Die Kunst des Loslassens

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Muttersein ist das größte Paradoxon, das mir je untergekommen ist. Schon mit der Durchtrennung der Nabelschnur bei der Geburt lautet das Motto „Loslassen und festhalten zugleich“. Die Kinder streben mit jeder Minute mehr in die Welt und wollen und müssen doch getragen werden.

In dem Augenblick, in dem die Zwillbos entdeckten, dass sie sich selbstständig vom Fleck bewegen können, setzte bei ihnen neben großem Erkundungsdrang ebenso große Panik ein. Wie beunruhigend, wenn ich mich wegbewegen kann, können Mama und Papa das wohl auch. Huch, mit so viel Kontrolle über mein Leben bin ich überfordert. Vielleicht sind das Gedanken und Gefühle, die die ersten eigenständigen Fortbewegungen meiner Kinder begleiten. 

Babys brauchen einen Verbündeten

Dass man als Mutter ähnlich tickt wie sein frisch ausgelieferter Nachwuchs, das wird einem ziemlich flott klar. Man ist dünnhäutig, sensibel, schnell überfordert mit all dem Neuen, und wehe, man ist nicht ausgeschlafen – dann ist das Geheule groß. Mir hat mal eine kluge Hebamme gesagt, das sei schon ganz richtig so, dass Mütter so fühlen. So seien die Babys mit all ihren Ängsten und Nöten nicht allein, sondern hätten schon jemanden, der ebenso empfindet wie sie, der sie nachvollziehen kann. 

Manchmal geht’s nicht miteinander. Aber ohne einander auch nicht.

Wie ambivalent die Gefühlswelt zwischen Müttern und Kindern ist, wird mir immer so richtig bewusst, wenn die Zwillbos total anstrengend sind. Wenn sie Phase haben (Danke Chaoshoch2 für diesen Ausdruck!). Wenn sie zu kleinen Kotzbrocken mutieren, denen man es scheinbar nicht recht machen kann. Die an einem kleben und damit doch nicht zufrieden sind. Die die streichelnde Hand wegstoßen, den Kopf mit missmutig verzogenem Schnütchen vor dem mit liebevoll selbstgekochten Brei gefüllten Löffel wegdrehen, die jedes Spielzeug in die Ecke donnern, das man ihnen anreicht. Dann dauert es nicht lange, und ich fühle mich genauso wie meine Kinder. Dann laufen die Tränen und ich möchte mich auf den Boden werfen und brüllen. Oder jemanden an den Haaren ziehen oder kratzen.

Trennung nur mit Zähneknirschen 

Nun sollte man annehmen, dass ich ein Fluchtangebot oder ein Nur-Hinflugticket nach ganz weit weg in solchen Momenten dankend und ohne viel Aufhebens annehmen würde. Weit gefehlt! Das sind die Stunden, in denen ich mich an die Kinder klammere, in denen ich sie kaum mal ihrem Vater oder ihrer Oma in den Arm oder Kinderwagen legen kann, um mal kurz auf Abstand zu gehen. Selten kann ich mich so schwer trennen, als wenn die Zwillbos so richtig ungemütlich werden. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, woran das liegt, muss dieses Mutterding sein. Dabei wäre es wohl oft in genau diesen Situationen richtig, einmal loszulassen und Kraft zu tanken. Deswegen zwinge ich mich manchmal dazu. Dann lasse ich den Papa machen. Zähneknirschend. Und lerne, mich zu sammeln.

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Oh das hatte ich schon wieder vergessen – Das mit dem Wegstossen der streichelnden Hände, Wegwerfen des tröstenden Spielzeuges und Mami sich dann irgendwann selbst hinlegen und heulen will 😂

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    1. doppelkinder sagt:

      Oh, das bedeutet wohl, es hört auf!!!?! 😂

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  2. Oh ja, das kenn ich gut. Und ich glaube, dass dieses ‚Mamading‘ sehr wertvoll ist – sonst würden wir alle schon nach kurzer Zeit die Sachen packen und unsere Kinder verlassen 😂. Ein überlebenswichtiges Paradoxon!

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    1. doppelkinder sagt:

      Das hast du schön gesagt! 😊

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