Kind fragt, Mutter denkt: „Mama, was ist eigentlich reich?“

Ich liebe die Fragen, die meine dreijährigen Söhne stellen. Zumindest meistens. Sie sind nicht immer bequem, bringen mich aber so, so oft dazu, meinen Blick auf die Welt zu hinterfragen, zu reflektieren und zu einem neue Ergebnis zu kommen.

Philosophische Gespräche zum Frühstück

„Mama“, fragt einer der Zwillinge neulich beim Frühstück, „was ist eigentlich ‚reich‘?“ Huch, denke ich mir zunächst, das ist mal leicht! Aber dann komme ich ein wenig ins Grübeln. Mein erster Impuls ist zu antworten, dass Menschen, die viel Geld besitzen, reich sind. Zum Glück meldet sich aus irgendeinem Winkel meines Gehirns doch noch ein helleres Licht.

„Wir sind reich“, sage ich. Wir sind Menschen, die genug Geld haben, um sich immer etwas zu Essen zu kaufen. Wir haben eine schöne Wohnung, können verreisen und wenn ihr Wünsche habt, können wir euch viele davon erfüllen.“ 

…und was ist eigentlich Armut?

„Der arme Mann vorm Netto ist nicht reich“, entgegnet darauf mein anderer Sohn. Auf dem Weg zur Kita treffen wir oft einen älteren Herrn, der all sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen aufbewahrt. Hin und wieder sehe ich auch, dass er im Schutze einer Kirche hier in der Nähe schläft. 

Die Kinder wissen das. Was es mit ihnen macht, vermag ich nicht genau zu sagen. Ich glaube, mein Schmerz darüber, dass sie in ihrem Leben um sich herum viel Leid und Traurigkeit erfahren werden, ist in solchen Momenten größer. Viel wichtiger ist jedoch, dass sie erleben, dass wir mit diesen Menschen sprechen. Dass wir ihnen Geld geben, etwas vom Bäcker mitbringen, ihnen Obdachlosen-Zeitungen abkaufen, sie nicht ausgrenzen, sondern voller Respekt behandeln.

Überfluss, obwohl man nur wenig hat?

Ich bin schon versucht, meinem Sohn zuzustimmen und zu sagen, dass der obdachlose Mann vorm Supermarkt nicht reich ist. Da geht in meinem Kopf wieder das Licht an. „Zumindest besitzt er nicht so viele Dinge wie wir“, antworte ich, „aber man kann sich auch sehr reich fühlen, obwohl man nichts besitzt.“

Ich sehe, wie sich langsam Fragezeichen auf die Stirnen der Kinder schreiben, und merke, dass ein philosophischer Diskurs über Reichtum, der gerade in mir losbricht, für sie eine Nummer zu groß ist. „Wisst ihr, es ist gar nicht so leicht zu sagen, wann jemand reich ist und wann nicht. Ich zum Beispiel fühle mich jeden Tag sehr, sehr reich, weil ich euch in meinem Leben habe. Unsere Familie ist mein größter Schatz.“

Materieller Reichtum ist nicht alles

Die Söhne nicken. Vielleicht auch nur, damit ich aufhöre zu reden und sie spielen gehen können. Ich denke noch viel über Reichtum nach, über den Mann vorm Supermarkt, der vielleicht viel reicher ist als wir alle zusammen, weil er sich frei fühlt. Ich habe keine Ahnung und es steht mir auch nicht zu, das zu beurteilen.

Ich merke allerdings an diesem Morgen einmal mehr, wie gewichtig Worte sind. Meine Söhne werden erfahren, dass Reichtum etwas ist, das viele Menschen anstreben. Wenn sie weiter hinaus in die Welt gehen, möchte ich etwas in ihren Herzen gesät haben. Den Samen einer Ahnung, das leise, aber sichere Wissen, dass das, was die Gesellschaft gemeinhin als gut, schlecht oder erstrebenswert ansieht, nicht immer das Nonplusultra sein muss. 

Sie sollen Reichtum nicht per se im Materiellen sehen und suchen, das möchte ich ihnen nicht unüberlegt durch unbedachte Worte einimpfen. Ich wünsche mir, dass sie einen Blick für das entwickeln, was ist, nicht für das, was fehlt.

Das schöne im Fokus haben

Ich selbst darf mich darin Tag für Tag üben. Nicht auf den Mangel zu schauen, auf das, was ich noch nicht erreicht, verdient, gekauft oder gesehen haben. Ich schöpfe Kraft, wenn ich mich auf den Reichtum in meinem Leben fokussiere und jeden Tag dankbar bin für meinen Mann, meine Kinder, unsere Sicherheit, den Frieden, in dem wir leben, meine Freiheit, meine Arbeit, meine Möglichkeiten und mein Umfeld. Leckeren Kaffee. Ein freundliches Gesicht in einer anonymen Menschenmenge.

All das gibt mir Freude an dem, was ich habe, und gleichzeitig Kraft zu träumen und mich auszustrecken nach dem, was ich mir noch für mein Leben wünsche. Denn auch das ist erlaubt. Weil ich es mir erlaube.

 

PS: Möchtest du wissen, wie du das Schöne in Deinem Leben mit einer ganz einfachen Gewohnheit und ohne große Anstrengung vermehren kannst? Dann teile ich demnächst ein paar Coaching-Tipps dazu…

2 Comments

  1. Auch wenn man beim Vermögen bleibt, kommt Reichtum auf die Perspektive an. Im Gegensatz zu anderen Flecken auf unserer Erde sind wir mit Sicherheit reich. Wasser direkt aus der Leitung! Einfach in den Supermarkt gehen und sich etwas zu essen kaufen (können)! Eine Wohnung, vielleicht ein Auto. Bezogen auf die westliche Welt ist für mich reich, wer nicht arbeiten gehen muss, weil sein Vermögen so groß ist, das es selbst Geld einbringt (durch Mieteinnahmen bei Immobilien oder Rendite aus Aktien zum Beispiel).

    1. Oooh ja, da hast du so recht!!! Und es ist einfach auch immer eine total individuelle und subjektive Bedeutung, die Reichtum für Menschen hat…

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