Emotionale Flugbegleitung: Es ist nur eine Autonomiephase

Der Podcast zum Text – zum Reinhören einfach anklicken:

 

Am Montag war wieder so ein Tag. Nein. Eigentlich stimmt das nicht. Zwar barg der Tag einige ungemütliche Situationen, doch ihn komplett in die „kann weg“-Schublade zu stecken, wird ihm auch nicht gerecht. Der Morgen begann eben einfach schon anders als ich ihn geplant mir gewünscht hätte. Der zusammengeklappte Wäscheständer, der unter lautem Getöse auf dem Laminat zu Boden ging, war der erste, der mir am Morgen einen Strich durch die Rechnung machte. Ich habe ja gerne die erste Stunde des Tages für mich. Doch so „befreite“ mich bereits um 6.20 Uhr der zweitgeborene Zwilling von der selbstverordneten Einsamkeit, verspeiste mein Frühstück und weckte dann seinen Bruder. Bis zur Tagesmutter kamen wir dann emotional recht unfallfrei.
Zurück zuhause wollte ich auf die Schnelle ein paar kosmetische Korrekturen an den hygienischen Bedingungen unserer Wohnung vornehmen. Aufgrund der deutlichen Vernachlässigung in den vorherigen Tagen nahm das allerdings wesentlich mehr Zeit in Anspruch als ich dachte. Die Küche war gegen 11 Uhr gerade wieder auf Werkseinstellung zurückgesetzt, da ging der Anruf der Tagesmutter ein: Kind traf auf Brombeerstrauch, die Verletzungen seien nur oberflächlich, aber das „Mama Arm, Aua“, das mein sonst so tapferer Zweitgeborener in Dauerschleife äußerte, bereite ihr doch etwas Sorge. Also setzte ich mich nicht vor den Laptop, sondern hinter das Lenkrad, um die Zwillbos außerplanmäßig vor dem Mittagsschlaf wieder einzusammeln. Binnen meiner Anreise hatte sich das Kind wieder gefangen, um dann mit meinem Eintreten in die Betreuungsräumlichkeiten augenblicklich stimmungstechnisch in sich zusammen zu sacken. Ihn schmerzte die Hand, er verstand nicht, warum er jetzt mit nach Hause fahren sollte. Bleiben wollten er und sein Zwillingsbruder angesichts meiner Person allerdings auch nicht mehr.

Systemabsturz

Die Mittagsmüdigkeit war wohl das Zünglein an der Waage zum Systemabsturz. Wir kämpften uns durch mehr oder weniger 40-minütiges Dauerweinen, eine Autofahrt und die Herausforderung, zwei ziemlich erledigte Kleinkinder in die zweite Etage zu schaffen. Haben wir irgendwie bewerkstelligt. Es gab schon schönere Momente in unserem Familienleben, doch wir haben es geschafft – Superheldenkräfte werden bei der Geburt nämlich gleich mitgeliefert.

Alleine machen. Alles. Kleinkind in der Autonomiephase.

Als beim improvisierten Mittagessen der Quinoa mehr Boden- als Löffelkontakt hatte, konnte ich noch ganz gut mit tiefem Atmen einem mütterlichen Geduldsverlust entgegenwirken. 30 Minuten später waren die Reserven meiner Langmut dann aufgebraucht. Ich wollte, dass die Jungs schlafen. Die Jungs wollten durchs Bett hopsen, das Bilderbuch in seine Einzelteile zerlegen und das Nervenkostüm ihrer Mutter gleich mit – letzteres lief relativ erfolgreich. Neuerdings fordert mich nämlich oft bei der Einschlafbegleitung ein Kind auf, den Raum zu verlassen, während das andere meine Anwesenheit wünscht. Manchmal ist man auch sich uneinig bei der Wahl des Schlaflieds und darüber, ob überhaupt gesungen werden soll. Oder man beschließt in Eigenregie, das Bett wieder zu verlassen. Während der eine also die ganze Zeit „Mama geck [Mama weg]“ ruft, tönt es aus der anderen Ecke „Mama dableiben!“ und wahlweise „Mama singen/Mama nicht singen/Mama anders singen!“. Das Unvermögen, mich in zwei Hälften zu teilen überfordert mich stets.

Irgendwann habe ich ziemlich laut und präzise meinen Unmut geäußert. Die Zwillbos begriffen den Ernst der Lage und schliefen binnen zwei Minuten ein. Ich persönlich mag es nicht sonderlich, in solchen Situationen laut zu werden und gewissermaßen die Kontrolle zu verlieren. Aber mir ist auch klar, dass jeder Geduldsfaden irgendwann mal porös wird. Glücklich bin ich in solchen Momenten nicht, aber ich finde unter Stress nicht immer eine andere Lösung. Oft treffen an solchen Tagen zwei Komponenten auf einander: Kleinkinder in der Autonomiephase – die ja zur Grundausstattung unseres Alltags gehören – und mütterliche Müdigkeit. Letztere ist ebenfalls zur Standardeinstellung geworden, aber es gibt eben immer Tage, an denen ich noch müder bin.

Äußerlich ruhig, innen Druckkochtopf

Der Nachmittag gestaltete sich durchwachsen mit einem Rahmenprogramm aus Spielen, etwa 20 Situationen, in denen ich meine Fähigkeiten als Ombudsmann weiter ausbauen konnte – beispielsweise als ich die Jungs bat, die Teebeutel, die sie zum Spielen aus dem Schrank entwendet hatten, demokratisch unter sich aufzuteilen sowie weiteren zahllosen Begebenheiten, in denen die Kinder die Nerven verloren. Fahrradhelm lässt sich nicht schließen. Fahrradhelm lässt sich nicht öffnen. Fahrrad bleibt nicht von alleine stehen. Fahrrad ist rot und nicht blau. Ich bin ruhig geblieben, auch wenn es mich innerlich zum Kochen gebracht hat.

Selbstbestimmung bei der Kleiderwahl.

In den wenigen Augenblicken, die verhältnismäßig entspannt von Statten gingen, blätterte ich durch ein Familienmagazin. Ein Artikel befasste sich mit der Autonomiephase. Hallo! Wenn Sie die suchen, die ist hier!!! Ich bin froh, dass in der Zeitschrift einmal mehr mit dem Begriff „Trotzphase“ aufgeräumt wurde. Denn ich finde ihn irreführend und despektierlich. Schließlich geht es Kleinkindern nicht darum, grundlos Widerstand gegen uns Erwachsene zu leisten, Anliegen tyrannisch durchzusetzen und immer nur Grenzen auszutesten. So kommt es bei uns oft an und leider wird es auch noch all zu oft so vermittelt.

Doch hat mich der Artikel einmal mehr daran erinnert, worum es hier eigentlich gerade geht: um intensive Gefühle wie Wut und Enttäuschung, die das unausgereifte Kinderhirn mit voller Wucht fluten. Da geht dann gar nichts mehr. Error. Systemabsturz. Im emotionalen Kosmos eines Zweijährigen ist es nämlich tatsächlich eine absolute Katastrophe, wenn einem das fünfte Wassereis versagt bleibt. Oder noch nicht verzehrbereit, weil flüssig ist. Jetzt gerade entwickeln die Jungs eigenständige Persönlichkeiten. Wie wichtig ist es denn dafür, NEIN sagen zu dürfen, sich selbst für Gummistiefel zu kurzen Hosen und zwei verschiedene Strümpfe zu entscheiden? Es geht meines Erachtens nicht vordergründig um gewinnen oder verlieren, es geht darum, dass die Kinder in Situationen, in denen es möglich ist, spüren, „Hey, ich bin wer, meine Meinung und mein Gefühle werden wahrgenommen und respektiert!“.

Schwerpunkt: Deeskalation

Mir wurde durch diesen Tag mal wieder mein aktueller Job bewusst: emotionale Flugbegleiterin mit Deeskalationsspezialisierung. Mads und Pepe üben gerade, mit ihren Gefühlen zurecht zu kommen, sie kennenzulernen, sie auszuhalten, auszudrücken, auszusprechen und irgendwann adäquat mit ihnen umzugehen. Wie viele Menschen dabei im Kleinkindalter auf eine gute Unterstützung verzichten mussten, sieht man an überfüllten Wartelisten von Psychotherapeuten und der steigenden Zahl scheiternder Beziehungen. Weggedrückte Gefühle machen krank, den Körper und die Seele. Und nichts anderes passiert, wenn wir von kleinen Kindern verlangen, sich zusammen zu reißen.

Atmen. Es ist nur Wasser.

Es gibt gute Bücher und Blogbeiträge darüber, wie man mit derartigen Gefühlsausbrüchen umgehen kann. Ihre Essenz: Verständnis zeigen, emphatisch sein und respektvoll bleiben. Natürlich verliert man auch als Eltern mal den Kopf. Aber dann kann man sich erklären. Ich versuche, mit den Zwillbos über ihre Gefühle zu sprechen – und über meine. Über unsere Wut, unsere Enttäuschung, unsere Traurigkeit und natürlich unsere Freude. Das hilft immer ein riesiges Stück weiter. Dann gibt es natürlich am Ende nicht zwangsläufig ein fünftes Wassereis. Aber die Kinder fühlen sich verstanden und gesehen.

Das ist oft anstrengend. Aber heute morgen ging mir irgendwie auf, was für eine große Ehre es für mich eigentlich ist, diese Aufgabe übernehmen zu dürfen. Ich darf die Jungs kompetent im Umgang mit ihrer Seele machen. Wow. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass das Leben für mich diese Aufgabe vorgesehen hat. Danke, dass du mir das zutraust, ich geb‘ mir Mühe! Echt!

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Karen sagt:

    Ich bin so bei dir! Unsere Maus ist zwei Wochen älter als dein Duo und da stoße ich schon an meine Grenzen. Tief durchatmen und sich bewusst machen, dass sie mich nicht mit Absicht in den Wahnsinn treibt – Dinge, die uns den Tag retten.

    LG von der gleichen Fluggesellschaft^^

    Gefällt 1 Person

    1. doppelkinder sagt:

      Hahahaha, Danke dir! Und es ist einfach so krass, dass man für sowas als Eltern eigentlich gar nicht ausgebildet ist und sich erstmal alle Kenntnisse in punkto Kleinkind selbst aneignen muss. Viele Grüße!

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