, hat man sich das Teil selbst auf die Murmel gehauen und schon ist es mit der Ruhe vorbei.und man wünscht sich ganz schnell,es wäre schön 17 Uhr 🙂

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    1. doppelkinder sagt:

      Den Schneebesen könnte ich auch mal wieder rausrücken! 😂

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  3. Lena sagt:

    Als ich noch keine Kinder hatte und so um 9 mit einem Becher Kaffee am Büroschreibtisch langsam wach wurde, sagte eine Kollegin, sie habe um diese Zeit schon drei Stunden „Kampf“ mit ihren Kindern hinter sich und könne sich jetzt endlich etwas entspannen. Inzwischen weiß ich sehr gut was sie damals meinte…

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    1. doppelkinder sagt:

      Stimmt, ich denke auch sooo oft, dass ich früher nie wirklich Stress hatte 😃

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  4. *haha* Unsere sind nun bald zwei und die Kämpfe sehen noch ziemlich gleich aus 🙂 Aber ich mag mich gut erinnern – Während Du mit dem einen den Windelkampf austrägst, klaut der andere die frische Windel, die Po-Tücher und am liebsten gleich auch noch die volle Windel. Gehst Du dem Dieb nach, verwüstet der Zurückgelassene die Umgebung *hihi*

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    1. doppelkinder sagt:

      Das wird doch garantiert nicht einfacher, je mobiler die Kinder werden! 😃

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      1. Überraschenderweise doch 🙂 Aktuell sind sie 22 Monate und beginnen nun mir mitzuhelfen, wenn ich den jeweils anderen wickle 😀 Davor war es allerdings tatsächlich lange und oft schwierig… Aber Du siehst: Besserung in Aussicht *hihi*

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      2. doppelkinder sagt:

        Na, das lässt mich hoffen 😀

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  5. Hanna sagt:

    Wow, gar nicht so schlecht Morgenwäsche bei den Kindern in 36 Minuten gemacht! 😉 Das meine ich ernst, denn ich habe 15 Monate alte Zwillingsjungs. Ich lese gerne deine Artikel, weil du schön undogmatisch und witzig schilderst und nicht darüber schreibst, wie alles Mutter/Vater es besten machen sollte…. Habe schon bei manchem Artikel gedacht: „Ach tut das gut, dass das jemand auch mal so sieht…“
    Viele Grüsse aus Santiago de Chile

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    1. doppelkinder sagt:

      Vermutlich wird es mit der Zeit immer länger dauern 🙈. Vielen Dank für dein nettes Feedback, das freut mich sehr! Und dann so ferne Grüße, das ist ja spannend!!! Ganz liebe Grüße aus dem kalten Dortmund!

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  6. dashuhn85 sagt:

    Wir nennen das liebevoll „windelringen“ 😃

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    1. doppelkinder sagt:

      Hahaha, sehr treffend!

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  7. Kathi sagt:

    Pfuuuh. Mir steht beim Lesen schon der Schweiß auf der Stirn….😛

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  8. Danke. Ich bleib kinderlos. 🙂

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      1. Wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht. 🙂

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      2. Überraschung! Ich habe jemanden mit zwei Kindern. ❤ Nur ist sie so weit weg….

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